Volltextsuche über das Angebot:

34 ° / 16 ° sonnig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Wölfe erobern Deutschland zurück – Wolfsmanagement in Sachsen als Vorbild

Wölfe erobern Deutschland zurück – Wolfsmanagement in Sachsen als Vorbild

Sein Pfotenabdruck ist oft schon da - und bis zum Jahr 2030 werden Wolfsrudel in ganz Deutschland leben. So lautet die jüngste Prognose des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).

Voriger Artikel
"Ich wurde nicht geschützt": Bürgermeister aus Tröglitz tritt wegen NPD-Protesten zurück
Nächster Artikel
Tausende Schüler betroffen: Die wichtigsten Fragen zum Lehrerstreik am Mittwoch

Europäische Grauwölfe in einem der weitläufigen Gehege des Wolfscenters im niedersächsischen Dörverden bei Bremen.

Quelle: dpa

Berlin. Vor 15 Jahren begann die Rückkehr der Wölfe in der Lausitz mit ein paar Welpen, deren Eltern aus Osteuropa eingewandert waren. Nun bewegen sich die Tiere immer weiter in den Westen. Viel schneller als gedacht, heißt es in einer Bilanz des Nabu am Dienstag in Berlin.

Auch Naturschützer hätten es nicht für möglich gehalten, dass sich ein Wildtier so schnell aufmacht, ein ganzes Land zurückzuerobern. In nur zwei Jahren hat sich die deutsche Wolfspopulation zuletzt verdoppelt, und das könnte so weiter gehen. 31 Rudel gibt es schon, die meisten noch in Ostdeutschland - aber nicht nur. Die Tiere breiten sich nach Norden und Westen aus, bis nach Dänemark und die Niederlande sind sie schon gekommen.

200 Rudel in Deutschland hält der Nabu in Zukunft für möglich. Was im Osten aber schon fast normal ist, müssen Mensch und Wolf im Westen der Republik erst wieder lernen: ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben. Denn Wölfe wurden vor 150 Jahren durch die Jagd ausgerottet. Das Wissen über sie ist entweder verloren gegangen, wird romantisiert oder von Mythen und Märchen beherrscht.

„Der Wolf ist weder ein Kuscheltier noch ein gnadenloser Räuber“, sagt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. Es gehe darum, die falschen Bilder aus Rotkäppchen zu korrigieren und Ängste zu nehmen - aber ohne zu verharmlosen. „Bisher hat es in Deutschland noch keine Konflikte zwischen Mensch und Wolf gegeben“, ergänzt Tschimpke. „Aber für die Zukunft ist das nicht gänzlich auszuschließen.“ Genauso wie es heute schon Begegnungen und Unfälle mit Wildschweinen im Wald gebe, sei das auch für Wölfe möglich. Der Umgang mit wildlebenden Tieren bleibe eben eine Herausforderung.

phpipqKSd20150310193447.jpg

Verbreitung von Wölfen in Norddeutschland und Westpolen.

Quelle:

Gerade knirscht es in Niedersachsen. Vergangene Woche streunte ein Wolf dort ohne erkennbare Scheu durch Wohngebiete. Das machte Schlagzeilen - von verunsicherten Anwohnern bis zu Jägern ließ der Wolf niemanden kalt. „In Sachsen wäre das so nicht passiert“, sagt Markus Bathen, Leiter des ostdeutschen Nabu-Projektbüros „Wolf“ im brandenburgischen Spremberg. „Da wäre viel früher aufgefallen, dass ein Wolf so nah an Menschen herangeht.“ Denn normalerweise sind die Tiere scheu.

Bathen hat sie in 15 Jahren nur dreimal in freier Wildbahn gesehen - und jedes Mal schlugen sie einen großen Bogen um ihn. Sachsen ist aus Sicht der Naturschützer Vorreiter eines vorbildlichen Wolfsmanagements. Die Tiere werden beobachtet und gezählt. Wenn ein Wolf Verhaltensauffälligkeiten zeigt, greifen Maßnahmen. Gibt es eine Futterquelle nahe Wohngebieten? Dann weg damit. Und falls das nichts hilft, haben auch Naturschützer im Einzelfall nichts gegen Gummigeschosse.

Ein solches Wolfsmonitoring und Management wünscht sich der Nabu für ganz Deutschland. Ein bundesweites Kompetenzzentrum Wolf könne Erfahrungen und Daten sammeln, die in den einzelnen Bundesländern gemacht würden, so Präsident Tschimke.

 Auch der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) hat sich schon dafür ausgesprochen. Manche Jäger hätten dagegen lieber wieder eine Jagderlaubnis - oder zumindest die Diskussion darüber. Auch sie finden manchmal Unterstützung in der Landespolitik.

Naturschutz ist in Deutschland Ländersache - samt Wolf. In Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen leben heute schon Rudel, an Landesgrenzen halten sie sich nicht. Auf 70 erwachsene Tiere schätzt der Nabu die Gesamtzahl der Wölfe in Deutschland. Jedes Rudel besteht aus durchschnittlich acht Tieren. Jungwölfe ziehen aus, um neue Familien zu gründen. Dabei laufen sie Hunderte von Kilometern.

Doch schon beim Schutz von Schafherden sind die Bestimmungen in den Bundesländern unterschiedlich. In Brandenburg müssen die Zäune 1,06 Meter hoch sein, in Sachsen 90 Zentimeter, berichtet Bathen. Dabei sei es wichtiger, dass unten am Zaun schwach Strom fließe. „Dann kriegt der Wolf im Zweifelsfall eins auf die Nase“, ergänzt er. Elterntiere gäben diese Warnung an ihre Jungen weiter. In Sachsen seien auf diese Weise von 15.000 Schafen und Ziegen nur 0,3 Prozent vom Wolf gerissen worden. „Der Wolf weiß nicht, dass Rehe erlaubt sind und Schafe verboten“, sagt Bathen. Aber dass ein Zaun Schmerzen verursache, das lerne er schnell.

Und auch der Mensch kann lernen, wie er sich bei seltenen Begegnungen mit Wölfen am besten verhält. Nicht füttern, nicht anfassen, nicht weglaufen. Und entweder zur Warnung in die Hände klatschen und mit den Armen winken - oder sich langsam zurückziehen.

Der Wolf kommt aber nicht nur von Osten. Aus Italien und der Schweiz wird er nach Einschätzung des Nabu bald auch von Süden dauerhaft wieder einwandern. Die einzigen Bundesländer, in denen es bisher noch keine Spuren gibt, sind ohnehin nur noch das Saarland und Baden-Württemberg - Stadtstaaten und Ballungsgebiete ausgenommen. Denn der Wolf liebt Wälder.

In Italien lebt er schon immer, wo es keine große Industrie, keine reine Landwirtschaft und keine Großstädte gibt - zum Beispiel entlang des Gebirgszugs Appenin. Eine ähnliche Entwicklung hält der Nabu auch in Deutschland für möglich. Der Wolf könnte vom Tiefland aus zum Beispiel die Mittelgebirge erobern. „Es gibt viele Regionen in Deutschland, in denen der Wolf leben kann. Aber das wird sicher nicht flächendeckend passieren“, sagt Bathen. Im Berliner Grunewald sei das zum Beispiel eher unwahrscheinlich.

Ulrike von Leszczynski

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Probieren Sie es aus im Spieleportal von LVZ.de. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Schlösserland Sachsen - Schlösserausflug
    Schlösserland Sachsen

    Schlösser, Burgen & Gärten - Besuchen Sie das Schlösserland Sachsen und erleben Sie die Sächsische Geschichte in ihrer schönsten Form. Erfahren... mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und weitere asisi-Projekte in Dresden, Berlin und anderen Städ... mehr

  • Wave-Gotik-Treffen
    Wave Gotik Treffen

    Das Wave-Gotik-Treffen Leipzig feierte 2016 sein 25-jähriges Bestehen. Einen Rückblick mit vielen Fotos gibt es in unserem Special. mehr