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Tod trotz Notarzt: Kripo klärt Delitzscher Fall

Tod trotz Notarzt: Kripo klärt Delitzscher Fall

Ein Mann in Delitzsch stirbt, weil zwei Krankenhäuser ihn nicht aufnehmen können. In der Notaufnahme der dritten Klinik können die Ärzte dann nichts mehr für ihn tun.

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Schnell war der Rettungsdienst. Doch der Zustand des Patienten verschlechterte sich rasanter als eine Klinik gefunden wurde.

Quelle: dpa

Wie konnte das passieren? Gab es medizinische Fehler oder schlechte Kommunikation? Das klärt jetzt die Kripo. Eine Rekonstruktion.

Es ist eine tragische Geschichte über missglückte medizinische Hilfe. Irgendwann in den Abendstunden des 3. Februar geht ein Notruf in der Rettungsleitstelle Delitzsch ein. Die Betreuerin einer Außenwohngruppe des Behindertenzentrums Delitzsch hat 112 gewählt, weil einer ihrer Bewohner am Markt einen Krampfanfall habe. Der Mann sei Epileptiker, erklärt sie. Und beschreibt ihn als nicht ansprechbar. Der Diensthabende in der Leitstelle drückt sofort den Alarmknopf. Ein Notarztwagen und ein Rettungswagen des in Delitzsch zuständigen Deutschen Roten Kreuzes rücken aus. Der Notarzt wird instruiert. Mit Blaulicht und Signalhorn fahren die Autos zum Markt. Dort finden die Mediziner den noch nicht 50-jährigen Mann, bergen ihn auf die Tragbare, laden ihn in den Rettungswagen und verabreichen dem Hilflosen ein Medikament, das die Krämpfe lösen soll. Dann geht es weiter ins Kreiskrankenhaus Delitzsch.

Dort wird der Patient in der Notaufnahme untersucht. Der epileptische Anfall bestätigt sich. Der Patient sei bewusstlos, sein Zustand sei aber stabil, heißt es. Von Lebensgefahr ist keine Rede. "Auf Grund des primär neurologischen Befundes, der sich sowohl bei der Untersuchung durch den Notarzt als auch in der Rettungsstelle der Klinik Delitzsch bestätigte, wurde seine Weiterverlegung in eine Fachklinik zur neurologischen Abklärung vorgenommen", teilt Angelika Stoye mit. In der ihr unterstehenden Rettungsleitstelle sind die Abläufe dokumentiert. Stoye ist Ordnungsdezernentin des für den Rettungsdienst zuständigen Landratsamtes Nordsachsen. Am Delitzscher Klinikum gibt es keinen Neurologen, deshalb wird die Einlieferung in ein sogenanntes Vollversorgerkrankenhaus empfohlen. Das nächste ist das St. Georg in Leipzig.

Dort geht in den Abendstunden eine telefonische Anfrage von der Leitstelle Delitzsch ein, ob ein Notfallpatient mit einem epileptischem Anfall übernommen werden könne. Das wird abgelehnt. "Aufgrund der Tatsache, dass unsere neurologische Kapazität voll ausgelastet war, haben wir gebeten, diesen Patienten in ein anderes Krankenhaus zu verlegen", sagt ein Sprecher gegenüber der LVZ. Dass der Verunglückte sich möglicherweise in Lebensgefahr befand, habe man im Klinikum St. Georg nicht gewusst. "Zu keinem Zeitpunkt wurde uns mitgeteilt, dass sich der Patient in einem kritischen oder gar lebensbedrohlichen Zustand befand. Mit dieser Information hätten wir den Patienten selbstverständlich sofort aufgenommen", sagt der Sprecher.

Das Landratsamt bestätigt, dass zunächst das Klinikum St. Georg in Leipzig avisiert war. Auch die Ablehnung wegen Belegung aller Kapazitäten für neurologische Patienten wird bestätigt. Der Rettungswagen erhält die Aufforderung, direkt in das Sächsische Landeskrankenhaus Altscherbitz zu fahren. In der Notaufnahme der Helios-Klinik in Schkeuditz kümmert man sich um den Patienten. Dessen Zustand hat sich inzwischen verschlechtert. Das Klinikpersonal kämpft gemeinsam mit dem Delitzscher Notarzt um ihn. Sie versuchen über eine Stunde lang, ihn zu reanimieren. Doch vergeblich. Der Patient verstirbt in der Notaufnahme.

Die Helios-Klinik Schkeuditz will sich zu dem Fall nicht äußern. "Vor dem Hintergrund der ärztlichen Schweigepflicht und mit Rücksicht auf die Angehörigen können wir Ihnen keine Angaben geben", teilte eine Sprecherin auf LVZ-Anfrage mit. Mit der gleichen Begründung lehnen die Geschäftsführung des DRK-Kreisverbandes Delitzsch und die Geschäftsführung des Behindertenzentrums Informationen ab.

Handelt es sich bei diesem Fall um eine Verkettung tragischer Umstände oder wurden Fehler gemacht? "Die Leitstelle hat ordentlich funktioniert. Notarzt und Rettungsdienst wurden in Gang gesetzt", sagt Rayk Bergner, Sprecher des Landratsamtes Nordsachsen. Auch Notarzt, Rettungssanitäter und Krankenhauspersonal haben gute Gründe für ihr Handeln. Hatte der Notarzt alle nötigen Informationen über den Patienten? Starb dieser, weil es in einem Krankenhaus keinen entsprechenden Facharzt und in einem anderen nicht die nötigen Kapazitäten gibt? Wurden Verletzungen übersehen? Nach LVZ-Informationen soll der Mann auf der Straße vor seiner Wohnung gefunden worden sein. Bei späteren Untersuchungen soll sich herausgestellt haben, dass er weitere schwere Verletzungen wie einen Unterschenkelbruch erlitt, die nicht erkannt worden seien. Die Fraktur könne auf einen Sturz aus großer Höhe deuten. Wurde auch das nicht erkannt, obwohl er direkt vor seiner Wohnung gefunden worden sein soll? Diese Fragen klärt jetzt die Kriminalpolizei. Sie ermittelt Umstände und Ursache eines Todes trotz Rettungsdienst.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.02.2014

Andreas Friedrich

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