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Von grau-schwarz zu bunt im sächsischen Mölbis – Wandel im dreckigsten Dorf der DDR

Von grau-schwarz zu bunt im sächsischen Mölbis – Wandel im dreckigsten Dorf der DDR

Grau. Braun. Schwarz. Im Winter konnte man in Mölbis, dem schmutzigsten Dorf der DDR, an der Farbe des Schnees erkennen, welcher Teil des VEB Braunkohleveredlungswerkes Espenhain gerade Dreck spuckte.

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Archivfoto vom am 19.05.1999: Blick auf ein Schild, das auf die beginnende Sanierung des Dorfes Mölbis hinweist.

Quelle: dpa

Mölbis. „Grau war das Kraftwerk. Braun war die Kohletrocknung. Schwarz war die Schwelerei“, erinnert sich Karl-Heinz Dallmann, der frühere Pfarrer von Mölbis. Heute sitzt Dallmann auf der Terrasse seines Hauses - und blickt auf ein verwandeltes Dorf.

Der Mauerfall vor 25 Jahren und der Untergang der DDR waren die Rettung für Mölbis. Kaum einen Kilometer Luftlinie lag der unglückliche Ort von den rauchenden Schloten entfernt. Südwestwind - und der wehte oft - brachte unvorstellbare Mengen Dreck nach Mölbis. „Wir hatten dann 300 Meter Sichtweite - und rundum war Sonnenschein.

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Mölbis. Grau. Braun. Schwarz. Im Winter konnte man in Mölbis, dem schmutzigsten Dorf der DDR, an der Farbe des Schnees erkennen, welcher Teil des VEB Braunkohleveredlungswerkes Espenhain gerade Dreck spuckte. „Grau war das Kraftwerk. Braun war die Kohletrocknung. Schwarz war die Schwelerei“, erinnert sich Karl-Heinz Dallmann, der frühere Pfarrer von Mölbis.

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Mölbis lag unter einer Dunstglocke. Das kratzte im Hals, man wusste nicht, wie man atmen sollte“, erzählt der 68-jährige Dallmann. Espenhain - der Tagebau war in der geschundenen Leipziger Braunkohleregion das Synonym schlechthin für Dreck, Gestank und hemmungslose Umweltzerstörung. In den 1980er Jahren, so erzählt es der Kirchenmann Dallmann ebenso wie der damalige Mölbiser SED-Bürgermeister Ditmar Haym, konnte eigentlich niemand mehr den Blick vor der Realität verschließen.

Der DDR war, zumindest in Mölbis, zur unbewohnbaren Republik geworden. „Stagnation, Umweltverschmutzung, Perspektivlosigkeit“, der Ex-Bürgermeister Haym wählt Schlagworte, um die damalige Situation zu beschreiben. 324 Einwohner harrten 1989 noch in Mölbis aus. Trotzdem, sagt Haym, der 1984 als 34-Jähriger Bürgermeister wurde, habe er stets für sein Heimatdorf kämpfen wollen.

Der Mann mit den blauen Augen und dem weißen Haar ist das, was man einen zupackenden, hemdsärmeligen Typen nennt. „Ich habe das gemacht, weil die Ortsgemeinschaft vorhanden war. Wir hatten Sportverein, Chor, Feuerwehr. Das kulturelle Leben funktionierte. Man konnte nur die gesellschaftlichen Verhältnisse verdammen.“ Den Titel „schmutzigstes Dorf der DDR“ kam Mölbis in der Wendezeit verpasst, als die Öffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam wurde.

Haym und Dallmann, so klingt es in der Rückschau, kämpften gemeinsam. Dallmann wurde 1986 Pfarrer in Mölbis. Da liefen die sogenannten Umweltgottesdienste in der Region schon. 1987 gab es eine „Wallfahrt“ die Halde Trages hinauf, eine Abraumhalde des Tagebaus Espenhain auf dem Mölbiser Gemeindegebiet. „Wallfahrt“ deshalb, weil eine Demonstration nie erlaubt worden wäre. „600 Leute waren dabei“, sagt Dallmann.

Ein einziges Transparent hatte der Sekretär für Kirchenfragen beim Rat des Kreises erlaubt. „Unsere Zukunft hat schon begonnen“, reckten die „Wallfahrer“ in die Höhe. „Oben auf der Halde haben wir die Umweltdaten des Werkes verlesen“, sagt Dallmann. Pro Tag habe Espenhain 20 Tonnen Schwefeldioxid, 4,5 Tonnen Ammoniak, 1,5 Tonnen Schwefelwasserstoffe und 4,5 Tonnen andere Stoffe, die bei der Kohleveredlung anfallen, in die Luft gepustet. Ungefiltert. „Die Daten wurden uns aus dem Werk zugespielt“, sagt Dallmann.

Er wisse bis heute nicht, von wem. „Aber ich glaube, auch die im Werk wussten, dass es ihre einzige Möglichkeit war, das der Kirche zuzuspielen.“ Haym erzählt eine weitere, drastische Anekdote. „Eine Einwohnerin hat an den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, geschrieben: „Die Menschen werden in Mölbis vergast wie in Auschwitz. Es geht nur nicht so schnell.“

Wenig später habe eine AG des Ministerrates am 7. November 1987 den Beschluss gefasst, Mölbis auszusiedeln. „Weil die Umweltbedingungen nicht verbessert werden konnten so nah an Espenhain“, sagt Haym und hört seinen eigenen Worten nach. Bis 1989/90 stand Mölbis auf der Kippe. „Alles war geregelt. Jedes Haus war geschätzt. Ich sollte Bürgermeister in Eula werden.“ Und dann fiel 1989 die Mauer.

„Ich habe am 27. Januar 1990 eine Bevölkerungsbefragung gemacht. 77 Prozent der Mölbiser waren für Aussiedlung, 23 Prozent für Hierbleiben“, sagt Haym. „Ich gehörte zu den 23 Prozent“. Erst nach der Deutschen Einheit 1990 sei die Stimmung gekippt. „Das Volk hat Vertrauen geschöpft, dass es anders werden kann in Mölbis.“ Haym, inzwischen aus der SED ausgetreten, wurde wieder zum Bürgermeister gewählt. Und machte sich mit Elan ans Werk.

Blau. Grün. Gelb. In den 25 Jahren seit dem Mauerfall hat sich das Farbenspiel in Mölbis verändert. Pfarrer Dallmann, seit 2010 im Ruhestand, wohnt in einem modernen blauen Hausquader. Andere Neubauten im Dorf leuchten in lindgrün oder sonnengelb. Dallmann zeigt auf die hohen Koniferen in seinem Garten und sagt: „Sowas wäre hier früher nicht gewachsen. Die einzigen Bäume, die hier gewachsen sind, waren Pappeln und Birken. Andere Kulturpflanzen sind nach zwei Tagen restlos eingegangen.“ Der Aufschwung für Mölbis kam Anfang der 90er Jahre. „In dem Augenblick, wo die Luftverschmutzung aufhörte, ging es mit Mölbis bergan“, sagt Dallmann. Die Einwohnerzahl kletterte bis zur Eingemeindung nach Espenhain im Jahr 1999 auf knapp 600, inzwischen stagniert sie. Haym erinnert sich: „Fördermittel gab es ausreichend. Sie wurden auch zügig vergeben.“

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau bewilligte eine Anschubfinanzierung von 1,7 Millionen D-Mark. Haym klingt stolz, wenn er darauf hinweist, dass unter den Mölbiser Straßen alle Medien anliegen: Gas, Strom, Wasser, Abwasser, Telefon. Das Ende der Carbochemie in Espenhain, noch 1990 vom Ministerrat der DDR besiegelt, hatte aber auch einen ganz großen Nachteil: den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen. 6504 Menschen arbeiteten im November 1989 im VEB Braunkohleveredlungswerk Espenhain. „Wie sagte mir ein Mölbiser“, erinnert sich Pfarrer Dallmann: „Früher hatten wir jede Menge Dreck, aber Verdienst. Jetzt haben wir saubere Luft, aber kein Geld.“  

Mölbis gehört zum Landkreis Leipzig, eine Region die viele Jahre von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt war. Im Juni 2014 lag die Arbeitslosenquote im Landkreis bei 7,5 Prozent - das ist immer noch mehr als der Bundesschnitt von 6,5 Prozent. Um das Jahr 2000 herum war die Situation mit Quoten von mehr als 20 Prozent noch deutlich drastischer. Alles stehe und falle mit der Beschäftigung, sagt Dallmann. „Jeder Arbeitsplatz, der verschwindet, ist einer zu viel.“ Von der Erinnerung allein kann man nicht leben - auch wenn sie wachgehalten wird in Mölbis. In der restaurierten Orangerie des nicht mehr existenten Schlosses zeigen Fotos die graue Mölbiser Realität vor 1989.

Auch hochfliegende aber nie realisierte Planungen wie der Bau eines Fußballstadions sind dokumentiert. „Hirngespinste“, sagt Haym. Sogar das Transparent der legendären Wallfahrt auf die inzwischen dicht bewaldete Halde Trages hängt in der Orangerie. „Unsere Zukunft hat schon begonnen“. Es klingt immer noch wie eine Mahnung.  Unterm Strich sagen Dallmann wie Haym, der seit vielen Jahren Chef einer eigens gegründeten Dorfentwicklungsgesellschaft ist: Mölbis ist ein lebenswertes Fleckchen Erde. Der gemischte Chor Harmonie singt immer noch, der Fußballverein spielt in der 1. Kreisklasse, Angler- und Bastelkreis treffen sich regelmäßig.

Seit ein paar Jahren gibt es sogar wieder einen kleinen Tante-Emma-Laden. „Das haben viele Dörfer rundum nicht“, sagt Dallmann. Und Haym urteilt: „Es ist so, dass ich sagen würde: Der Ort ist nicht tot.“

Birgit Zimmermann

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