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Theologe Schorlemmer: Christen müssen mutiger gegen Missstände anschreien

Theologe Schorlemmer: Christen müssen mutiger gegen Missstände anschreien

Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer hat von Christen mehr Mut im Kampf gegen Missstände eingefordert. Auch dafür sei der Kirchentag als Podium wichtig, sagte der frühere DDR-Bürgerrechtler der Leipziger Volkszeitung.

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Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer fordert mehr Mut von den Christen.

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. "Christen müssen gegen schreiende Ungerechtigkeit in der Welt anschreien, es reicht nicht, sich mit der Sammelbüchse vor Weihnachten auf die Straße zu stellen."

Allerdings müsse aus der Empörung auch Ermutigung erwachsen, die Ursachen anzugehen. "Aus Wut soll Mut werden", so Schorlemmer. Dabei sei es nicht Aufgabe der Kirche, Politik mit anderen Mitteln zu betreiben. "Kirche ist nur Kirche, wo sie für andere da ist, sie betreibt nicht Parteipolitik mit anderen Mitteln, aber sie fragt stets nach dem Gemein-Wohl in Freiheit." Deshalb dürfen Kirche nie vergessen, die einzelne Seele zu trösten, zu ermuntern und aufzurichten. "Christen wollen diese schöne, bedrohte Welt mitgestalten. Wenn sie sich aber nicht mehr um Politik kümmern, verabschieden sie sich schon vor ihrem Ableben ins Jenseits."

Schorlemmer warnte davor, unbequemen Debatten auf dem Kirchentag auszuweichen. "Wir gießen manchmal zu oft süße Soße über die Probleme." So müsse beispielsweise in der Migrationsfrage klar sein: "Wer hier leben will, der muss die hier gültigen kulturellen Rahmenbedingungen anerkennen." So sei etwa die Gleichberechtigung von Frauen unverzichtbarer Bestandteil unserer Kultur. "So wichtig es ist, die Stimme gegen Stimmungsmacher zu erheben: Ein Staat kann sich auch Rechtspopulisten züchten, wo die eigene Kultur überfordert wird", so Schorlemmer.

Der Wittenberger Theologe  ist zufrieden, dass der Kirchentag wieder so politisch ist wie in den 80er Jahren. "Der Kirchentag ist wieder politischer geworden und das ist gut so." Das Christentreffen knüpfe wieder an die großen Gesellschaftsthemen der 80er Jahre, wie Frieden, Umweltschutz oder Atomausstieg an. "Es brauchte die furchtbare Katastrophe von Fukushima, damit wir wieder aufgewacht sind", so Schorlemmer.

Der auch auf dem Dresdner Kirchentag wieder viel gefragte Theologe hält es für falsch, wenn der Kirchentag mit dem Papst-Besuch im September um die besten Fernsehbilder konkurrieren wollte. "Soll doch der Papst wieder eine Show zelebrieren. Warum sollten wir um die besten Fernsehbilder wetteifern? Nein, unser Glauben mag getrost schnörkellos bleiben." So siege zwar oft das Spektakel, um in den Medien gehört zu werden. "Wenn sich einer bei der Bibelarbeit in Dresden nackig machte oder eine Sarrazinade losließe, gäbe es deutschlandweit Schlagzeilen", merkte Schorlemmer launig an. Doch ein Kirchentag, der nur Event sein wollte oder nur kritisch ist, der wäre nicht vom Evangelium geleitet.

Zur Ökumene sagte Schorlemmer, sie könne nur in versöhnter Verschiedenheit gelingen. Das verlange aber nach Ehrlichkeit auf beiden Seiten. "Es darf sich nicht Ökumene nennen, was nicht Ökumene ist. So lange Rom in seiner Selbstherrlichkeit mündigen Christen vorschreibt, ob sie eine Einladung zum heiligen Abendmahl einer anderen Kirche annehmen dürfen oder nicht, so lange werden Dispute des 16. Jahrhunderts weitergeführt. Das will ich nicht."

Ökumene könne gelingen, wo Vernunft und Glaube, Handeln und Meditieren, Einheit und Wahrheit in der Balance bleiben. "So hübsch rote Schuhchen sein mögen - warum klettert der Papst nicht auf den Wartburg-Hügel?" ,fragte Schorlemmer in Anspielung auf den Deutschland-Besuch Benedikts im September. "Immer geht es um Bibel-Übersetzung in die Zeit! Und dafür steht der Christ Luther mit einem genialen Wurf." Aber auch in der Ökumene seien immer Wunder möglich. "Denn wer keine Wunder mehr für möglich hält, ist kein Christ", so Schorlemmer.

Olaf Majer

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