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Wurzener Traditionsfabrik: Der Filz macht die Musik

Klavierproduktion Wurzener Traditionsfabrik: Der Filz macht die Musik

Ein altes Rezeptbuch und ein Anruf lassen eine Traditionsfabrik auferstehen. Renommierte Klavierbauer schwören wieder auf Filze aus Wurzen - und die gehen um die ganze Welt.

Joachim Brand, Inhaber der Wurzener Fabrik.

Quelle: dpa

Wurzen. Filz aus Wurzen sorgt mit für den Klang unzähliger Klaviere in aller Welt. Klavierhersteller und ihre Zulieferer wissen um die Güte der Textilie aus der Kleinstadt bei Leipzig, ob Steinway, Schimmel, Blüthner oder Steingraeber & Söhne. Nach der Wende drohte der sächsischen Traditionsfirma fast das Aus, denn viele Abnehmer waren zu DDR-Zeiten unzufrieden mit der Qualität geworden. «Ein altes Rezeptbuch und ein Anruf haben uns gerettet», erinnert sich Jack Brand, dessen Vater nach dem Ende der DDR die Filzfabrik Wurzen 1991 kaufte. Eigentlich hatte der eine andere Fabrik im nahegelegenen Oschatz wieder in Familienbesitz bringen wollen, doch das war fehlgeschlagen.

Der entscheidende Anruf kam aus der Louis Renner GmbH & Co KG Gärtringen (Baden-Württemberg), die Mechanik für Klaviere herstellt und weltweit liefert. «Zwei früheren Geschäftsführern kam damals zu Ohren, dass Wurzen privatisiert ist und wieder nach alten Rezepturen arbeiten will», sagt Geschäftsführer Clemens von Arnim. So habe sich seine Firma Anfang der 1990er Jahre entschlossen, wieder mit den Sachsen zu kooperieren: Hammerköpfe aus Gärtringen und darüber gespannte Filze aus Wurzen. Beide Firmen arbeiteten seitdem ständig an der Verbesserung der Qualität.

Das Rezeptbuch brachte ein Produktionsleiter, der es über die DDR-Zeiten gerettet hatte. Darin ist verzeichnet, welche Sorten Schafwolle für Filz verwendet, wie sie gekämmt, gedämpft und zugeschnitten werden muss. Die Rezeptur hatten zwei gelernte Hutmacher bereits im Jahre 1847 in der damaligen Pianofortefabrik J. D. Weickert kreiert. Der Vorzug ihres Filzes lag darin, das er aus einem Stück bestand. Für den Klang der Instrumente ist das wichtig.

Die Erfindung der beiden Handwerker machte weltweit Furore, die Nachfrage renommierter Klavierbauer stieg ständig. «Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts gingen jährlich Filze für etwa 200.000 Klaviere in alle Welt», erzählt Brand.

«Hammerköpfe sind entscheidend für den Klang des Instrumentes», erklärt Heinz Stroh, Geschäftsführer der Bundes Deutscher Klavierbauer. Die Filze dafür seien in deutschen Filzfabriken, zum Beispiel in der Firma Weickert in Wurzen jahrzehntelang entwickelt worden. Sie seien ein Ausdruck für deutsche Wertarbeit, die nicht auf Masse, sondern auf Klasse setze und weltweit geschätzt werde. Greife der Spieler in die Tasten, bringe er die befilzten Hammerköpfe in Bewegung. Die Saiten werden angeschlagen und erzeugen den Klang. «Von dem Filz hängt es unter anderem ab, wie lange der Klang nachhallt.»

«Wir kooperieren seit Anfang der 90er Jahre mit Wurzen», sagt Andreas Kaul, verantwortlich für Marketing und Kommunikation in der Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne in Bayreuth, die unter anderem Instrumente in die USA sowie nach Singapur, Japan und China liefert. «Die Firma geht auf unsere Wünsche ein und passt ihre Produktion an unsere Bedürfnisse an.» Zudem seien die Filze aus Wurzen sehr langlebig und hielten die Intonation sehr gut.

Die 140 Mitarbeiter in Wurzen haben bei den Klavierfilzen die alten Produktionszahlen fast wieder erreicht. Sie liefern Filze für 170.000 bis 180.000 Instrumente pro Jahr aus. «Es gibt Wartezeiten von bis zu einem Jahr», erläutert Brand. Die Klavierfilze machten zwar nur etwa 25 Prozent der Fabrikproduktion in Wurzen aus. Der Löwenanteil entfalle auf technische Filze, so Farb- und Bastelfilze. Doch die Filze für die Instrumente hätten die Firma einst gerettet.

LVZ

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