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Zum 100. Geburtstag von Erich Honecker - Machterhalt statt Weltrevolution

Zum 100. Geburtstag von Erich Honecker - Machterhalt statt Weltrevolution

Am Samstag vor 100 Jahren wurde in Neunkirchen im Saarland Erich Honecker geboren. Der letzte DDR-Staatschef wurde im Oktober 1989 von den eigenen Genossen gestürzt, er starb 1994 schwer krank im chilenischen Exil.

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Erich Honecker im Juli 1983.

Quelle: dpa

Berlin. Den Mauerbau 1961 hat er bis zu seinem Tod verteidigt.

September 1987 im saarländischen Neunkirchen: Erich Honecker ist überwältigt. Gerade hat er das Grab seiner Eltern besucht. Eine Schalmeienkapelle spielt zur "Rückkehr" des SED-Generalsekretärs, der 75 Jahre zuvor als Sohn eines sozialdemokratischen Bergmanns hier zur Welt gekommen war. Am Mikrofon übermannen ihn dann nicht nur die Erinnerungen. Mit Blick auf die beiden deutschen Staaten und die zuvor in Bonn unterzeichneten Verträge sagt Honecker, "dann wird auch der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern uns vereinen". Eine Schrecksekunde bei den Zuhörern aus Ost und West. Hat er wirklich "vereinen" gesagt?

Honecker schießt es durch den Kopf, welche Wirkung dieser Satz entfalten könnte, wo er in Bonn noch tapfer die Eigenständigkeit der DDR betont hatte. Er fügt rasch hinzu, er meine eine Grenze wie zwischen der DDR und Polen. Doch Honecker, der mächtigste Mann der DDR und als Hardliner verschrien, als Vorbereiter der deutschen Einheit - das passte nicht zusammen.

Aber vielleicht doch. Der oberste Silbenverschlucker der "deutschkratischen Republik" offenbart im Nachhinein viel verborgene Facetten. Erst nach seinem Sturz im Oktober 1989 wird der streng gehütete Schleier gelüftet, der den Mann mit der monotonen Stimme, der nie eine Universität besucht und die Dachdeckerlehre abgebrochen hatte, umgab. Als Jungkommunist in den 30er Jahren liebäugelte er sogar mal mit der Einheirat in einen pommerschen Bauernhof. Auch dass Honecker vor seiner Ehe mit Margot Honecker bereits zwei Mal verheiratet war, suchte man in der offiziellen Biografie aus DDR-Zeiten vergebens.

Dabei war Honecker durchaus nicht der hölzerne Apparatschik, für den ihn viele hielten. "Honeckers politische Vision war pragmatisch, und sie hieß: Machterhalt statt Weltrevolution. Aber er war sicher kein geistiger Mensch, eher ein wendiger Pragmatiker denn ein Ideologe", meint der Historiker Martin Sabrow. Nachdem Honecker seinen politischen Ziehvater Walter Ulbricht 1971 von der Macht verdrängt hatte, setzte kurzzeitig so etwas wie Tauwetter in der DDR ein. Doch der vorsichtigen Öffnung, auch im Ergebnis des Helsinki-Prozesses, folgte Repression.

Gleichzeitig verfügte Honecker soziale Wohltaten, die freilich von der starren Planwirtschaft nicht unterfüttert werden konnten. Als Wirtschaftslenker Günter Mittag in Leipzig vollmundig eine Übererfüllung des Plans verkündete, erklärte Honecker, fernab jedweden ökonomischen Sachverstandes, dann werden Sozialleistungen im gleichen Umfang erhöht. Sozusagen ein fürsorglicher Diktator, der sich freilich immer mehr vom normalen Leben im Real-Sozialismus abschottete. Das Leben in der Politbürosiedlung Wandlitz mit Rundum-sorglos-Versorgung entfremdete ihn und die gesamte Führungsclique vom wirklichen Leben.

Auf der anderen Seite war Honecker wendiger, als viele ihm das zutrauten. Als Anfang der 80er Jahre in Ost und West atomare Mittelstreckenraketen stationiert wurden, begehrte er gegen Moskau auf. Als dann Gorbatschow seine schützende Hand wegzog, suchte er sogar die Zusammenarbeit mit dem "Klassenfeind". "Angesichts der wirtschaftlichen Ausweglosigkeit lag ihm der Gedanke einer Konföderation mit der Bundesrepublik nicht völlig fern", meint der Historiker Sabrow.

Vielleicht mag Honecker in "sentimentalem Saarpatriotismus" dabei auch an einen möglichen Kanzler Oskar Lafontaine gedacht haben. Freilich hat der damalige SPD-Ministerpräsident Lafontaine Honeckers Kaminträume nie unterstützt. Nach seiner Entmachtung 1989 fiel er in ein tiefes Loch. Selbst die eigenen Genossen wandten sich ab und auf dem Demonstrationen wurde seine Verurteilung gefordert. Zuflucht fand er nur bei Pfarrer Uwe Holmer im brandenburgischen Lobetal. Nach dem geplatzten Prozess gegen Honecker wegen der Toten an der Mauer flog er ins chilenische Exil, wo er 1994 starb.

Reinhard Zweigler

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