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"Zu spät reagiert": Sachsens Wissenschaftsministerin zum Lehrermangel

LVZ-Interview "Zu spät reagiert": Sachsens Wissenschaftsministerin zum Lehrermangel

Der Freistaat hat zu spät auf die steigenden Schülerzahlen und die Lehrerabgänge reagiert – und die Schulen damit in Personalnot gebracht. Das sagt Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange im Interview und macht Fehler der Vorgängerregierung für den Lehrermangel verantwortlich.

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (59, SPD). (Archiv)

Quelle: dpa

Dresden. Der Freistaat hat zu spät auf die steigenden Schülerzahlen und die Lehrerabgänge reagiert – und die Schulen damit in Personalnot gebracht. Das sagt Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (59, SPD) im Interview mit der Leipziger Volkszeitung.

LVZ: Die Lehrerausbildung wird in Sachsen aufgestockt – wird dies aber ausreichen, um die Engpässe zu beheben?
Eva-Maria Stange: Zum Wintersemester sind an den drei Universitäten Leipzig, Dresden und Chemnitz – inklusive der beiden Musikhochschulen – über 2000 Lehramtsstudenten immatrikuliert worden. Damit hat sich die Zahl binnen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Wir sind jetzt an der Grenze dessen, was die Hochschulen kapazitätsmäßig aufnehmen können. Das bedeutet aber auch: Es ist noch eine Durststrecke von zwei Jahren zu überstehen, bis sich die Erhöhungen der Studentenzahlen allmählich auswirken.

Es ist also zu spät auf die Schülerzahlen und die Lehrerabgänge reagiert worden?
Ja, es ist zu spät reagiert worden. Bereits im Wintersemester 2009/10 hätte die Zahl der Studienplätze verdoppelt werden müssen, damit heute – mit dem Einsetzen der großen Altersabgänge – die Absolventen für die notwendigen Neueinstellungen zur Verfügung stehen. Mit den Universitäten Dresden und Leipzig war diese Erhöhung auch schon im Sommer 2009 geplant. Doch das wurde von der damaligen CDU/FDP-Regierung dann nicht umgesetzt. Daneben ist ein weiterer großer Fehler gemacht worden: 2009 bis 2012 wurden in Dresden keine Grund- und Mittelschullehrer mehr ausgebildet. Damit sind diese Jahrgänge jetzt deutlich geringer. Auch deshalb müssen momentan beispielsweise Gymnasiallehrer an Grundschulen eingesetzt werden und sind Oberschulen auf Seiteneinsteiger angewiesen, um den Unterricht überhaupt absichern zu können.

Hinzu kommt, dass die Absolventenquote im Lehramt mit etwa 60 Prozent schlecht ist. Was muss sich hier ändern?
Diese Zahl lässt sich gegenwärtig gar nicht genau sagen, da die Umstellung der Studiengänge 2012/13 von Bachelor/Master auf Staatsexamen zum Wechsel der Studierenden geführt hat. Vor gut zehn Jahren gab es bundesweit bei Lehrämtern eine Absolventenquote von 65 Prozent. Das ist schlecht. Momentan sind wir dabei, die Zahlen zu erheben. Von der Universität Leipzig wissen wir bereits, dass es 80 Prozent sind, die erfolgreich ihr Studium abschließen. Das sollte das Ziel für ganz Sachsen sein. Damit das erreicht werden kann, müssen die Hochschulen – bei allen Unwägbarkeiten durch die steigenden Studentenzahlen – die Lehrqualität noch verbessern. Mein Ministerium stellt dafür 50 Millionen Euro bis 2020 bereit, ein großer Teil wird in die Lehramtsausbildung gehen müssen.

Müsste der Freistaat nicht stärker in das Auswahlverfahren der Studenten eingreifen, um den Nachwuchs für benötigte Fächer und Schularten zu rekrutieren?
Das ist nur begrenzt möglich. Es gibt zum Glück keine staatliche Studienlenkung mehr wie zu DDR-Zeiten. Laut Grundgesetz kann jeder seinen Beruf frei wählen, und dazu gehört auch die freie Studienwahl. Deshalb dürfen wir als Staat nur eingreifen, wo es nicht genügend Kapazitäten gibt. Das erfolgt über die Numerus-Clausus-Regelung. Dafür gibt es klare Vorgaben. Ein Beispiel: Auf Grund der begrenzten Personalkapazitäten im Fach Mathematik legen wir in Abstimmung mit der Universität fest, wie viele Plätze für das Lehramt an Gymnasien und wie viele für die Mittelschulen belegt werden dürfen. Das ist die einzige Möglichkeit zur Steuerung. Außerdem haben wir mit dem Kultusministerium Zielvereinbarungen mit jeder Hochschule abgeschlossen, in denen nach deren Angabe die Zahl der Studienanfänger bis 2020 entsprechend der Schularten vereinbart wurde.

Wie sollen diese Studienplätze besetzt werden? Schließlich will kaum jemand Lehrer an einer Oberschule werden.
Ein Abiturient kennt die Oberschule nicht, hat keine eigene Erfahrung damit – und entscheidet sich auch deshalb, Lehrer an einem Gymnasium zu werden. An diesem Punkt müssen wir ansetzen. Durch ein Freiwilliges Pädagogisches Jahr kann zum Beispiel die Oberschule kennengelernt werden. Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Das Oberschul-Lehramt ist in der Wahrnehmung der Studierenden weniger wert als das am Gymnasium. Kürzere Studienzeiten führten bisher auch zu niedrigeren Eingruppierungen. Das wird jetzt mit dem Lehrerpaket verändert. Und: Gymnasiallehrer dürfen an jeder Schulart unterrichten – deutschlandweit. Wegen dieser Flexibilität und natürlich wegen des höheren Gehalts, entscheiden sich viele Abiturienten eher für das Gymnasiallehramt.

Als Ministerin haben Sie die Möglichkeit, an den Hochschulen etwas zu ändern.
Ja, aber nicht allein, denn für die Gestaltung der Lehrerbildung ist maßgeblich auch das Kultusministerium zuständig. 2005 wurde beschlossen, das Lehramt für alle Schularten in gleichen Studienzeiten und gleichwertigen Ausbildungen durchzuführen. Das ist dann durch die neue CDU/FDP-Koalition 2009 nicht mehr gewollt gewesen. Im Koalitionsvertrag haben wir deshalb eine Evaluation der Lehrerbildung vereinbart. Diese wird im nächsten Jahr extern durchgeführt. Viele Bundesländer haben eine bessere Durchlässigkeit, was auch zu einem anschließenden flexibleren Einsatz führt.

Das ist die eine Seite – die andere ist: Wie sollen mehr Lehrer aufs Land gelockt werden? Reicht das Sachsen-Stipendium?
Ob das Sachsen-Stipendium tatsächlich wirkt, muss sich erst zeigen. Mit dem aktuellen Lehrerpaket wird es weitere Anreize unter anderem durch Zulagen geben. Es kann aber nicht sein, dass immer nur die Landesregierung gefordert wird. Die Landkreise und Kommunen müssen sich viel mehr auch um junge Lehrer für ihre Schulen bemühen, so wie sie es auch für Ärzte bereits tun. In Niedersachsen ist es beispielsweise geschafft worden, junge Lehrer aus Sachsen ins Land zu locken. Dabei wurden nicht nur höhere Gehälter, sondern auch Krippenplätze, Wohnungen, Arbeitsplätze für Partner und mehr angeboten. Eine solche Charmeoffensive muss es auch in Sachsen geben.

Insbesondere auf dem Land besteht auch ein Ärztemangel. Muss sich hier auch an den Hochschulen etwas bewegen?
Bis 2025 sind 540 Studienanfänger in der Medizin und 120 in der Zahnmedizin im HEP 2025 geplant. Bereits seit 2015 und bis 2020 werden an der Universiät Leipzig 20 Studienanfängerplätze zusätzliche bereitgehalten. Die Frage ist wie viele der Mediziner tatsächlich als Ärzte arbeiten werden oder eher in andere Bereiche wie Wissenschaft oder die Pharmaindustrie gehen. Hier könnte die Quote der Absolventen, die letztlich in die Praxen und vor allem in die ländlichen Regionen gehen, höher sein. Mit einem Stipendium werden derzeit Anreize dafür gesetzt. Aber auch hier wird es darauf ankommen, ob die Regionen aktiv um den Nachwuchs werben.

Einwand: Sie könnten in das Auswahlverfahren eingreifen. Das fordert zumindest der Kultus- und Gesundheitsbereich.
Wir sind sehr froh, dass wir derzeit doppelt so viele Studierende an den Hochschulen aufnehmen, als wir selbst Abiturienten haben. Sachsens Abiturienten könnten die Nachfrage allein nicht sichern. Bewerber aus anderen Bundesländern dürfen nicht benachteiligt werden. Das fordert das Grundgesetz. Es kann daher keinen Sachsen- Bonus geben, auch wenn von meinen betroffenen Kabinettskolleginnen solche Erwartungen kommen. Außerdem sind die Abiturnoten in Sachsen nicht so schlecht, dass Bewerber im Numerus-Clausus-Verfahren hier keine Chance hätten: Zwölf Bundesländer liegen beim Notendurchschnitt hinter Sachsen. Es ist eine Mär, dass unsere Landeskinder durch schwere Prüfungen benachteiligt würden. Im Rahmen der Auswahlmöglichkeiten berücksichtigen wir heute schon zusätzlich zur Abiturnote zum Beispiel im Lehramt sorbische Sprachkenntnisse oder in der Medizin einschlägige Vorerfahrungen. Für das Lehramt werde ich mit dem Universitäten gemeinsame ausloten, welche Möglichkeiten der Berücksichtigung von spezifischen Kriterien es im gesetzlichen Rahmen noch gibt. Entscheidend ist doch, ob die Absolventen - egal wo sie herkommen - anschließend in Sachsen arbeiten wollen und hier gute Lebensbedingungen vorfinden.

Dennoch verlassen viele Sachsen ihre Heimat und gehen fürs Studium fort.
Das trifft auf alle Länder zu. Wir wollen doch auch, dass junge Menschen die Welt kennenlernen. Sachsen kann sich glücklich schätzen, dass wir ein Studierenden-Importland sind, d.h. zu uns kommen mehr Studenten, als uns sächsische Abiturienten verlassen. Wir immatrikulieren 20.000 und haben selbst nur ca. 10.000 Studienberechtigte in einem Jahrgang. Mit der Werbekampagne „Pack dein Studium – am besten in Sachsen“ haben wir es seit 2008 geschafft, den Anteil der Studierenden aus anderen Bundesländern mehr als zu verdoppeln.

Was ist also nötig?
Wir werben jetzt noch stärker in Sachsen, ohne unsere Bemühungen in anderen Ländern einzustellen, denn in den nächsten Jahren, werden bundesweit die Abiturientenzahlen nach unten gehen. Deshalb haben wir die Werbekampagne „Pack dein Studium“ umgestellt und wollen verstärkt hiesige Abiturienten halten und für ein Studium in Sachsen gewinnen. Sie sollen bei uns studieren und die Vorzüge unserer sächsischen Hochschulen kennenlernen. Dafür sind unsere Werbeleute und die Hochschulen auf zahlreichen Messen unterwegs und wird Infomaterial an die Schüler geschickt. Für den Lehrerberuf werbe ich mit der Kultusministerin gemeinsam bei unseren Gymnasiasten. Und: Auch die Hochschulen selbst werben noch intensiver um die jungen Leute. Denn das Ziel ist eindeutig: Wir wollen die hohen Immatrikulationszahlen bis 2020 aufrechterhalten.

Mit dem Hochschulentwicklungsplan soll ab 2020 die Kapazität der Hochschulen um etwa zehn Prozent reduziert werden. Wo setzen die Abstriche an?
Wir werden im Dezember den Hochschulentwicklungsplan bis 2025 verabschieden. Dabei sind auch die Bereiche der Daseinsvorsorge wie Lehramt, Medizin, Pharmazie und Jura geregelt, da sie für unser Land besonders wichtig sind. Das heißt, wir müssen diese auf hohem Level absichern und teilweise ausbauen, um den Generationswechsel zu meistern. Gleichzeitig wird festgelegt, dass die Zahl der Studierenden nach 2020 und bis 2025 auf 95 000 zu senken ist. Es liegt wesentlich an den Hochschulen, wo die Schwerpunkte gesetzt werden.

Interview: Andreas Debski

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