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Von Aleppo nach Schkeuditz - Familie Sheikh findet neues Zuhause

Von Aleppo nach Schkeuditz - Familie Sheikh findet neues Zuhause

257 Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien werden in Sachsen Asyl erhalten. Die ersten, die im Freistaat eintrafen, sind die Mitglieder der Familie Sheikh Debs aus Aleppo.

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Blicken trotz der grausamen Kriegserlebnisse optimistisch in die Zukunft: Mutter Manal Sheikh Debs, Sohn Abdul Salam, Sohn Abdu, Vater Omar, Sohn Mohamad und Tochter Fatima (v.l.).

Quelle: Alexander Bley

Schkeuditz. Vor drei Wochen bezog die sechsköpfige Familie ihre Unterkunft in Schkeuditz. Nach anderthalb Jahren Flucht freut sie sich jetzt auf ein geregeltes Leben in Frieden.

Noch heute zittert Fatima, wenn sie einen Hubschrauber hört. "In Aleppo haben sie manchmal aus der Luft auf die Stadt geschossen", berichtet die 15-Jährige. Ihr fünfjähriger Bruder Abdu habe jedoch am meisten unter den ständigen Schießereien und den Leichen am Straßenrand gelitten. "Mit seinem Spielzeug hat er Kriegsszenen nachgestellt", sagt Mutter Manal. "Aber es wird jeden Tag besser."

Seit einem Monat ist Familie Sheikh Debs in Sicherheit. Vor ihrer Ankunft in Schkeuditz war sie zwei Wochen lang im Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen untergebracht, wo sie an einem Orientierungskurs teilnahm. Jetzt ist sie endlich angekommen. Über die möblierte Wohnung in einem Schkeuditzer Mehrfamilienhaus sagt Vater Omar Sheikh Debs: "Es ist alles drin, was man braucht." Auf Deutsch kann er sich noch nicht verständigen. Ein Dolmetscher hilft dem 41-Jährigen bei Behördengängen.

Es ist lange her, dass seine Familie in halbwegs geordneten Verhältnissen lebte. Vor dem Bürgerkrieg betrieb der Syrer zusammen mit seinem Vater vier Geschäfte, in denen er Knabbereien und Nüsse verkaufte. Nachdem sich die Aufstände im Frühjahr 2012 auf Aleppo ausweiteten, musste das Familienoberhaupt die Läden und die frisch bezogene Eigentumswohnung aufgeben. "In unserem Stadtteil waren wir nicht mehr sicher. Wir gingen nicht mehr auf die Straße, aus Angst, in eine Schießerei zu geraten", erinnert er sich. Bis auf die Kleidung ließen sie alles in der Wohnung zurück. Ein halbes Jahr lang suchte die Familie daraufhin bei Freunden und Verwandten Unterschlupf. Immer wieder fielen in diesen Monaten auch Angehörige den Straßenkämpfen zum Opfer.

Am 27. September 2012 - an diesen Tag kann sich die Mutter noch genau erinnern - floh die Familie in den Libanon. Bis dahin hatten sie ihr Heimatland noch nie verlassen. Die zwanzigstündige Busfahrt nach Beirut war eine Tortur, erzählt die 33-Jährige energisch gestikulierend. "Wir hatten andauernd Angst, nicht mehr weiterzukommen, weil wir alle zehn Meter kontrolliert wurden." Obwohl sie im Nachbarland nicht mehr um ihr Leben fürchten mussten, waren die Verhältnisse weiterhin miserabel. Deswegen stand für Omar Sheikh Debs fest: "Wir wollten raus aus dem Libanon."

Die Familie bewarb sich um Plätze beim Aufnahmeprogramm der Bundesregierung, glaubte aber selbst nicht wirklich daran, nach Deutschland fliehen zu können. Entsprechend überrascht war Omar Sheikh Debs, als er von der Aufenthaltserlaubnis erfuhr. Zwei Jahre darf er nun in Deutschland bleiben und auch arbeiten. Immer wieder betont der schmächtige Mann, wie dankbar er der Bundesregierung ist. Neben der grünen Landschaft beeindruckt ihn hier vor allem die Ordnung. "Alles ist hier geregelt, auch die Busse kommen pünktlich."

Zwar fühlen sich die Flüchtlinge in Schkeuditz noch etwas isoliert - sie seien "Stadtmenschen", sagt der Vater lachend - aber er sei sich sicher, dass sich das ändern werde, wenn seine Tochter und vielleicht auch die beiden 18-jährigen Zwillingssöhne nach anderthalb Jahren endlich wieder zur Schule gehen können. Bald wird der fünfjährige Sohn Abdu auch die Kita besuchen.

Deutsch zu lernen stehe derzeit jedoch an erster Stelle. "Nur so kann ich Arbeit finden", weiß der Vater. Sobald sich die Lage in Syrien aber beruhigt, will er in das krisengebeutelte Land zurückkehren: "Heimat bleibt Heimat", bekräftigt Mutter Manal und ergänzt: "Wir sind jung und wollen uns am Wiederaufbau unseres Landes beteiligen." Dafür wäre der Rücktritt des Regierungschefs Assad ein wichtiger Schritt, sagt ihr Ehemann. "Wir wollen Demokratie, sind aber gegen eine militärische Einmischung des Westens", fügt er hinzu.

Über Handy-Nachrichten erfährt Omar Sheikh Debs von seinem Bruder, wie es um Syrien steht. Mit seinem Vater hat er jedoch seit zwei Monaten keinen Kontakt mehr. Auch glaubt er nicht, jemals wieder in die Wohnung in Aleppo zurückkehren zu können. "Wir gehen davon aus, dass unser Stadtteil zerstört wurde."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.10.2013

Felix Forberg

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