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„Wer bei uns abnehmen will, muss selbst mitziehen“

Adipositas-Forscherin aus Leipzig „Wer bei uns abnehmen will, muss selbst mitziehen“

Ein neues Programm rückt dem Übergewicht zu Leibe: Am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) für Adipositas-Erkrankungen der Leipziger Uniklinik wurde eine Baukasten-Therapie entwickelt – und die zeigt nach einem Jahr sensationelle Erfolge.

Die Ernährungswissenschaftlerin Sarah Victoria Schwalm fordert eine bessere Prävention.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Koordinatorin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum, Sarah Victoria Schwalm (27), erklärt im Interview, worin das Geheimnis der purzelnden Pfunde liegt und welche gewichtige Welle uns zu überrollen droht.

Frage: Dicke werden oft belächelt – doch sind sie auch krank?

Sarah Victoria Schwalm: Adipositas wird als Krankheitsbild immer bedeutender und auch gefährlicher. In Deutschland gilt bereits ein Viertel aller Erwachsenen als adipös – mit einem BMI von über 30. Diese Menschen sind nicht einfach nur dick – viele sind auch krank. Schon heute sterben weltweit mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht als an Hunger. Die Experten sind sich einig: Adipositas wird in den nächsten Jahren ein immer größeres Problem. Darauf ist das deutsche Gesundheitssystem längst noch nicht vorbereitet.

Was muss sich ändern?

Als Erstes müsste die Prävention ausgebaut werden. Es ist auch dringend notwendig, dass Adipositas als Krankheit anerkannt wird – erst dann können entsprechende Therapien finanziert werden. Die AOK Plus in Mitteldeutschland ist in dieser Beziehung bundesweit der Vorreiter schlechthin. Ein solch umfangreiches Programm mit unserem Baukasten-Prinzip gibt es nirgendwo, nur in Leipzig. Das klingt jetzt zwar, als seien die Kassen der Buhmann, doch so ist es keineswegs. Wichtig ist, dass die gesetzlichen Grundlagen angepasst und die entsprechenden medizinischen Leistungen so schnell wie möglich geändert werden. Es hilft beispielsweise nichts, die Folgeerkrankungen der Adipositas wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Beschwerden isoliert zu betrachten, dringend notwendig sind ganzheitliche Ansätze.

Diäten gibt es ja wie Sand am Meer – was machen Sie anders?

Wir haben das Rad nicht neu erfunden – die Behandlung ist jedoch länger, intensiver und individueller. Wir bilden Teams mit unseren Experten und gewährleisten eine interdisziplinäre Rundum-Betreuung. Die Fachdisziplinen greifen eng ineinander, wir arbeiten multimodal. Etwas Ähnliches kennt man bislang eigentlich nur aus besonderen Programmen für die Diabetes- oder Krebs-Therapie. Wir haben damit ein zentrales Management für jeden Patienten. Man muss wissen: Für Adipöse, also stark Übergewichtige, werden Therapien in Deutschland nur sehr schlecht finanziert. Die AOK Plus ist die erste Krankenkasse, die ein so umfassendes Programm wie das Leipziger Adipositasmanagement für bis zu vier Jahre bezahlt.

Die Leipziger Ernährungsexpertin Sarah Victoria Schwalm

Sarah Victoria Schwalm (27) ist Ernährungswissenschaftlerin und arbeitet seit zwei Jahren am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) für Adipositas-Erkrankungen, einem gemeinsamen Zentrum des Universitätsklinikums und der Universität Leipzig. Zuvor hat die aus Köthen (Sachsen-Anhalt) stammende Doktorandin in Halle und Gießen studiert. Seit 2014 ist sie IFB-Koordinatorin und betreut das Leipziger Adipositasmanagement mit knapp 250 Patienten. In der Adipositas-Ambulanz wurden in den vergangenen fünf Jahren insgesamt über 2000 Patienten behandelt. Zum Team gehören mehrere Ärzte, daneben Diätassistenten, Psychologen, Sporttherapeuten sowie Programm-Manager.

Wer kann daran teilnehmen?

Das Behandlungsprogramm startete für Erwachsene, seit Sommer können auch Kinder und Jugendliche teilnehmen. Unsere Messlatte ist Übergewicht ab einem Body-Mass-Index von 35 aufwärts. Das heißt, ein 1,80 Meter großer Mann würde 115 Kilogramm oder mehr wiegen, eine Frau bei 1,65 Meter 95 Kilogramm. Der durchschnittliche BMI unserer Patienten liegt aber weit höher, bei rund 45. Als Adipositas-Ambulanz haben wir einen großen Einzugsbereich, von Leipzig über Bautzen und Dresden bis Jena. Viele niedergelassene Ärzte überweisen inzwischen Patienten an uns. Daneben melden sich Betroffene auch selbst oder Krankenkassen empfehlen uns.

Sie haben vor einem Jahr mit dem Programm begonnen – wie lautet das Zwischenfazit?

Die positive Botschaft ist: Ein paar Patienten haben bis zu einem Viertel ihres Gewichts verloren. Das sind in Zahlen fast 30 Kilogramm, im Durchschnitt zehn Kilogramm. Das ist ein großer Erfolg, denn nach den Leitlinien ist ein Gewichtsverlust innerhalb eines Jahres von rund zehn Prozent des Ausgangsgewichts anzustreben.

Abnehmen hört sich häufig einfacher an als es in der Realität ist.

Genau so ist es. Die Besonderheit bei uns ist, dass wir ein sehr engmaschiges Betreuungsnetz haben, unter anderem mit ein bis zwei Terminen pro Woche. Dazu gehört Bewegung, aber auch Ernährungs- und Verhaltenstherapie unter ärztlicher und psychologischer Begleitung. Die Behandler können so individuell auf die Probleme des Patienten eingehen. Die Ausfallquote liegt bei nur 15 Prozent, das ist im Vergleich zu anderen Studien sehr gut, 50 Prozent sind keine Seltenheit. Die Adipositas-Ambulanz behandelt Patienten aller Krankenkassen, allerdings profitieren AOK Plus-Versicherte derzeit von diesem besonderen Programm.

Wie muss man sich diese ganzheitliche Betreuung vorstellen?

Wir richten uns nach den Patienten und bieten auch Abendkurse an. Dazu gehören Einkaufstraining, eine Lehrküche, Stressmanagement, Lebensmittelkunde, Ernährungsprotokolle, Verhaltenstraining und natürlich ein Mindestmaß an Bewegung. Es gibt keine Verbote für Lebensmittel, wir schreiben keine Rezepte oder Mahlzeiten-Kombinationen vor. Die goldene Regel ist, ausgewogen und gesund zu essen, Süßigkeiten, fettiges Essen und Ähnliches in Maßen. Das Wichtigste ist: Die Patienten müssen selbst mitziehen, jeder muss für sich selbst die Notwendigkeit zum Abnehmen erkennen. Drei Viertel sind Frauen, altersmäßig ist die gesamte Bandbreite vertreten, von 18 bis 75 Jahre.

Weshalb sind so viele Frauen unter den knapp 300 Teilnehmern, sind sie anfälliger für Adipositas?

Nein, Frauen kommen nur früher, weil sie sich nicht mehr wohlfühlen. Auch die Ästhetik spielt dabei eine große Rolle. Männer kommen oft erst, wenn Begleiterkrankungen aufgetreten sind oder der Leidensdruck entsprechend hoch ist. Die Gewichtsabnahme ist dabei die eine, die gewonnene Lebensqualität die andere Seite: Es ist doch einfach schön, ohne Atemnot die Schuhe binden oder in die dritte Etage laufen zu können.

Ist es nicht schon zu spät, wenn Begleiterkrankungen – wie zum Beispiel überlastete Gelenke oder Herz-Kreislauf-Probleme – auftreten?

Natürlich wäre es sinnvoll, wenn auch übergewichtige Männer die Notwendigkeit früher sehen würden. Doch zum Abnehmen ist es nie zu spät. Es lässt sich feststellen, dass sich die Auswirkungen aller Folgeerkrankungen – ob nun im orthopädischen Bereich oder im Herz-Kreislauf-System – deutlich lindern lassen, im Idealfall geht sogar ein Diabetes wieder weg.

Diäten sind ja immer im Munde, gerade nach der fetten Weihnachtszeit. Was ist Ihr Tipp?

Fast alle unserer Patienten haben schon diverse Diäten hinter sich – meist diese Mono-Diäten, wie sie unter anderem in Zeitschriften angepriesen werden. Das ist nicht sinnvoll und häufig fatal, weil man auf den Jo-Jo-Effekt quasi warten kann. Auch Diäten wie „Friss die Hälfte“ sind der falsche Ansatz, weil die drastische Kalorienreduktion zum Abbau der Muskulatur führt und der Körper dann einfach seinen Energiebedarf drosselt. Bei uns ist alles erlaubt, die Patienten sollen sich satt essen – aber eben mit dem Richtigen. Wenn ein Patient Heißhunger-Attacken bekommt, nutzt das beste Therapie-Programm nicht mehr viel. Das Wichtigste ist, dass man das veränderte Ess- und Bewegungsverhalten ein Leben lang durchziehen und sich von lieben Gewohnheiten auch trennen kann.

Was halten Sie von solchen Trendsettern wie „Schlank im Schlaf“ oder der „24-Stunden-Diät“, die auf ähnlichen Prinzipien basiert?

Dazu muss man einfach sagen: Alle diese Ansätze sind nicht wissenschaftlich belegt. Die meisten Diät-Bücher werden gar nicht von Ernährungsexperten geschrieben und sollten deshalb mit großer Vorsicht behandelt werden. Natürlich können kurzfristig durchaus Erfolge erzielt werden – langfristig bestehen aber erhebliche Zweifel. Wer möchte, kann am Abend das Brot oder andere Kohlenhydrate durchaus weglassen. Schaden tut das nicht, wenn man es nicht übertreibt. Ein langfristiger Nutzen entsteht allerdings erst, wenn man seinen Lebensstil ändert – sich also gesünder ernährt und ausreichend bewegt.

Welche Regeln lehren Sie?

So banal es klingt: Regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung. Dazu gehören Vollkornprodukte, mageres Fleisch – und das auch nicht jeden Tag –, gute Fette wie zum Beispiel Fisch, fünf Mal am Tag eine Portion Obst oder Gemüse. Natürlich haben wir viele Menschen, die in ihrer Ernährung einiges falsch gemacht haben. Doch es gibt auch Menschen, die durch ihre Gene belastet sind und leichter als andere zunehmen. An dem Satz „Ich brauche ein Stück Torte nur anschauen und schon habe ich es auf der Hüfte“ ist durchaus auch Wahres dran. Jeder sollte wissen: Adipositas ist ein komplexes Krankheitsbild, das individuell behandelt werden muss.

Es gibt Studien, wonach Bildungsgrad, Einkommensniveau und Übergewicht zusammenhängen. Können Sie das anhand Ihrer Patienten bestätigen?

Es ist tatsächlich so, dass einkommensschwache und bildungsärmere Schichten eher zu Übergewicht neigen. Das lässt sich auch an der Struktur unserer Patienten feststellen. Außerdem kann man auch eine zeitversetzte Entwicklung im Vergleich zu Amerika feststellen: Viele Menschen übernehmen bestimmte Gewohnheiten und essen zum Beispiel mehr Fast-Food oder verbringen immer mehr Zeit vor dem PC. Wohin das führt, kann man sehen – das ist eine gefährliche Entwicklung.

Von Andreas Debski

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