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„Viele Stifter fragen sich, ob es sinnvoll ist, auf Ewigkeit zu stiften“

Interview zu Stiftungstag „Viele Stifter fragen sich, ob es sinnvoll ist, auf Ewigkeit zu stiften“

Der Deutscher Stiftungstag kommt vom 11. bis zum 13. Mai nach Leipzig. LVZ.de sprach mit Bundesverbandschef Michael Göring über die Messestadt, Flüchtlinge und die Entwicklung großer und kleiner Stiftungen.

LVZ.de sprach mit dem Bundesverbandschef des Deutschen Stiftungstages, Michael Göring.

Quelle: David Ausserhofer

Leipzig. Herr Professor Göring, der Deutsche Stiftungstag kommt in diesem Jahr nach Leipzig. Warum?

Leipzig hat sich in den vergangenen Jahren wunderbar entwickelt und ist eine der wichtigsten Städte im Osten Deutschlands geworden. Geeignet ist sie durch die Messe auch als Kongressstadt, denn wir rechnen ja mit rund 1800 Teilnehmern. Wir tun gut daran, immer wieder in den neuen Bundesländern den Deutschen Stiftungstag durchzuführen. So waren wir schon in Dresden, Dessau, Weimar und Erfurt. Auch wenn es im Osten noch nicht so viele Stiftungen gib wie in den westlichen Bundesländern, sind Stiftungen in Thüringen und Sachsen mit Blick auf das Wachstum Spitzenreiter. Leipzig ist im Kommen und wer von den Teilnehmern vielleicht vor 20 Jahren zuletzt hier war, wird den Aufbruchsgeist spüren.

Kennen Sie die Stadt?

Ja, schon seit den 1970er-Jahren. Meine Familie hatte Verwandte und Freunde in der DDR. Ich war 1976 das erste Mal da und habe die Entwicklung der Stadt verfolgt. Ich bin ein großer Fan von Johann Sebastian Bach. Die Thomaner bedeuten mir sehr viel. Nach der Wende war ich sehr oft da - vor allem für die ZEIT-Stiftung, deren Vorstandsvorsitzender ich ja auch bin. Wir haben beispielsweise das Geld für die Renovierung eines Raumes im Bosehaus zur Verfügung gestellt. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich dieses Jahr meinen neuen Roman vorgestellt.

Es geht auf dem Stiftungstag besonders um den demografischen Wandel. Wie wirkt er sich auf das Stiftungswesen aus? Brechen die Stifter weg?

Nein, im vergangenen Jahr gab es 583 Neugründungen. Dennoch hat die Bundesrepublik insgesamt ein Problem mit dem demografischen Wandel und das Stiftungswesen reagiert darauf. Immer weniger junge Menschen müssen immer mehr alte Menschen finanziell versorgen. Da sehen viele deutsche Stiftungen die Aufgabe, Modelle zu entwickeln, die das ermöglichen. Jede sechste Stiftung hat übrigens ausdrücklich den demografischen Wandel auf die Agenda gesetzt, wie wir in einer aktuellen Befragung herausgefunden haben.

Beschäftigen sich Stiftungen auch mit dem Problem der Flüchtlinge?

Stiftungen sind schon seit Langem geübt in den Themen Integration – hier gibt es ganze Stiftungsverbünde – wie auch darin, Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Neu war der verstärkte Fokus im vergangenen Jahr und da haben viele zusätzliche Stiftungen das Thema neu auf ihre Agenda gesetzt. Durch die zu uns gekommenen Menschen können die Herausforderungen des demografischen Wandels womöglich ein wenig abgemildert werden, wenn wir es als Gesellschaft schaffen, sie zu integrieren.

Was tut der Bundesverband dafür?

Wir haben im Bundesverband insbesondere die rund 300 Bürgerstiftungen gestärkt. Sie haben zu Bürgerinnen und Bürgern Kontakt, die als Freiwillige und Ehrenamtliche in dieser Situation sehr schnell geholfen haben. In Deutschland sind einer Studie zufolge zehn Prozent der Bevölkerung ehrenamtlich für Flüchtlinge aktiv, um ihren Teil beizutragen, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Das ist ein sehr hoher Satz und zeigt, wie aktiv die Zivilbevölkerung ist - über THW, DRK, Kirchen oder auch Bürgerstiftungen. Jetzt gibt es vielerorts, auch zum Beispiel in Dresden, Patenschaftsprogramme, die wir ebenfalls über die Unterstützung der Bürgerstiftungen vorantreiben. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen mit den Neuankömmlingen zusammentreffen.

Warum?

Ich merke immer wieder: Sobald Menschen miteinander ins Gespräch kommen, schwinden oftmals die Vorbehalte. Dann sehen wir die Menschen, die nur ein Ziel haben: aus diesem furchtbaren Krieg in Syrien herauszukommen und ihren Kindern eine Chance zu bieten.

Nun gibt es in Sachsen mit Pegida, Legida und anderen Bewegungen nicht nur Zustimmung für solche Ideen.

Deshalb möchte ich gern in meiner Eröffnungsrede Impulse setzen und aufrufen: Engagieren Sie sich und setzen Sie sich mit den zu uns gekommenen Menschen zusammen.

Haben Sie selbst Erfahrungen mit Flüchtlingen?

Ich war in der vergangenen Woche mit Zwölf- und Sechzehnjährigen zusammen, die jetzt wenige Monate in Hamburg sind. Die haben hervorragend Deutsch gelernt. Um die mache ich mir gar keine Sorgen. Die werden wir schnell integrieren. Schwieriger ist es mit den zwanzig- bis dreißigjährigen Männern, die nicht mehr beschult werden können. Stiftungen können aber auch sehr viel leisten, damit die Sorgen der Deutschen ernstgenommen werden. Auch sie muss man mit dieser Situation vertraut machen.

Stiftungen bleiben doch aber in einer Niedrigzinsphase wenig Spielräume?

Wenn Stiftungen ausschließlich auf Zinsen setzen, ist das richtig. Bisher war es so: Wenn ein Stifter 200 000 Euro in die Hand nahm und eine Stiftung gründete, dann war diese Summe das Stiftungskapital und die Stiftung lebte nur von den Zinsen. Das wäre bei festverzinslichen Papieren heute nicht einmal mehr als ein halbes Prozent - also 1000 Euro Ertrag im Jahr. Das macht weniger Spaß als früher, als man mit fünf Prozent rechnen konnte. Daher versuchen wir mehr Flexibilisierung in den Stiftungssektor zu bekommen, für neue oder gemischte Formen des Stiftens zu werben und bei Stiftungen selbst Bewusstsein für die Einwerbung von Spenden, Kooperationen oder wirkungsorientierte Geldanlage zu wecken.

Das trifft vor allem die kleinen Stiftungen?

Größere Stiftungen schneiden besser ab, weil die meisten großen deutschen Stiftungen ein Aktienkapital aufgebaut haben, in Immobilien investiert und einfach bessere Möglichkeiten zur Diversifizierung haben. Die Zeit-Stiftung beispielsweise hat rund 40 Prozent ihres Kapitals in Aktien angelegt. Viele Stiftungen entdecken das Fundraising erfolgreich für sich. Außerdem haben wir als Bundesverband durch Stellungnahmen für die politischen Entscheidungsträger dazu beigetragen, dass die sogenannte Verbrauchsstiftung seit 2013 deutschlandweit als mögliche Stiftungsform rechtssicher anerkannt wird.

Was charakterisiert sie?

Die Verbrauchsstiftung ist nicht auf Ewigkeit angelegt, sondern auf einen bestimmten Zeitraum, den der Stifter festlegen kann - mindestens jedoch zehn Jahre. In dieser Zeit wird jedes Jahr ein Anteil des Stiftungskapitals mitverbraucht. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Bei einer Verbrauchsstiftung über 20 Jahre würde der Stifter jedes Jahr 10 000 Euro abschmelzen - plus Zinsen, die er auf sein verbleibendes Kapital bekommt. Das ist eine Variante, die aktuell bei Stiftern auf Wohlwollen trifft.

Warum?

Weil sich viele Stifter heute fragen, ob es immer noch so sinnvoll ist, auf Ewigkeit zu stiften. Der Ewigkeitscharakter einer Stiftung war letztendlich theologisch legitimiert. Der Stifter fürchtete den Satz aus dem Markus-Evangelium: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Diese Art zu denken, ist schon im 20. Jahrhundert ins Wanken geraten. Und heute erst recht. Der Stifter möchte etwas Gutes tun für die Gesellschaft, er möchte helfen. Aber nicht unbedingt auf ewig, sondern zum Beispiel für eine weitere Generation.

Gibt es noch andere Formen?

Ja, eine andere Möglichkeit ist die Zustiftung zu einer bereits bestehenden Stiftung. Große Stiftungen - beispielsweise Robert Bosch Stiftung, Bertelsmann-Stiftung, Volkswagen-Stiftung, Fritz Thyssen Stiftung - haben eine eigene Vermögensverwaltung und arbeiten eng mit den Banken zusammen. Sie sind nicht abhängig vom Zinsmarkt und erzielen deshalb höhere Erträge. Wenn sich jemand beispielsweise für das Thema Umwelt interessiert, kann er sich an die Bundesstiftung Umwelt wenden und anfragen, ob sie nicht einen Stiftungsfonds unter seinem Namen als Zustiftung einrichten will. Dann wird das mit drei oder sogar dreieinhalb Prozent verzinst. Und die ganze Verwaltungsarbeit fällt für den Stifter weg.

Kann man diese Zustiftung auch zeitlich begrenzen?

Ja, das geht genauso in Form einer Verbrauchszustiftung. Sie sehen: Wir sind deutlich flexibler geworden im Stiftungsbereich. Als Bundesverband arbeiten wir auch daran, dass sich kleinere Stiftungen in einer Stadt zusammenlegen können. Nehmen wir München, Berlin oder Leipzig. Da gibt es viele kleine Stiftungen, die das Bildungswesen fördern. Wenn diese sich zusammentun, ist es einfacher, einzelne Projekte zu fördern. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit mit unseren Reformvorschlägen, die wir aus der Praxis erarbeitet haben. Eine Entscheidung steht im Herbst an.

Und wer eine Zusammenlegung nicht möchte?

Dem raten wir: Kooperieren Sie. Schließen Sie sich mit einer Schule oder Kita zusammen, die Sie dann über Jahre hinweg fördern. Viele Stifter spenden dafür auch im Nachhinein in ihre eigenen Stiftungen.

Jenseits vom Geld, was interessiert noch auf dem Stiftungstag?

Neben den Herausforderungen durch die Flüchtlinge werden wir auch darüber sprechen, wie man in Deutschland das Bewusstsein für eine Bürgergesellschaft stärken kann. Kulturförderung ist ein weiterer Stichpunkt. Viele Stiftungen unterstützen den Denkmalschutz. Gerade in Mitteldeutschland helfen private Stiftungen dabei, dass so manche Kirche oder Profanbau wieder im neuen Glanz entsteht.

Interview: Roland Herold

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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