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Tröglitz: Feuerwehrchef sieht Versäumnisse

Schlechte Informationspolitik Tröglitz: Feuerwehrchef sieht Versäumnisse

Am 4. April 2015 ging in Tröglitz im Burgenlandkreis eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Flammen auf. Andreas Buchheim, Gemeindewehrleiter der Gemeinde Elsteraue, sieht in der vorangegangenen Informationspolitik der Kommune Versäumnisse.

Andreas Buchheim zieht Bilanz bei der Wehrleiterdienstberatung mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU).
 

Quelle: Steffi Robak

Tröglitz/Magedburg.  „Der Ablehnung gegen Flüchtlings-Unterkünfte kann man nur mit gnadenlos offensiver Informationspolitik begegnen. Das können und müssen wir alle aus Tröglitz lernen.“ Dieses Fazit zieht der Gemeindewehrleiter der Gemeinde Elsteraue, Andreas Buchheim, „aus Sicht eines einfachen Feuerwehrmannes“, wie er sagt. „Tröglitz ist bei Weitem leider nicht der Einzelfall, als welcher das Ereignis oft hingestellt wird.“ 2015 sind deutschlandweit 817 Angriffe auf Flüchtlinge und Unterkünfte zu verzeichnen, hat er recherchiert. 26 davon waren Brandstiftungen.

Der 35-Jährige fungiert als Einsatzleiter, als in den frühen Morgenstunden des 4. April nach einem Brandanschlag in Tröglitz ein Feuer gelöscht werden muss - in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft. Letzteres weiß der Gemeindewehrleiter zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Heute bezeichnet er die Informationslücke als ein großes Versäumnis. „Die Feuerwehr hätte auf die besondere Situation vorbereitet sein müssen. Doch wir hatten keine Chance dazu“, sagt er.

Bei der jüngsten Dienstberatung mit den Stadt-und Gemeindewehrleitern in Magdeburg, zu der Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) jährlich Gemeindewehrleiter aus ganz Sachsen-Anhalt begrüßt, bekommt Buchheim Gelegenheit, vor rund 80 Anwesenden sein Fazit zu ziehen. Dieses gibt er Vertretern aller Landkreise und Kommunen Deutschlands mit auf den Weg, wie er betont: „Auch wenn ich den Wunsch nach Zurückhaltung bei den Verantwortlichen verstehen kann: Es bringt nichts, die Dinge so lange unter Verschluss zu halten, bis sie hochkochen und dann außer Kontrolle geraten. Nicht nur Feuerwehrleute, auch alle anderen Bürger müssen sich einstellen können auf das, was auf sie zu kommt - nicht erst, wenn es nicht mehr zu verheimlichen ist.“

Etwa zu Jahresbeginn wird bekannt: In dem Ortsteil der Gemeinde Elsteraue im Burgenlandkreis sollen 60 Flüchtlinge untergebracht werden. Das verlautet aus einer nicht öffentlichen Ratssitzung. Sofort kochen Gerüchte hoch. Über verschiedene Objekte im Ort wird spekuliert, dass sie angeblich für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden. Am 4. April eskaliert die Lage in dem Brandanschlag.

Bis dahin weiß Gemeindewehrleiter Andreas Buchheim nichts über den Zweck des Gebäudes. Er weiß nur, dass im Ort eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll, jedoch nicht, in welchem Objekt. Das Haus brennt bereits, da erfährt der Gemeindewehrleiter per Zufall, dass dort eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Flammen steht. „Ich bin bis heute entsetzt, wie wenig Vertrauen die Gemeindeverwaltung der Feuerwehr entgegen bringt“, so Buchheim.

In seiner Rückschau finden sich Passagen, wie sie jeder andere Einsatzleiter für jeden anderen Brand ebenso protokolliert hätte: Zwei eingesetzte Löschzüge, 49 Einsatzkräfte, zwei Bewohner konnten sich selbstständig außer Gefahr bringen. Außen- und Innenangriff nötig, es gibt mehrere Brandstellen. Eine Besonderheit: verteilt auf mehreren Etagen und Wohnungen werden Spuren von Brandbeschleuniger gefunden. Nach anderthalb Stunden heißt es „Feuer aus“, das war um 3.30 Uhr.

Den weitaus größeren zeitlichen Aufwand, nämlich bis 18 Uhr, habe es mit den so genannten Nachfolgearbeiten an der Einsatzstelle gegeben. „Zu den Restlöscharbeiten kommt ein riesiges Presse- beziehungsweise Medieninteresse“, schildert der damalige Einsatzleiter. Zur Dienstberatung empfiehlt er den anwesenden Stadt- und Gemeindewehrleitern: „Nur der Einsatzleiter darf gegenüber Medien Auskunft geben. Auf diese Disziplin müssen alle am Einsatz beteiligten Kameraden unbedingt eingeschworen sein.“ Zu unüberlegten und von Fremdenhass geprägten Kommentaren von Kameraden in sozialen Netzwerken sagt Buchheim: „Das setzte mich noch zusätzlich unter Rechtfertigungsdruck.“ Er empfiehlt für Einsätze, bei denen ein besonders hohes Medieninteresse absehbar ist, vorher einen Pressesprecher zu benennen.

Für Buchheim ist auch in einem anderen Punkt der Brandanschlag von Tröglitz noch nicht ad acta gelegt: In Flüchtlingsunterkünften mit zahlenmäßig hoher Belegung müssten Rettungsanweisungen generell mehrsprachig vorliegen. Vor Ort gehört ein Ansprechpartner beziehungsweise eine Verbindungsperson, und Ausweichunterkünfte sind zu stellen. Die Feuerwehrführungskräfte nimmt Buchheim ebenfalls in die Pflicht: „Bringen Sie sich ein in die Sitzungen Ihrer Stadt- und Gemeinderäte in Ihrem eigenen Wirkungsbereich. Sie müssen Verwaltungskräfte und Kommunalpolitiker eindringlich auf die besonderen Verhältnisse und auch Gefahren aufmerksam machen, die mit einem Einsatz wie in Tröglitz verbunden sind.“ Er wünscht sich einerseits einen besseren Informationsfluss vom Land über die Kreisverwaltungen und Gemeinden bis zu den Feuerwehren. Zudem benötigen seiner Meinung nach die Städte und Gemeinden den Rückenhalt aus der Politik in Form von finanzieller Unterstützung bei der Ausstattung der Flüchtlingsunterkünfte mit einem zweiten und dritten Rettungsweg. Augenmerk bei Neuausstattungen von Feuerwehren sollte beispielsweise auf Sprungrettern liegen. Buchheim: „In einem Fall wie Tröglitz – und das war leider kein Einzelfall – ist die Feuerwehr das letzte Zahnrad im Getriebe. Es kann nicht sein, dass die Kameraden Versäumnisse ausbaden, die im Vorfeld auf politischer Ebene gemacht wurden. Ich kann da nur sagen: Ja, wir schaffen das. Aber eben nur gemeinsam.“

Von Steffi Robak

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