Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Ungeliebte Tierfabriken: Die größten Tiermastbetrieb in Sachsen

Ungeliebte Tierfabriken: Die größten Tiermastbetrieb in Sachsen

Leipzig. Die jüngsten Skandale um falsch deklarierte Eier und Fleischprodukte oder nun auch krebserregende Schimmelpilze im Futtermittel lassen in Sachsen die Skepsis wachsen, ob in den Ställen alles mit rechten Dingen zugeht.

Vor allem die industrielle Massentierhaltung ist immer schlechter gelitten. Wir zeigen, wo in Sachsen größten Ställe für Hühner und Schweine stehen und wo weitere geplant sind.

"Ich esse gern Fleisch", räumt Rita Ebock aus dem Grimmaer Ortsteil Zschoppach (Landkreis Leipzig) ein. "Im Unterschied zu den meisten anderen Konsumenten weiß ich aber genau, wo das herkommt - und dass die geschlachteten Tiere vom Halter nie gequält wurden." Ihrer vierköpfigen Familie kommen nur noch Steaks und Hühnereier vom Bauernhof ihres Schwiegervaters auf den Tisch, versichert die 40-Jährige. Produkte aus industrieller Massentierhaltung sind ihr ein Graus: "Das ist Tierquälerei im ganz großen Stil!"

Ironie des Schicksals: Quasi vor ihrer Haustür, direkt am Rande des kleinen Dorfes nahe der Autobahn 14, soll eine Anlage mit 38000 Legehennen gebaut werden. "Das gefährdet das Leben in unseren Dörfern!", warnt die Krankenschwester, die das gemeinsam mit anderen Einwohnern verhindern will und eine Bürgerinitiative gegründet hat. "Die Umwelt wird durch solche Tierfabriken nachweislich kaputt gemacht", sagt Rita Ebock. "Wer will denn noch hier wohnen, wenn Luft, Boden und Trinkwasser verpestet sind!"

Das sieht Martina Schneider aus Doberschütz ähnlich. Die Vorsitzende der Regionalgruppe Westsachsen des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund) spürt einen deutlich "wachsenden Widerstand in der Region gegen neue Massentierhaltungen". Dazu gehört auch Pristäblich (Nordsachsen), ein Dorf am Rande der Dübener Heide. Die Alfra Mockrehna, ein Nachfolgeunternehmen des früheren DDR-Kombinates Industrielle Mast (KIM), will in dem Ortsteil der Gemeinde Laußig am Rand der Dübener Heide eine Aufzuchtanlage für 70000 Junghennen und -hähne errichten. Schon in den Informationsveranstaltungen schlug dem Unternehmen Abneigung entgegen. Landrat Michael Czupalla (CDU), dessen Verwaltung über das Vorhaben zu befinden hat, erreichten hunderte Protestpostkarten aus der Region. Er sicherte zu, mit der Bürgerinitiative im permanenten Kontakt zu bleiben, zumal das Oberverwaltungsgericht Bautzen kürzlich die Pläne für eine Schweinemastanlage in Krippehna (Nordsachsen) als rechtswidrig kassiert hatte. "Wir wollen jetzt genau prüfen, inwieweit das Krippehna-Urteil Einfluss auf andere Bauplanungen, darunter auch die Geflügelaufzucht in Pristäblich, hat", erklärte Rayk Bergner gegenüber der LVZ. Der Sprecher der Kreisverwaltung bat um Verständnis, dass diese Prüfung länger dauern könne.

Jedes Tier leidet

Alfra-Chef Claus Stöver, der den Einwohnern das Bauvorhaben schmackhaft zu machen sucht, versteht die Aufregung nicht: "Was wir in Pristäblich vorhaben, ist keine Massentierhaltung. Dort sollen Junghennen bis zur Legereife herangezogen werden." Aus unternehmerischer Sicht sei der Standort ideal. "Wir werden weiter mit den Einwohnern reden, wollen gute Nachbarn sein. Aber in dieser aufgeheizten Stimmung ist das verdammt schwer", so der 69-Jährige, der nach eigener Aussage seit 50 Jahren in der Geflügelwirtschaft arbeitet. Und betont: "Ich habe noch nie ein Huhn gequält!"

Genau daran hat Petra Würdig von der Bürgerinitiative für eine lebenswerte Region ihr Zweifel. "Unter industrieller Massenhaltung leidet jedes Tier. Wir lehnen das ab und fordern zusammen mit dem Bund eine klare Absage dieses Bauvorhabens", erklärt die 56-jährige Dübenerin, die sich kleinere Landbetriebe wünscht. "Der Tourismus in unserer Region entwickelt sich allmählich und bringt mehr Arbeitsplätze als die Massentierhaltung." Ganz zu schweigen von der besseren Umweltverträglichkeit und dem vorteilhafteren Image.

Gegen neue Tierfabriken wehren sich auch Bürgerinitiativen in anderen Regionen. In Lunzenau, wo 40000 Hühner auf einmal gemästet werden sollen, ebenso wie in Leisnig, wo es um eine Brüterei für 66000 Legehennen oder in Lohsa (38000) geht. Massenhafte Schweinemast wollen Initiativen in Ehrenberg (Mittelsachsen) und Altenhain (Leipzig) verhindern.

Durchgesetzt hat sich offenbar eine Bürgerinitiative in Gröppendorf/Wermsdorf (Nordsachsen) mit ihren Protesten gegen die geplante Industriemast von 100000 Hühnern: "Die Bürger haben alle Möglichkeiten genutzt und klar gemacht, dass sie so eine Anlage nicht haben wollen", sagt Initiativsprecherin Barbara Scheller aus Liptitz. Offenbar wurden sie bei den Investoren erhört: "Toi toi toi", sagt Scheller und klopft dreimal auf Holz, "seit einem Jahr haben wir nichts mehr von den LSL Rhein-Main-Geflügelvermehrungsbetrieben gehört."

Kontrollbehörden oft überfordert

"Die jüngsten Skandale um falsch deklarierte Lebensmittel zeigen doch, dass wir keine Spinner sind", sagt Martina Schneider. "Es gibt viel zu viele Tierfabriken, die den wirtschaftlichen Vorteil über den Tier- und Umweltschutz stellen. Und es gibt andererseits zu wenig Kontrollen." Mehr Kontrolldruck in den Ställen hatte auch Elke Herrmann, Tierschutzexpertin der Grünen im Sächsischen Landtag, unlängst gefordert. "Ohne mehr Kontrollen und den guten Willen von CDU-Landwirtschaftsminister Frank Kupfer in der industriellen Landwirtschaft", so Herrmann, "drohen hehre Worte zur Anpassung der Haltungsbedingungen an das Tier eine hohle Phrase zu bleiben."

Kupfers Ministeriumssprecher Falk Hofer hält dagegen: "Eine pauschale Erhöhung der Kontrolldichten ist nicht zwangsläufig mit einer Steigerung der Überwachungseffizienz verbunden." Als sinnvoller erachtet er "behördliche Kontrollen auf der Basis kontinuierlich angepasster, teilweise bundesweit abgestimmter Kontrollpläne" - und "intensive Kontrollen bei konkreten Hinweisen auf Verstöße".

Verbraucherschützer kritisieren, dass der Staat sich zunehmend aus den Kontrollen zurückzieht und sie den Landratsämtern überlässt. Die seien personell gar nicht in der Lage, Tierzählungen durchzuführen, kritisiert der Hamburger Lebensmittelexperte Armin Valet, und verlassen sich auf Eigenangaben der Betriebe. Tricksereien einzelner Erzeuger werde dadurch Tür und Tor geöffnet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..

Winfried Mahr

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr