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Zwischen Facebook und Schweigen: Sexualmord aus DDR-Zeit vor Gericht

Angeklagter schweigt Zwischen Facebook und Schweigen: Sexualmord aus DDR-Zeit vor Gericht

Mit dem Auftritt des Angeklagten begann am Montag im Landgericht Zwickau ein außergewöhnlicher Prozess. Denn der 61 Jahre alte Mann soll einen Sexualmord begangen haben, der fast 30 Jahre zurückliegt und somit noch zu DDR-Zeiten verübt wurde.

Blick in den Gerichtssaal in Zwickau.

Quelle: dpa

Zwickau. Um 11.35 Uhr wird die hohe Tür geöffnet, Kameras werden geschwenkt, Fotoapparate klicken, Blitzlicht zuckt auf. Helmut S. wird im Rollstuhl in den Schwurgerichtssaal gefahren. Mit dem Auftritt des Angeklagten begann am Montag im Landgericht Zwickau ein außergewöhnlicher Prozess. Denn der 61 Jahre alte Mann soll einen Sexualmord begangen haben, der fast 30 Jahre zurückliegt und somit noch zu DDR-Zeiten verübt wurde. In der zum Prozessauftakt verlesenen Anklageschrift wirft die Staatsanwaltschaft Helmut S. vor, im April 1987 die damals 18-jährige Heike Wunderlich in der Nähe der Stadt Plauen vergewaltigt und getötet zu haben. „Das ist strafbar als Mord“, sagte Staatsanwalt Holger Illing.

Geht es nach der Familie des Opfers, hat Helmut S. keine Gnade verdient. Der sichtlich aufgewühlte Frank Wunderlich, Bruder der Ermordeten, wollte sich nach dem Prozessauftakt nicht äußern. Nebenklageanwalt Guido Zengerle gab für den Bruder die Erwartungen der Familie wieder. „Er soll verurteilt werden“, sagte der Anwalt. „Man kennt den Akteninhalt. Er ist kein Zufallsangeklagter.“

Doch Helmut S. schweigt zu den Vorwürfen. Nur mit seinen Verteidigern wechselt er ein paar Worte, lächelt sogar kurz. Er bestätigte die Angaben zu seiner Person. Danach stammt er aus Zwickau und wohnt in Gera. Er ist Frührentner.

Aufgrund eines Schlaganfalls 2012 ist der Beschuldigte halbseitig gelähmt. Die Untersuchungshaft verbringt er im Haftkrankenhaus in Leipzig. Ein Gutachten attestiert ihm, pro Tag nur zwei Stunden mit einer angemessenen Pause dazwischen verhandlungsfähig zu sein. Die wegen Gehörproblemen bereitgestellten Kopfhörer nutzt er nicht.

Laut Verteidigung leidet Helmut S. auch unter erheblichen Sprachstörungen und kann sich weder schriftlich noch mithilfe einer Computertastatur verständlich machen. „Wir haben ein ganz übles Kommunikationsproblem“, sagte Cord Hendrik Schröder, einer von zwei Pflichtverteidigern. Der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann äußerte daran Zweifel. Schließlich sei der Angeklagte auf Facebook aktiv gewesen. „Das müssen wir uns eventuell genau anschauen“, sagte er.

In der vom Staatsanwalt verlesenen Anklageschrift heißt es, dass Helmut S. die junge Frau zur Verdeckung eines vorangegangenen Sexualdeliktes erdrosselte. Dies habe er getan, indem er ein Gummiband sowie Teile ihres BH und ihres Slips um ihren Hals legte und zuzog, bis der Tod eintrat. Weil die Tat zu DDR-Zeiten verübt worden ist, ist der Tatverdächtige auch nach Paragraf 112 des Strafgesetzbuches der DDR (Mord) angeklagt.

Weil der Angeklagte schweigt, muss die Beweisaufnahme klären: Was geschah am 9. April 1987? Die Ermittler haben in akribischer Kleinarbeit weite Teile der Geschehnisse rekonstruiert. Heike Wunderlich hatte in Plauen ihre Mutter besucht. Im Anschluss an die Abendschule brachte sie mit ihrem Moped eine Mitschülerin heim und besuchte danach noch eine Freundin. Von dort brach sie gegen 21.45 Uhr nach Altensalz auf. Dort kam sie nie an. Am nächsten Tag fand ein Armeeangehöriger die erdrosselte Leiche neben ihrem Moped.

Viele Fragen sind offen. Wo, wann und wie trafen Opfer und mutmaßlicher Täter aufeinander? Kannten sie sich? Wenn der Fundort nicht der Tatort ist: Wo wurde Heike Wunderlich vergewaltigt und getötet? Wo sind ein schwarzer Ledergürtel, ein Schlüsselbund und der Personalausweis der jungen Frau geblieben? Weshalb geriet Helmut S. nicht schon eher ins Visier der Fahnder?

Auf diese und weitere Fragen geben selbst die umfangreichen Akten keine Auskunft. Vor Gericht sollen sie nun beantwortet werden. Dafür sind zunächst elf Verhandlungstage angesetzt, 49 Zeugen und drei Sachverständige sollen gehört werden.

Von LVZ

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