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Urlaub auf dem Land boomt: Sachsens Dörfer locken immer mehr Touristen

Urlaub auf dem Land boomt: Sachsens Dörfer locken immer mehr Touristen

Familie Gutsmuths aus Leipzig fühlt sich in Obercunnersdorf pudelwohl. Vor kurzem waren die Eltern mit ihren drei Töchtern noch in London unterwegs. Jetzt wird der Urlaub in der ostsächsischen Provinz abgerundet.

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Land-Idylle: Dreiskau-Muckern gilt als eines der schönsten Dörfer in Sachsen.

Quelle: Dirk Knofe

Obercunnersdorf/Höfgen. Frau Gutsmuths und die Mädels besuchen einen Malkurs, Vater Jork-Raimar (47) radelt währenddessen durch die Gegend: „Wer der Zivilisation mal den Rücken kehren will, ist hier goldrichtig.“ Schon nach kurzer Zeit habe er sich „tiefenentspannt“ und entschleunigt gefühlt.

Im bürgerlichen Leben ist Gutsmuths Personaltrainer, seine Frau organisiert weltweit Firmenevents. „250 Nächte im Jahr schlafe ich im Hotel“, sagt der Vater. Deshalb sei die Ferienwohnung in der Oberlausitz genau das Richtige: „Hier kann ich mit kurzen Hosen und freiem Oberkörper herumlaufen - sonst bin ich nur Anzugträger.“

Immer mehr Urlauber entdecken Sachsens Dörfer als Ferienziel. Die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen (TMGS) fasst das Angebot unter dem Slogan „Lust auf Land“ zusammen. 2010 konnten sich Dörfer für die Kampagne bewerben. Inzwischen gehören 21 Orte dazu. Saupsdorf in der Sächsischen Schweiz und Sosa im Erzgebirge sind die jüngsten Teilnehmer.

Zwischen Sonnenuhrenmachern und Kräuterfrauen

Ansonsten ist die „Lust auf Land“ im ganzen Freistaat verstreut. Die Mehrzahl der Vorzeige-Dörfer liegt in Ostsachsen. Mit Schleife, Schwarzkollm, Nebelschütz, Guttau/Wartha, Rammenau, Taubenheim, Oybin und Obercunnersdorf stellt die Oberlausitz mehr als ein Drittel aller Landlust-Gemeinden. Entlang der Elbe gibt es mit Diesbar-Seußlitz nur ein solches Dorf. Auch das Erzgebirge (Seiffen, Frohnau) und der Raum Leipzig (Höfgen) scheinen ausbaufähig.

Birgit Gottlöber - bei der TMGS für das Projekt zuständig - führt nicht nur die ländliche Idylle ins Feld. In vielen Dörfern habe sich traditionelles Handwerk bewahrt. In Taubenheim arbeitet zum Beispiel ein Sonnenuhrenmacher, in Höckendorf gibt es eine Flechtwerkstatt. Fährmann Sven Biegel aus Höfgen gehört gleichfalls zu einer seltenen Zunft. Auch Ofenbauer, Töpfer, Sticker, Intarsien-Schneider oder eine Kräuterfrau finden sich in den Feriendörfern. „Die Nähe der Dörfer zur nächsten Stadt ist ein weiterer Vorteil“, sagt Gottlöber.

Tatsächlich ist man in vielen Orten nur ein paar Autofahrminuten von städtischen Sehenswürdigkeiten entfernt. Wenn das Wetter „museumsreif“ ist oder Urlauber sich nach all der Ruhe mal wieder etwas Trubel wünschen, kann „Lust auf Stadt“ gelebt werden.

Das bestätigt auch Ursula von Gerichten aus Saarbrücken. Sie fährt mit ihrem Mann und drei befreundeten Paaren regelmäßig in die Oberlausitz und hat dabei auch Bautzen, Görlitz und Dresden besucht. Zuletzt waren die Saarländer in Obercunnersdorf. Eine Nachbarin aus Saarbrücken stammt aus der Gegend und konnte bei Bedarf auch „dolmetschen“.

Dialekt als Urlaubs-Herausforderung

Denn der Dialekt der Obercunnersdorfer ist selbst für den Rest der Sachsen eine Herausforderung. Die Einheimischen „rollen“ das „r“ und haben allerlei Wortschöpfungen kreiert. Der BH heißt hier „Kließlraffer“. Ursula von Gerichten gefällt vor allem, wie sauber und gepflegt Obercunnersdorf sich präsentiert. „Das ist sehr romantisch, wir fühlen uns hier wohl.“ Deshalb wird in Saarbrücken auch schon der nächste Trip ins Oberlausitzer Bergland geplant.

Das 80-Seelen-Dorf Höfgen bei Grimma wirbt schon seit 2008 mit dem Slogan „Dorf der Sinne“ und hat nicht nur Kulinarisches zu bieten. Der Kunstgarten und die Denkmalschmiede Höfgen offerieren Kunstgenuss. Sieben Gehöfte dominieren den kleinen Ort. Höfen war von Anfang an bei „Lust auf Land“ dabei. „Es hat uns unheimlich viel gebracht“, meint der Grimmer Stadtsprecher Sebastian Bachran. Seit man als „Dorf der Sinne“ auftritt, ist die Zahl der Gäste stark gestiegen.

2012 hat Höfgen 52 000 Übernachtungen und 31 000 Ankünfte registriert, 2007 waren es 32 000 beziehungsweise 22 000. Inzwischen gibt es in dem kleinen Ort 100 Arbeitsplätze - fast alle hängen mit dem Tourismus zusammen. Das Juni-Hochwasser der Mulde hat zwar Schäden hinterlassen, doch unterkriegen lässt sich niemand.

Die TMGS hatte bei ihrem Projekt nichts dem Zufall überlassen. 2010 betraute sie das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel mit einer Marktanalyse. Danach wurden bundesweit 4000 Interviews geführt. 3 Prozent der Befragten hatten schon einmal in einem Dorf Sachsens Urlaub gemacht. „Für ein Drittel der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre - das sind 21 Millionen Menschen - kommen Ferien im Dorf als Urlaubsform generell infrage oder stehen sogar ganz konkret auf der Wunschliste“, sagt Gottlöber. Für die sächsischen Dörfer liege das Potenzial bei etwa sechs Millionen Deutschen. Dass zu viele auf einmal kommen, ist kaum zu erwarten. Dann wäre es mit der Idylle auch schnell vorbei.

Jörg Schurig, dpa

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