Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Vermisstenfall in Dresden: Ein Vierteljahrhundert Weihnachten ohne Felix

Vermisstenfall in Dresden: Ein Vierteljahrhundert Weihnachten ohne Felix

Tannenbaum, Lichterglanz, Weihnachtslieder und Geschenke: Der einzige Heiligabend mit ihrem Erstgeborenen ist den Tschöks in Dresden noch genau in Erinnerung. Felix’ Platz an der Festtafel blieb jedoch auch in diesem Jahr leer - zum 25. Mal.

Dresden. Das Schicksal des am 20. Juli 1984 geborenen Jungen ist ebenso unklar wie sein Aufenthaltsort und die Lebensumstände. Die Entführung des Säuglings, der „Schicksalsschlag“ für die Familie, liegt an diesem Montag ein Vierteljahrhundert zurück - eine „zuweilen schmerzhafte Zeit“, sagt Leonore Tschök.   

Am 28. Dezember 1984 hatten die jungen Eltern ihren fünf Monate alten Felix mit zum Einkaufsbummel in die Stadt genommen. Sie wollten das friedlich schlummernde Baby bei der Kinderbetreuung des Centrum- Warenhauses lassen. Da dort alle Plätze belegt waren, stellten sie den Kinderwagen zwischen anderen am Eingang des Kaufhauses ab. Als sie eine halbe Stunde später zurückkamen, war Felix weg. „Wir dachten sofort an eine Entführung“, erinnert sich die Mutter. In einer der größten Polizeiaktionen der DDR-Geschichte drehten Polizisten einer Sonderkommission und freiwillige Helfer danach jeden Stein in der Stadt um - ohne eine Spur von dem Säugling zu entdecken.   

Neun Tage später, am 6. Januar 1985, wurde im Flur eines Hauses in der Neustadt ein etwa einjähriger Junge in einem Karton entdeckt - es war aber nicht Felix. „Schnell sprach einiges dafür, dass Angehörige der sowjetischen Streitkräfte ihr Kind in der Annahme dagelassen haben, dass es in der damaligen UdSSR nicht überlebt“, sagt Christian Avenarius von der Staatsanwaltschaft Dresden. Ein Zusammenhang zwischen Felix’ Verschwinden und dem Auftauchen des Jungen, den die Ermittler Martin nannten, sei zwar noch immer eine Hypothese. Es spreche aber vieles dafür, dass Angehörige der sowjetischen Streitkräfte ihr krankes Kind gegen Felix ausgetauscht haben könnten.   

So wiesen Operationsnarben von Martin auf eine Behandlung in einer Klinik der Sowjetarmee hin, zudem hatte er keinerlei Impfungen - untypisch für ein DDR-Kind. „An seinem Schnuller fanden sich Spuren zweier Menschen mit verschiedenen Blutgruppen: B wie Martin und A wie Felix.“ Zeugen hätten bei den Kinderwagen vor dem Kaufhaus eine russisch aussehende Frau gesehen, die sich auffällig verhalten hätte und auch der Karton, in dem Martin lag, stammte aus der Garnison der Sowjetarmee. „Außerdem reagierte der Junge nur auf russische Laute“, so Avenarius. Als alle Spuren in die Kaserne der Sowjetstreitkräfte führen, wurden die Recherchen der Sonderermittler gestoppt.   

In der Zeit danach gewannen die Tschöks Abstand zu Felix und bekamen zwei weitere Kinder. Martin wuchs derweil bei einer Pflegefamilie in Sachsen auf, lebt heute in der Nähe von Chemnitz und arbeitet im Westen. Der 25-Jährige hat nach eigenen Angaben nicht den Wunsch, seine richtigen Eltern zu finden. Er will jedoch bei der Suche nach Felix helfen. „Der vermisste Sohn ist im Hintergrund immer irgendwie präsent“, sagt Leonore Tschök.   

Nach der Wende schöpfte die Familie neue Hoffnung, stellte 2000 Antrag auf Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens zur Kindesentführung. Da die Straftat verjährt war, gaben sie 2001 eine Vermisstenanzeige auf. Später konnten die Tschöks ihre Geschichte im russischen Fernsehen erzählen, kurz danach stellte die Dresdner Staatsanwaltschaft das erste Rechtshilfeersuchen an die russischen Behörden.   

Diese seien „sehr kooperativ“, sagt Avenarius. Derzeit warten die Dresdner Ermittler auf genetisches Material zweier Männer, wobei es sich bei einem von ihnen „im günstigsten Fall“ um den nun 25-jährigen Felix handeln könnte. Sie glauben, dass Felix bei Martins leiblichen Eltern aufgewachsen ist. Mit Hilfe von Akten der Jungen, die 1983/84 im Raum Dresden geboren und behandelt wurden, hoffen sie, diese identifizieren zu können. Mittels eines Gentests suchen die Kollegen in Russland zudem direkt nach Felix. Bisher sei DNA-Material von mehr als einem Dutzend Männer überprüft, jedoch ohne Treffer.   

„Wir werden keineswegs aufgeben“, sagt Felix’ Mutter, die schon gedanklich auf das Wiedersehen vorbereitet ist. „Wir erwarten nicht, dass er uns vor Freude um den Hals fällt.“ Sie seien auf viele Fragen nach dem „warum“ eingestellt. Ihr menschlich von Anderen geprägtes Kind solle erfahren, „wo seine eigentlichen Wurzeln sind.“ Das Streben nach „Aufklärung“ löst auch Unverständnis und Befürchtungen aus, den jungen Mann in Konflikte zu stürzen. Ihr Ziel sei ein freundschaftliches Verhältnis zu Felix, „Schritt um Schritt“, versichern die Tschöks. „Es wäre schon grandios, Felix endlich mal wieder etwas zu schenken.“

Simona Block, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr