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Volksabstimmung in der Schweiz aus der Sicht einer Sächsischen Auswanderin

Volksabstimmung in der Schweiz aus der Sicht einer Sächsischen Auswanderin

Die Schweizer haben sich in einer Volksabstimmung für eine Begrenzung des Zuzugs auch von EU-Bürgern ausgesprochen. Schon heute leben jedoch hunderttausende Deutsche in dem Alpenland, viele von ihnen kamen auch aus Sachsen.

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Jeannine Schumann stammt aus Sachsen und lebt nun im Schweizer 3000-Einwohner-Ort Bonaduz.

Quelle: Olaf Barth

Leipzig. Eine von ihnen ist Jeannine Schumann. Und sie hat durchaus Verständnis für die Schweizer.

Seit September 2002 lebt Jeannine Schumann in der Schweiz. Dort arbeitet die 36-Jährige im Kanton Graubünden in Ilanz als Krankenschwester in einer Gerontopsychiatrischen Tagesklinik, in der sie sehr betagte Menschen betreut. Deren Erzählungen geben ihr einen Einblick in die Lebenswelt und Seele vieler Schweizer und komplettieren so ihre eigenen Erfahrungen. So kam für die gebürtige Zittauerin das Votum zugunsten der Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung" gar nicht so überraschend.

"Ich kann das gut verstehen. Die Schweizer, gerade die Älteren in den ländlichen Bergregionen, möchten ihre Kultur bewahren, wollen in ihrer Idylle und heilen Welt für sich sein und in der schönen Natur ihrem geregelten Leben nachgehen. Und sie sind stolz auf ihre Volksabstimmungen, die ich übrigens auch super finde", sucht die gebürtige Sächsin nach Gründen für dieses Abstimmungsergebnis. Eine unbestimmte Angst vor zu viel Veränderung durch Einflüsse von außen wirke da schon mit. Doch bei allem Verständnis für das Votum sieht die Krankenschwester auch die andere Seite der Medaille. "Gerade hier in Graubünden fehlen im Pflegewesen Fachkräfte oder in der Technik-Branche Ingenieure. Die Schweizer sind in vielen Bereichen auf Ausländer angewiesen."

Die Sächsin, die in Gera aufwuchs und in Kiel ihren Beruf erlernte, fühlt sich in ihrer jetzigen Wahlheimat Graubünden mit ihrem aus Berlin stammenden Ehemann sehr wohl. Auch er arbeitet als Krankenpfleger. Beide zog es wegen der Jobs in die Schweiz, weil ihnen die Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht gefielen, der Verdienst in der Schweiz besser ist und ihre Arbeitskompetenzen hier gefragter sind.

Sie seien mit offenen Armen empfangen worden, Arbeitgeber und Behörden seien sehr hilfreich bei der Erledigung des Papierkrams gewesen. Jetzt lebt das Ehepaar mit den beiden sechs und zehn Jahre alten Kindern in Bonaduz, einem stetig wachsenden Ort mit gut 3000 Einwohnern und einer amerikanischen Hightech-Firma als Hauptarbeitgeber.

Ob sie sich nun weniger willkommen fühlen nach diesem knappen Votum für die Volksinitiative? "Wir sind froh, dass wir schon hier sind und werden jetzt sicher nicht gleich raus geworfen", sagt Jeannine Schumann lachend, um dann ernster nachzuschieben: "Auf Arbeit bin ich ein sehr integriertes Team-Mitglied. Wir fühlen uns wohl und bleiben hier. Die Lebensqualität ist hoch." Eine Einbürgerung würden sie dennoch nicht anstreben, vielleicht aber später mal für ihre Kinder.

Und wird das jetzt schon nicht immer ungestörte Verhältnis zwischen Schweizern und eingewanderten Deutschen nun noch schwieriger? "Wir Deutsche müssen uns eben etwas zurücknehmen und die Mentalität der anderen achten. Man kann nicht herkommen und seine eigene Kultur ausleben. Hier dauert es mit Veränderungen eben etwas länger", erzählt Schumann mit Blick auf eigene Erfahrungen. Aus dem Damenturnverein sei sie wieder ausgetreten. Auch ihr Amt im Vorstand des Samaritervereins habe sie wieder niedergelegt. "Es sollte alles so bleiben wie es ist. Aber wenn ich mich engagiere, will ich auch etwas bewegen. Doch ich bin nicht böse darüber, dass das nicht geklappt hat. Man muss halt diese Mentalität respektieren."

Das fällt anderen offenbar schwerer. "Manchmal schäme ich mich für meine deutschen Mitbürger. Gerade wenn Touristen ins Krankenhaus kommen und so tun, als wären sie die Könige. Das mögen die Schweizer nicht. Sie mögen es bescheidener, wertschätzend und konservativ", schildert Schumann ihre Erfahrungen. "Ich fühle mich integriert, weil ich mich anpassen kann. Es wird geschaut, was man leistet. Die Kollegen sind nett, freundlich und hilfsbereit, aber nicht gleich offen freundschaftlich, sondern eher abwartend. Jetzt haben wir gute Bekanntschaften mit Schweizern, aber eine richtige tiefe Freundschaft pflegen wir hier zu anderen Deutschen."

An all dem ändert das Schweizer Votum über die Masseneinwanderungsinitiative nichts. Jeannine Schumann ist nicht nur in ihrer Klinik gern gesehen, sondern auch in anderen Familien mit körperlich und geistig behinderten Kindern. Ihre freundliche Art und zuverlässige Hilfe wird von den Einheimischen geschätzt und dankbar angenommen. Sie wird in der Schweiz bleiben und nur gelegentlich nach Deutschland kommen, um zum Beispiel ihre in Taucha wohnenden und in Leipzig arbeitenden Eltern zu besuchen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.02.2014

Olaf Barth

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