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Zwei Jahre nach dem Erdrutsch in Nachterstedt: Vieles ist noch ungeklärt

Zwei Jahre nach dem Erdrutsch in Nachterstedt: Vieles ist noch ungeklärt

Die Bilder wird Bürgermeisterin Heidrun Meyer wohl ihr Leben lang nicht vergessen. Verzweifelt und völlig aufgelöst steht ein älteres Ehepaar gegen 5.00 Uhr auf der Straße, ein junges Mädchen schluchzt und hält den Schäferhund des Nachbarn fest an der Leine.

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Die Ursache des gigantischen Erdrutsches von Nachterstedt mit drei Toten vor einem Jahr ist bislang noch ungeklärt.

Quelle: dpa

Nachterstedt. So wie sie ist ganz Nachterstedt (Salzlandkreis) an jenem Morgen vor zwei Jahren auf den Beinen. Gerade mal zwei Tage im Amt wird die Bürgermeisterin (parteilos) des 2200-Seelen-Ortes am 18. Juli 2009 zu einem Einsatz gerufen, dessen Bilder um die Welt gehen.

Ohne Vorwarnung versinken an diesem Morgen bei einem gewaltigen Erdrutsch am ehemaligen Braunkohletagebau ein Doppelhaus und eine Haushälfte im Concordia-See. 3 Bewohner sterben, etwa 40 Menschen aus der Nachbarschaft verlieren ihr Zuhause, 15 Häuser sind betroffen. Die Toten konnten wegen der Menge der abgerutschten Erdmassen von 2,8 Millionen Kubikmetern bis heute nicht geborgen werden.

Die Unglücksursache ist bislang nicht bekannt. Die Arbeit der Gutachter und des Bergbausanierers LMBV am Ort braucht Zeit. „Wir arbeiten mit großem finanziellen und personellen Aufwand, um herauszufinden, warum das Unglück geschah“, sagt der Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbausanierungsgesellschaft (LMBV/Senftenberg), Uwe Steinhuber. Von Bohrungen am und im See erhoffe sich die LMBV weitere Erkenntnisse. „Gegenwärtig sind landseitig bis zu elf Bohrgeräte gleichzeitig im Einsatz.“

Experten sammeln von zwei seetüchtigen Pontons auf dem Concordia-See aus neue Daten aus dem Rutschungskessel und seiner Umgebung. Diese Erkundungsarbeiten geschehen mit Drucksondierungen und Kernbohrungen bis in 100 Meter Tiefe. „Das Unternehmen hält an der ehrgeizigen Zielsetzung fest, im Jahre 2012 eine teilweise, eingeschränkte Nutzung auf der Schadelebener Uferseite nach Vorliegen der entsprechenden Genehmigungen wieder ermöglichen zu können“, erklärt Steinhuber. Das ist das nördliche Ufer, das Unglück geschah am Südufer des riesigen Gewässers. Vielleicht ist für das Wegrutschen der Erdmassen eindringendes Wasser verantwortlich - Gutachter gehen auch dieser Theorie nach.

Für die Region war das Unglück ein schwerer Rückschlag. Denn mit dem See, ein geflutetes Tagebauloch, sollten eigentlich die Touristen kommen. Zu DDR-Zeiten bot die Braunkohle in Nachterstedt mehreren Tausend Menschen einen Job. Im Jahr 1991 kam das Aus, das Fördergebiet wird seitdem geflutet. Der entstandene Concordia-See hatte sich seither zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt.

„Das, was hier alles schon am See gemacht wurde, das darf doch nicht umsonst gewesen sein“, sagt ein Bürger, der seinen Namen nicht verraten will, mit Blick auf etliche Tourismusprojekte. Neue Unterkünfte für die Opfer seien die eine Seite, doch das Leben müsse bei aller Tragik weitergehen. Rund 100 000 Ausflügler kamen nach Angaben von Bürgermeisterin Meyer in den Jahren vor dem Erdrutsch, damit ist es in dieser Größenordnung seither vorbei. 2010 waren es laut Meyer aber immerhin 50.000, die meist vom Harz einen Abstecher in den Landstrich mit Feldern und Wiesen machten.

„Betreten verboten - Lebensgefahr“ steht heute auf Schildern im südlichen Teil des Sees an der Unglücksstelle, die weiträumig abgesperrt ist. Aus der Ferne sind die Geisterhäuser der einstigen Siedlung zu sehen. Viele persönliche Erinnerungsstücke mussten die Bewohner angesichts der Gefahr eines weiteren Abbruchs von Uferteilen zurücklassen. Das lockte Diebe an, so etwa vier Jugendliche, die im Juni vom Wachschutz auf frischer Tat ertappt wurden. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden daraufhin nochmals verschärft, das Gelände ist videoüberwacht. „Es bleibt nichts unbemerkt“, versichert die Bürgermeisterin.

Schweren Herzens stehen aber immer wieder frühere Bewohner, wie das Ehepaar Angelika und Hans-Joachim Kral, an der bewachten Absperrung. „Wir hoffen, die Siedlung noch einmal betreten zu können, um unsere Sachen aus dem Haus holen zu können. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Das sagt auch die Bürgermeisterin. Wichtig sei auch ein Ort der Trauer für die Menschen. So wird mit einer Andacht am 18. Juli wieder an der Gedenkstätte im Ort an den Erdrutsch und dessen Opfer erinnert.

Petra Buch und Sabine Fuchs, dpa

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