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Zu viel Arbeit, zu wenig Geld: Sachsens Schafen fehlen die Schäfer

Nachwuchssorgen Zu viel Arbeit, zu wenig Geld: Sachsens Schafen fehlen die Schäfer

Der Beruf des Schäfers gehört zu den härtesten in der Landwirtschaft. Nur noch wenige junge Menschen möchten ihn ausüben - auch wegen des  niedrigen Einkommens. Nun soll zumindest die Deichpflege besser entlohnt werden.

Schafe (Archivfoto)

Quelle: dpa

Zwickau / Leipzig / Köllitzsch. Friedlich grasen die Schafe von Ralph Einert am Ufer der Zwickauer Mulde. Es ist ein vertrauter Anblick für Radfahrer und Spaziergänger, die am Hochwasserschutzdamm entlangkommen. Noch. Denn Sachsens Schafe und ihre Schäfer werden von Jahr zu Jahr weniger. Schäfermeister Einert gehört zu den rund 120 Berufsschäfern im Freistaat, die der Sächsische Schaf- und Ziegenzuchtverband ab einem Bestand von 200 Tieren registriert.

In ganz Sachsen gibt es laut Statistischem Landesamt nur noch 69.000 Schafe. Vor 20 Jahren waren es noch rund 150 000 Tiere. Und die Tendenz ist weiter fallend, wie Regina Walther vom Verband sagt. „Es fehlt der Nachwuchs.“ Ein einziger junger Mensch erlernt den Beruf derzeit in Sachsen. „Schäfer ist einer der härtesten Berufe in der Landwirtschaft. Zehn bis zwölf Stunden täglich und das 365 Tage im Jahr“, erzählt Einert. Dennoch sei es sein Traumberuf. Er habe noch nie etwas anderes gemacht, noch nie etwas anderes gewollt.

Zu DDR-Zeiten arbeitete der 48-Jährige in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), nach dem Mauerfall machte er sich selbstständig und holte seinen Meister nach. „Ich kann bei Wind und Wetter draußen sein, genieße die Ruhe in der Natur“, erklärt er die Faszination Schäfer. Er hat sie seinem Stiefsohn vermitteln können. Chris Horn hat bei ihm gelernt. „Leute in meinem Alter reagieren meist überrascht, wenn ich sage, ich bin Schäfer“, sagt der 21-Jährige. Die wenigsten könnten verstehen, warum er freiwillig so hart arbeitet oder die Ruhe beim Hüten genießt. Er will jedoch demnächst seine Meisterprüfung ablegen. 

Auch bei den Meistern merke man den Rückgang deutlich, sagt Carola Förster vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Gerade einmal acht neue Schäfermeister bringe der aktuelle Meisterkurs hervor. „Als wir 1993 mit der Meisterausbildung angefangen haben, hatten wir noch 30 Schüler in der Klasse und 19, die am Ende ihren Meister gemacht haben.“ Doch es ist nicht nur die harte Arbeit, die vor allem junge Menschen abschrecke. „Im Verhältnis zum Aufwand ist das Einkommen nur mäßig“, sagt Förster.

Im Durchschnitt mache ein Familienbetrieb mit ein bis zwei Arbeitskräften 25.000 Euro Gewinn - bei einer Sieben-Tage-Woche. Um überhaupt von der Schäferei leben zu können, müsse eine Herde 500 bis 600 Mutterschafe umfassen so wie die von Ralph Einert. Der Fleischverkauf macht dem Schaf- und Ziegenzuchtverband zufolge nur noch rund die Hälfte des Erlöses aus. „Unverzichtbar sind inzwischen andere Einnahmequellen wie die Landschaftspflege“, sagt  Expertin Walther.

Insbesondere beim Hochwasserschutz komme den Tieren eine besondere Bedeutung zu: Ihr Klauentritt, auch „Trippelwalze“ oder „goldener Tritt“ genannt, festigt die Grasnarbe der Deiche und macht sie stabiler. Noch weniger Schafe würden dazu führen, dass der Deichschutz nicht länger gegeben sei, so Walther. Derzeit werden 413 Hektar Deich auf einer Länge von 228 Kilometern von Schafen gepflegt.

Allerdings stehen Aufwand und Nutzen mit durchschnittlich 3,5 Cent je Quadratmeter Pflegefläche laut einer Studie des Landesamtes derzeit in keinem Verhältnis. Mindestens neun Cent müssten es sein, so Sachbearbeiterin Förster, damit die Schäfer zumindest einen kleinen Überschuss erwirtschaften könnten. Schäfer Einert nennt sogar 15 Cent, damit es nicht länger eine „Plus-Minus-Rechnung“ sei. Es gebe Licht am Ende des Tunnels: „Die Weichen sind gestellt. Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass das Deichpflegegeld erhöht wird“, sagt Förster. Eine Entscheidung des Freistaates Sachsen soll Anfang Herbst fallen. 

Einert und sein Geselle denken dann bereits an die Winterweiden fernab des Flussufers. „Wirklich im Stall stehen die Tiere eigentlich nur rund zehn Wochen im Jahr“, erklärt der Schäfer. Das kann man übrigens auch an seiner Tracht erkennen: 52 Knöpfe stehen für jede Woche des Jahres, die zehn kleinen davon für die Winterwochen. 

Krankheitsbedingt denkt der Schäfer inzwischen darüber nach, seinen Hütestab in die Ecke zu stellen. Stiefsohn Chris würde den Betrieb gern übernehmen und kann sich gut vorstellen, ebenfalls ein Leben lang Schäfer zu sein.

Claudia Drescher

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