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Vor 50 Jahren: Drama an der „Mordwand“

Tod von vier sächsischen Bergsteigern Vor 50 Jahren: Drama an der „Mordwand“

Es ist ein Freitag – aber ein sehr schwarzer. Vor 50 Jahren kamen vier sächsische Bergsteiger bei der Besteigung der 1800 Meter hohen Eiger-Nordwand in der Zentralschweiz ums Leben. Eine Rückblende.

Günter Kalkbrenner, Fritz Eske, Kurt Richter und Günter Warmuth kamen am 21. Juli 1967 an der Eiger-Nordwand ums Leben.

Quelle: Karl Däweritz/Uwe Jensen

Dresden. Tragödie statt Traumtour: Vor einem halben Jahrhundert kommen mit Fritz Eske, Günter Kalkbrenner, Kurt Richter und Günter Warmuth vier sächsische Bergsteiger an der Eiger-Nordwand im Berner Oberland in der Zentralschweiz zu Tode. Die genauen Umstände sind nach wie vor unklar. Für Eske und Kalkbrenner soll es die letzte Reise mit der DDR-Nationalmannschaft Alpinistik werden, sie wollen ihre jeweils großartige Karriere mit der Schweiz-Tour – der ersten Westreise seit Jahren – krönen. Andere Bergsteiger daheim hoffen darauf, dass nach der erfolgreichen Besteigung vielleicht auch für sie künftig mehr realisierbar ist, womöglich eine Expedition zu einem Achttausender. Doch es kommt anders. Das Unternehmen am 21. Juli 1967 endet in einer Katastrophe.

Die fünfköpfige Mannschaft – neben den vier Genannten noch Ersatzmann Helfried Hering – bricht am 10. Juli 1967 mit ihrem Trainer Karl Däweritz zunächst nach Wien auf, um sich dort für harte Devisen in der DDR nicht beschaffbare Ausrüstungsgegenstände zuzulegen. „Irgendjemand im Verband hatte sich breitschlagen lassen, die Tour zu unterstützen“, erinnert sich Hering im Gespräch mit der LVZ. Die Papiere seien fast in Echtzeit und bevorzugt besorgt worden.

Fest geplant sind zwei Nordwände – die des Matterhorns und eben die des Eigers. „In Westmedien wurde damals viel spekuliert und einiges stark verzerrt dargestellt“, sagt der heute 76-jährige Hering. So soll beispielsweise die „Bild“-Zeitung nach dem Unglück getitelt haben: „Die Eiger-Tragödie: 4 Zonenbergsteiger tödlich abgestürzt – Mit Geheimauftrag in die ,Mordwand‘?“ Alles Quatsch, erklärt der in Schöna Wohnende. Ebenso die Vermutung, dass das Quintett noch den Walkerpfeiler an der Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Massiv besteigen wollte. „Völlig unmöglich, wir hatten überhaupt keine Papiere für Frankreich.“ Auch der von anderen kolportierte Piz Palü (3901 Meter) im schweizerisch-italienischen Grenzgebiet habe nicht zur Debatte gestanden. Im fernen Fokus – insofern genügend Zeit vorhanden gewesen wäre – sei vielmehr die Nordostwand des 3305 Meter hohen Piz Badile im Schweizer Kanton Graubünden gewesen.

Eine Karte aus besseren Zeiten an die Vorgänger-Zeitung der Dresdner Neuesten Nachrichten

Eine Karte aus besseren Zeiten an die Vorgänger-Zeitung der Dresdner Neuesten Nachrichten.

Quelle: Günther Frank

Das Unternehmen steht zunächst unter einem guten Stern. Am 15. und 16. Juli gelingt trotz widriger Bedingungen in rund 16 Stunden mit einem Biwak erfolgreich die Besteigung der Matterhorn-Nordwand über die Schmid-Route. Mit großem Selbstvertrauen im Gepäck wechselt das Sextett nach Alpiglen in Grindelwald am Fuße der Eiger-Nordwand, schlägt dort zwei Tage später seine Zelte auf. In den nächsten drei Tagen wird die berüchtigte Wand genau studiert.

„Das Wetter war die beiden Tage vor dem Einstieg in die Wand richtig gut“, erinnert sich Hering. Das Team habe in dieser Zeit „in die Wand geschaut“ – also Details der Route erkundet. Es habe keine Anzeichen für einen Wetterumschwung und somit auch keine Vorabwarnungen gegeben. Am 21. Juli ist es dann so weit. Eske, Kalkbrenner, Richter und Warmuth klettern los. Däweritz macht noch ein Foto. Plötzlich – wie aus heiterem Himmel – habe sich am Nachmittag dann eine Wolke direkt in der Wand gebildet, ringsherum sei das Wetter schön gewesen. Der Sichtkontakt reißt nach Erreichen des „Schwierigen Risses“ ab. Bange Stunden folgen. Doch das Quartett bleibt von den Wolken verborgen. „Mit unserem Trainer Karl Däweritz bin ich dann abends zur Suche in die Wand eingestiegen“, so Hering. Die ganze Nacht hätten beide dort verbracht. Um Mitternacht sei ein schweres Gewitter über sie hereingebrochen. Unverrichteter Dinge kehren sie am nächsten Tag zurück. Wenig später erhalten sie die schlimme Nachricht von drei Verunglückten, die unterhalb des „Zerschrundenen Pfeilers“ gefunden wurden, Kalkbrenner bleibt zunächst verschollen.

Der Eiger in der Zentralschweiz

Der Eiger in der Zentralschweiz.

Quelle: Frank Wolter

Die später aufgestellte und teils auch offiziell publizierte These vom Steinschlag als Absturzursache hält der Schönaer für gewagt. „An der Unfallstelle am Hinterstoisser-Quergang dürften sie kaum von Steinschlag betroffen gewesen sein. Dort ist es zu steil, da fliegen eventuelle Steine vorbei.“ Der Steinschlag habe aus seiner Sicht vielleicht auch herhalten müssen, um den hinterbliebenen Familien eine plausible Erklärung für das Warum der Katastrophe liefern zu können. Andere Quellen vermuten, dass der Vorsteiger gestürzt, dabei einen Standplatzhaken aus der Wand gerissen hat und in der Folge alle in den Abgrund gefallen sind.

Im Festsaalflügel des Neuen Rathauses in Dresden werden laut Sächsischer Zeitung am 31. Juli die Urnen mit den sterblichen Überresten der vier Alpinisten aufgebahrt. Die Einäscherung hat noch in der Schweiz stattgefunden. Doch es sind nur drei Urnen. „Denn Günter Kalkbrenner war zu diesem Zeitpunkt immer noch verschollen“, erinnert sich Hering. Er wird erst am Tag nach der Trauerfeier von einer tschechischen Seilschaft an einer anderen Stelle entdeckt und geborgen. Bei der Zeremonie, an der Tausende Sportler und Bürger teilnehmen, verneigt sich übrigens auch die Radsportlegende und der Volkskammerabgeordnete Gustav Adolf „Täve“ Schur vor den toten Sportkameraden.

So berichtete die Leipziger Volkszeitung am 25

So berichtete die Leipziger Volkszeitung am 25. Juli 1967

Quelle: LVZ

Für den DDR-Bergsport bedeutet die Katastrophe eine Zäsur. Es ist die letzte Westreise von DDR-Alpinisten. Bis Anfang der siebziger Jahre gibt es noch eine Nationalmannschaft – mit Hering –, die ihre letzte Reise ins heutige Slowenien macht. „Die Geschehnisse haben mich mein ganzes Leben beeindruckt – ich will nicht sagen, verfolgt“, sagt der 76-Jährige, der Jahre später selbst eine Lawine 500 Meter weiter unten im Tal überlebt. Die Eiger-Nordwand sei aber die einschneidende Erfahrung gewesen, die stets im Hinterkopf geblieben sei. „Die nächsten Touren bin ich immer mit ein bisschen Zurückhaltung angegangen“, so Hering.

Mit einer Gedenkfeier wird am Freitag am Tafelberg Hohe Liebe im Elbsandsteingebirge der vier tragisch verunglückten Alpinisten gedacht.

Sachsen am Eiger

Den ersten ernsten größeren Angriff in der Eiger-Nordwand starteten – was wenig bekannt ist – Mitte Juli 1934 die sächsischen Bergsteiger Willy Beck (Pirna) sowie Kurt und Georg Löwinger (Dresden). Zuvor gelang ihnen im dritten Versuch unter Umgehung eines Wandstückes im oberen Drittel die Erstbegehung der Südostwand am Eiger-Hörnli. Der Versuch an der Nordwand endete für die Gruppe in einer Höhe von etwa 2900 Metern, wo sie infolge eines glimpflich verlaufenen Sturzes von Beck abbrechen mussten und sich in ein Eiger-Bahn-Stollenloch retteten.

Weniger Glück hatten der Sachse Karl-Heinz Gonda und sein Schweizer Bergkamerad Uly Wyss , die im August 1953 kurz unter dem Gipfel von einem Schneefeld abstürzten und zu Tode kamen.

Dem Dresdner Thomas Knoof und seinem Seilpartner Thomas Türpe aus Chemnitz war es hingegen vergönnt, die Eiger-Nordwand Ende September 1997 bei ihrem fünften Versuch zu durchsteigen.

Rekorde am Berg

Der aus zwei Zweierseilschaften gebildete Vierer­seilschaft mit Anderl Heckmair , Heinrich Harrer , Ludwig Vörg und Fritz Kasparek gelang 1938 in über drei Tagen die Erstbegehung der Eiger-Nordwand – als letzte der drei großen Nordwände neben Matterhorn und Grandes Jorasses.

1964 erreichte die Münchnerin Daisy Voog als erste Frau den Gipfel via Nordwand.

Im August 1974 stellten Reinhold Messner und Peter Habeler mit zehn Stunden einen Geschwindigkeitsrekord für Seilschaften auf, der über viele Jahre hielt.

Die schnellste Zeit einer Zweierseilschaft bis zum Gipfel erreichten bis zum heutigen Tage Ueli Steck und Nicolas Hojac 2015 in 3:46 Stunden.

Ueli Steck ist mit 2:22 Stunden auch aktueller Rekordhalter als Solobegeher. Er kam Ende April am Nuptse (7861 Meter) unweit des Mount Everest (8848 Meter) ums Leben

Ältester Bezwinger der Eiger-Nordwand ist seit Ende März Peter Habeler mit 74 Jahren.

Von Martin Pelzl

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