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Zuflucht Kirche: Asylbewerber erhoffen sich Zukunft in Sachsen

Flüchtlinge Zuflucht Kirche: Asylbewerber erhoffen sich Zukunft in Sachsen

Eine iranische Familie flüchtet sich vor der Abschiebung unter das Dach einer Bautzener Kirche - bisher der einzige Fall in Sachsen. Nun hoffen die Flüchtlinge auf ein neues Leben an der Spree.

Die iranische Familie Zahra (l-r), Scharhad und Aliyar sitzen im Sandkasten vor ihrem Zimmer auf dem Gelände der Gesundbrunnen-Kirchgemeinde in Bautzen.

Quelle: dpa

Bautzen. Der kleine Scharhad albert mit seinen Eltern Aliyar und Zahra S. im Sandkasten am Bautzener Vorstau. Im Tal fließt die Spree. Gleich beginnt der Deutschunterricht. Stolz holt der 41-jährige Vater ein Papier aus der Brieftasche. „Aufenthaltsgestattung“ steht darauf. Mit diesem Dokument endet der bislang einzige Fall von Kirchenasyl in Sachsen, und das offizielle Asylverfahren beginnt. Anfang Februar war die iranische Familie unter das Dach der Evangelischen Kirchengemeinde Gesundbrunnen-Bautzen geflüchtet. Zwei Wochen vorher hatte sie ihren Abschiebungsbescheid erhalten. Sie sollte Deutschland verlassen und nach Italien geschickt werden.

Grund für diese Entscheidung sind die Dublin-Bestimmungen. Sie regeln, welches europäische Land für die Bearbeitung eines Asylantrags zuständig ist. Im Fall von Familie S. ist es Italien, weil sie den Iran vor genau einem Jahr mit einem italienischen Urlaubsvisum verlassen hatte - auf der Suche nach Glück, vor allem aber nach Glaubensfreiheit. Aliyar und Zahra gehen in ihr Zimmer auf dem Areal der Kirchengemeinde. Auf dem kleinen Tisch steht eine Kanne Tee. Ein Bett, ein Schrank, eine Küchenzeile sind ihr Zuhause. Dafür haben sie eine eigene Wohnung verlassen, ein Möbelgeschäft mit fünf Mitarbeitern und ihre Familie. Nach Europa kamen sie, um ihren christlichen Glauben zu leben. Die Abkehr vom Islam wird im Iran mit lebenslanger Haft oder sogar mit dem Tod bestraft. Aus Angst, ihren Familienmitgliedern in der alten Heimat zu schaden, wollen sie ihren Nachnamen nicht nennen.

Pfarrer Jörg Sirrenberg lernt die Familie im August vergangenen Jahres kennen. Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft im Asylbewerberheim in Bautzen besuchen die drei den Gottesdienst. Mit einer Bibel auf Persisch setzen sich Aliyar, Zahra und Scharhad zwischen die anderen. Rasch schließt die Gemeinde die Neuankömmlinge ins Herz, feiert mit ihnen ihre Taufe - und öffnet die Türen, als die Aufforderung kommt, die neue Heimat zu verlassen. „Wir können doch Flüchtlinge nicht wie Stückgut hin- und herschieben“, sagt der Pfarrer. Der Kirchenvorstand beschließt ohne Zögern das Kirchenasyl.

Dieser Schritt stößt nicht überall auf Verständnis. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen (EVKS) sieht den Fall mit Sorge. „Kirchenasyl belastet Flüchtling wie Kirchgemeinden“, sagt Sprecher Matthias Oelke. Er sieht die Aufgabe der Kirche zuerst in der Unterstützung der Initiativen für Flüchtlinge vor Ort. 400.000 Euro stellte die Landessynode 2014 dafür bereit. Dahinter stehen 40 Projekte, die der EVKS-Ausländerbeauftragte Albrecht Engelmann bestens kennt. „Gerade die Dublin-Fälle bedeuten für uns eine Gratwanderung. Zuerst versuchen wir für die Menschen auf der Arbeitsebene eine Duldung zu erreichen. Parallel bearbeiten wir die Mängel der Politik“, sagt er.

Allein im Freistaat Sachsen lebten im Mai nach Angaben des Innenministeriums rund 19.800 Asylbewerber, Tendenz steigend. Die sogenannten Dublin-Fälle beziffert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf ein knappes Viertel. Den Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit durch das Kirchenasyl suchen nur wenige von ihnen. Derzeit befinden sich laut Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchenasyl 438 Hilfesuchende bundesweit im Schutz eines Gotteshauses. Zahra S. atmet durch. Sie ist dankbar. „Für die Brötchen früh an der Tür, mit dem Schulranzen für Scharhad, den offiziellen Telefonaten oder einfach nur, weil uns jemand in den Arm nahm“, sagt die Mutter und streicht ihrem Sohn übers Haar.

König heißt sein Name in der Übersetzung aus dem Persischen. Aber auch kleine sechsjährige Könige müssen die Schule besuchen. Dort melden ihn die Eltern jetzt für die erste Klasse an. Der Alltag kehrt zurück. Die Bearbeitung des Asylantrags kann bis zu neun Monate dauern. „Zuerst warten wir auf eine kleine Wohnung in Bautzen“, sagt die 36-Jährige. Die Friseurin möchte gern wieder in ihrem Beruf arbeiten. Ihr Mann - ebenfalls Friseur - könnte sich auch vorstellen, mit dem Bus übers Land zu fahren. Auch diesen Beruf bringt er aus dem Iran mit. Doch jetzt beginnt erst einmal der Deutschunterricht. Aliyar S. steckt seine Aufenthaltsgestattung in die Brieftasche. Es ist Zeit für einen neuen Lebensabschnitt.

Miriam Schönbach

Otto-Nagel-Straße 3, 02625 Bautzen 51.19476 14.44585
Otto-Nagel-Straße 3, 02625 Bautzen
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