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"Unangemessen und brutal" - Arnsdorf sucht Erklärungen nach Übergriff auf Iraker

Mit Kabelbindern gefesselt "Unangemessen und brutal" - Arnsdorf sucht Erklärungen nach Übergriff auf Iraker

Arnsdorf bei Dresden ist für seine Psychatrische Klinik bekannt. Seit Mittwoch ist der Ort wegen eines Übergriffs auf einen Iraker bundesweit in den Schlagzeilen. Eine Rekonstruktion des Falls.

In diesem Supermarkt ereignete sich die Auseinandersetzung.

Quelle: Burkhardt

Arnsdorf. Arnsdorf liegt knapp 25 Kilometer östlich von Dresden und besitzt eine renomierte Klinik für Psychiatrie. Bundesweit ist der 5000 Einwohner zählende Ort allerdings wegen eines Übergriffs auf einen Iraker in einem Supermarkt in die Schlagzeilen geraten.

Die Polizei hat inzwischen drei Tatverdächtige identifiziert. Gegen die Männer im Alter von 29, 49 und 54 Jahren ermitteln die Beamten jetzt wegen Freiheitsberaubung. Mit dem Gesetz sind sie bisher noch nicht in Konflikt geraten. Der Präsident der zuständigen Polizeidirektion Görlitz, Conny Stiehl, hat für den Fall eine Ermittlungsgruppe gegründet, der auch Experten des Staatsschutzes angehören.

Der Vorfall in dem Discountmarkt an der Stolpener Straße hat sich bereits am 21. Mai ereignet. Seit Mittwoch sorgt er auch außerhalb des Ortes für Schlagzeilen, weil ein Handyvideo auf Youtube auftauchte, das das Geschehen dokumentiert. Vor allem in ausländerfeindlichen Foren und aus der rechtsextremen Ecke erhalten die Beteiligten dafür Applaus.

Zu sehen ist ein 21 Jahre alter Flüchtling aus dem Irak. Bei dem Mann handelt es sich den Angaben zufolge um einen Patienten der nahegelegenen psychiatrischen Fachklinik mit ihren knapp 400 Betten. „Bei uns werden Menschen aus unserem Einzugsbereich behandelt. Wir machen keine Unterschiede. Flüchtlinge und Europäer haben die selben Leiden“, erklärte der Ärztliche Direktor, Peter Schönknecht.

Sprachbarrieren im Supermarkt

Der Patient ist am Tag des Vorfalls bereits zum dritten Mal wegen einer angeblich nicht funktionierenden Telefonkarte in der Filiale aufgetaucht. Offenbar war sie bereits leer, Sprachbarrieren erschwerten die Verständigung zwischen Personal und Kunden. Bei Befragungen durch die Polizei berichtete das Verkaufspersonal später, dass der Mann in Rage geraten sei und mit einer Weinflasche ein Mitarbeiterin bedroht habe. „Verletzt wurde dabei niemand, ebenso kam es zu keiner Diebstahlshandlung oder einer Sachbeschädigung“, teilten die Ermittler mit.

Später hielt sich der Iraker mit zwei Flaschen in der Hand im Kassenbereich auf. Von Drohungen ist auf dem zweieinhalb Minuten langen Film nichts mehr zu erkennen. Eine Verkäuferin sagt aber mehrfach: „Stell die Flaschen hin.“ Der Mann ignorierte diese Aufforderung. Plötzlich liefen vier Männer zielgerichtet in den Laden und nahmen dem 21-Jährigen die Flaschen aus der Hand und zogen ihn zum Ausgang. Dort eskalierte die Lage, als er sich wehrte. „Was willst Du von mir, Du Schwein“, brüllte ihn einer der Männer an. Es kam zum Handgemenge und schließlich wurde der Flüchtling aus der Filiale gezerrt. Das Video endet mit einer weiblichen Frauenstimme: „Schade, dass man eine Bürgerwehr braucht.“

Mit Kabelbindern am Baum

Laut Polizei wurde der Iraker vor dem Geschäft mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt, „zur Abwehr einer angeblichen Gefährdungssituation.“ Wie die Beamten nun berichten, hat der 49-jährige Tatverdächtige die Ordnungshüter an dem Abend selbst über den Notruf verständigt. „Er meldete einen Ladendiebstahl im Supermarkt“, so die Polizei. Vor Ort habe sich der Sachverhalt dann anders herausgestellt. Ein Diebstahl bestätigte sich nicht. Dafür ermitteln die Beamten gegen die vier Männer, einer ist noch nicht identifiziert, nun wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung. Der Iraker wurde derweil zurück in die Klinik gebracht und wird nun laut Direktor Schönknecht „nach allen Regeln der Kunst behandelt“.

Besonders pikant: Bei einem der Beteiligten handelt es sich um den örtlichen CDU-Gemeinderat Detlef Oelsner, der im vergangenen Jahr auch für den Bürgermeisterposten kandidierte, aber scheiterte. Am Donnerstag äußerte er sich zu dem Vorfall. Es gebe keine Bürgerwehr in Arnsdorf. „Wir haben lediglich Zivilcourage gezeigt hätten das auch bei einem Deutschen gemacht“, sagte Oelsner gegenüber LVZ.de. Der Kommunalpolitiker wohnt in unmittelbarer Nähe zum Supermarkt und sei mit Bekannten zu Hilfe gerufen worden.

Bürgermeisterin Martina Angermann.

Quelle: Sebastian Burkhardt

Für Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD) sind die Männer übers Ziel hinausgeschossen. „Das war unangemessen und brutal. Das Gewaltmonopol liegt noch immer bei der Polizei“, sagte sie. In der nächsten Gemeinderatssitzung am 20. Juni soll das Thema auf die Tagesordnung gelangen.

Görlitz' Polizeipräsident hat das brutale Festhalten eines psychisch kranken Flüchtlings durch Bürger in einem Supermarkt im ostsächsischen Arnsdorf unterdessen teilweise gerechtfertigt. „Durch die Erregtheit des Asylbewerbers war das Festhalten sinnvoll, ich tu mich schwer zu sagen, notwendig“, sagte Conny Stiehl am Donnerstag in Görlitz. Die alarmierten Polizeibeamten hätten sich in dem Markt über den Sachverhalt informiert. „Dabei hat das im späteren Video Gezeigte keine Rolle gespielt. Also mussten wir davon ausgehen, dass das Handeln derjenigen, die uns geholfen haben, korrekt war“, sagte Stiehl.

Zuvor hatte Stiehl eine Aufarbeitung der Geschehnisse angekündigt. Offenbar hatten erst die Handyaufnahmen den Beamten das gesamte Ausmaß verdeutlicht. „Wir wussten zwar von dem Vorfall, aber erst das Video hat die Tragweite gezeigt“, sagte Tobias Sprunk, Polizeisprecher in Görlitz. Mittlerweile hat sich auch die Supermarkt-Kette von den Vorfällen distanziert.

Matthias Roth/Sebastian Burkhardt (mit dpa)

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