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Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg im Interview: „Ich war ein Wurmfresser“

Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg im Interview: „Ich war ein Wurmfresser“

Ob als Weltenbummler oder Menschenrechtsaktivist – mit seinen Aktionen sorgt Rüdiger Nehberg weltweit für Aufsehen. Auch mit 75 Jahren hat er nach eigenen Aussagen immer noch mehr Pläne als Restlebenszeit.

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Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Er hat ein neues Buch geschrieben und setzt sich mit seiner Organisation Target gegen Genitalverstümmelung ein. Mit der LVZ spricht der Sir Vival über neue Ziele, die Ehe und die lebenslange Reise zu sich selbst.

Frage: Sie haben sich von einer Python würgen lassen und Wildschweine mit der Hand gefangen. Gibt es etwas, vor dem sie sich noch fürchten?

Rüdiger Nehberg: Ja, vor Folter. Im Grunde vor dem Menschen. Ob Schlange oder Wildschwein, das ist alles kalkulierbar. Aber der Mensch ist nicht einschätzbar - höchstens, wenn man mit dem Schlimmsten rechnet und sich dann angenehm überraschen lässt.

Wie ist Rüdiger Nehberg privat, beinhart oder Softi, der auch mal den Müll rausbringt?

Als beinhart würde ich mich nicht bezeichnen. In mir steckt ein weicher Kern. Ich liebe Gemütlichkeit, in meinem Fachwerkhaus ist jede Ecke zum Träumen. Ich habe kein Problem damit, den Müll raus zu bringen, schließlich sind meine Frau und ich gleichberechtigte Partner.

Während wir hier im Überfluss leben, haben Sie sich nackt durch den Dschungel gekämpft. Was braucht man wirklich, um zu überleben? Optimismus, ein paar Proteine, ein bisschen Fett, Kohlenhydrate und vor allem Wasser. Das meiste bieten mir die Insekten, quasi als Steak des kleinen Mannes. Im Urwald gibt es Würmer, die sind einen Meter lang. So ein Wurm über den Stock gewickelt und gegrillt, der hat mehr Fleisch als drei Thüringer Bratwürste. Schmeckt ekelhaft, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, und das tue ich auch.

Täte es uns gut, wenn wir uns wieder mehr auf das Wesentliche besinnen?

Ja, auf jeden Fall. Es wird uns ja jeder Pups vergoldet, jedes Denken beinahe abgenommen. Für alles gibt es irgendwo eine Steckdose, ein elektrisches Gerät oder ein anderes Hilfsmittel.

Hat das auch etwas mit bestimmten Werten zu tun?

Ich denke schon. Vor allem merkt man, was hier verloren geht, nämlich der Wert einer Demokratie. Werte wie Pressefreiheit, Redefreiheit, Sicherheit, Wohlstand und Bildungsmöglichkeiten, werden heute oft als selbstverständlich hingenommen. Viele Menschen haben nur noch das Ziel, immer mehr Geld mit immer weniger Arbeit zu verdienen. Viele wissen gar nicht, wie es ist, in einer Diktatur zu leben. Viele gehen

lieber auf eine Party, als zur Wahl. Das finde ich erschreckend.

Wie oft haben Sie auf ihren Reisen dem Tod ins Auge geblickt?

Ich habe ausgerechnet, dass ich 25 bewaffneten Überfällen entkommen bin. Ich hatte Glück. Zweimal haben sich Menschen als lebendes Schutzschild vor mich geworfen, um mein Leben zu retten.

Was war die extremste Erfahrung, die Sie gemacht haben?

Die Ermordung meines Freundes 1975 in Äthiopien am blauen Nil. Wir hatten uns gerade unterhalten, als zwölf Leute zu uns kamen. Er ging hin, um guten Tag zu sagen, und als er sich umdrehte, schossen sie ihm von hinten in den Kopf. Sein Gesicht fiel raus und lag auf dem Boden. Als ich das gesehen habe, habe ich mir in die Hose gemacht. Ich hatte noch lange danach Alpträume. Zum Glück konnten wir damals flüchten.

Gab es jemals die Alternative aufzuhören?

Nein, nie. Ich wollte immer kurz und knackig leben, statt lang und langweilig. Jetzt lebe ich schon lange und knackig. Und ich habe noch viele Pläne – mehr als Restlebenszeit.

Und welche?

Zum Beispiel das Ende der weiblichen Genitalverstümmelung zu erleben.

Was werfen Ihnen Kritiker vor?

Für einige war ich ein Würmerfresser, der sich ins Gespräch bringen will, wie die Dschungelcamper. Die haben nicht begriffen, dass die Würmer für mich eine Vorbereitung auf meine Reisen waren. Ich habe auch Kunden meiner Konditorei verloren, weil dort Hygiene besonders wichtig ist. Andere haben mir vorgeworfen, unvorsichtig zu sein und diejenigen in Gefahr zu bringen, die mich im Falle eines Unglücks retten müssten.

Und was entgegnen Sie darauf?

Ich habe meine Reisen nie leichtfertig organisiert, sondern immer so, dass ich mich im Notfall selbst retten konnte. Ich hatte für alle Situationen – ob Piraten, Wassermangel, Einsamkeit oder Kälte – ein Ass im Ärmel. Lieber wäre ich drauf gegangen, als mich von anderen retten zu lassen. Was die Konditorei angeht, so habe ich damit geworben, dass ich die sauberste Backstube Deutschlands hätte, weil ich jeden ertappten Mehlwurm persönlich vernichten würde – sozusagen als das umweltfreundlichste Insektenvertilgungsmittel.

Sie sind vom Einzelkämpfer zu einem Kämpfer für die Indianer und gegen weibliche Genitalverstümmelung geworden. Wie haben sich die Ziele und Inhalte Ihrer Reisen verändert?

Zunächst waren meine Ziele Neugier auf die Welt und Abenteuerlust. Bei meiner Begegnung mit den Indianern kam der Sinn hinzu. Der bestand darin, mich mit vielen Aktionen dafür einzusetzen, dass die Yanonami Frieden bekommen haben. Danach habe ich mich an das Thema Genitalverstümmelung gewagt. Der Kampf für andere gibt meinem Leben einen ganz neuen Inhalt, für mich ist es die totale Erfüllung.

Sie waren ihr Leben lang auf der Reise. War das auch eine Reise zu sich selbst?

In gewisser Weise schon. Ich habe erfahren, wie viel ich kann. Es kommt mir vor, als hätte ich fünf Leben gehabt. Ich habe so intensiv gelebt, dass es mir nichts ausmacht, dass sich meine Zeit langsam neigt. Ich bin 75 Jahre alt und bestehe nur noch aus einer Restsubstanz. Ich habe eine Brille, ein Hörgerät, ein Metallknie, keine Haare und keinen Blinddarm mehr. Die Kompostierung meines Körpers hat also schon begonnen. Bevor ich den Löffel abgebe, möchte ich noch mit dem Saudischen König in Mekka verkünden, dass Frauenverstümmelung eine Sünde ist, dann habe ich mein absolutes Lebensziel erreicht. Und genau das ist es, was ich auf den Reisen erfahren habe. Niemand ist zu gering, um etwas zu verändern, das ihn stört. Er braucht nur eine gute Motivation.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich habe viel Zeit vertrödelt in meiner Jugend, weil ich mir nicht zutraute, bestimmte Dinge zu tun. Rückblickend hätte ich gern früher mit den Aktivitäten für Menschenrechte anfangen.

Sie haben geheiratet und Ihre letzte Tour beendet. Sind Sie jetzt im am Ende Ihrer Reise angekommen?

Ein Hafen war für mich schon immer nur ein kurzer Halt um aufzutanken und dann weiter ranzuklotzen. Das gilt auch jetzt noch, denn ich werde mich weiter gegen die Genitalverstümmelung engagieren. In meiner Frau Annette habe ich dafür die perfekte Ergänzung gefunden. Sie ist viel jünger als ich und gleicht die Bereiche aus, in denen meine Energie nachlässt. Wenn ich irgendwann ins Gras beiße, muss die Arbeit weiter gehen, daher wollten wir uns zueinander bekennen. Die Hochzeit war für uns eher Nebensache, als wir gefragt wurden, wann unser Hochzeitstag ist, mussten wir bei Wikipedia nachgucken, weil wir es beide nicht wussten.

Sie haben in Ihrem Buch geschrieben jeder kann sein Leben nicht nur verdoppeln sondern sogar verdreifachen. Wie geht das?

Indem man mehr wagt, als man sich zutraut. Um etwas zu verbessern in der Schule oder am Arbeitsplatz, sollte man die Probleme abwägen, eine Strategie entwickeln und es einfach versuchen.

Was würden Sie jungen Leuten mit auf den Weg geben?

Sie sollen sofort ranklotzen, denn heute beginnt der Rest ihres Lebens.

Interview: Stefanie Büssing

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