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Flüchtlinge schildern Schleusung in Dresdner Prozess als Alptraum

Stundenlang in Laster eingepfercht Flüchtlinge schildern Schleusung in Dresdner Prozess als Alptraum

81 Menschen sind über Stunden in einem Lastwagen zusammengedrängt, viele bekommen kaum noch Luft. An den Folgen leiden manche Flüchtlinge bis heute. Am Landgericht Dresden berichten sie über die Tortur auf ihrer Flucht.

Einer der Angeklagten wird mit Handschellen ins Gericht geführt.

Quelle: dpa

Dresden. Im Dresdner Schleuserprozess haben Flüchtlinge erschütternde Details ihrer letzten Etappe auf der Flucht nach Deutschland geschildert. Zwei Männer aus Syrien und Afghanistan berichteten am Mittwoch am Landgericht Dresden von bedrückender Enge während einer stundenlangen Fahrt in einem Kühllaster. Das sei das Schlimmste gewesen, was er bislang erlebt habe, sagte ein 32 Jahre alter Afghane. Seine Frau werde noch heute von Alpträumen geplagt. Die zweijährige Tochter habe später wie bewusstlos gewirkt und sei zunächst auch nicht aufgewacht, als man sie geschüttelt habe. Der Syrer gab unter anderem an, unter starker Atemnot gelitten zu haben.

In dem Prozess ist ein 34 Jahre alter Bulgare angeklagt. Er hatte am 16. August 2015 einen Kühllaster mit 81 Menschen an Bord von Ungarn ohne Pause bis nach Sachsen gefahren. Nahe der tschechischen Grenze setzte er die Flüchtlinge ab. Sie konnten während der gesamten Fahrt ihre Notdurft nicht im Freien verrichten, viele von ihnen waren nach der Ankunft entkräftet.

Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag ein Geständnis abgelegt. Er gab auch zu, trotz Klopfzeichen der Flüchtlinge den Laster nicht gestoppt zu haben, weil ihm sein Chef das ausdrücklich untersagt habe. Die Anklage geht davon aus, dass die Situation für die Flüchtlinge lebensbedrohlich war.

Laut Anklage waren die Betroffenen 18 Stunden lang in dem von außen versperrten Lkw eingeschlossen. In der Mehrzahl waren Afghanen an Bord, aber auch Syrer, Iraker, Iraner und Pakistani. Der Bulgare war nach eigenen Angaben Teil einer Bande, zu der neben Landsleuten auch ein Araber und ein Pakistani gehörten.

Die Staatsanwaltschaft Dresden sieht Parallelen zu einem Fall aus Österreich. Dort waren Ende August 2015 in einem abgestellten Lastwagen die Leichen von 71 Flüchtlingen entdeckt worden, die in einem Kühlfahrzeug qualvoll erstickt waren. Staatsanwalt Till von Borries hatte auf Überschneidungen hingewiesen. So habe man bei beiden Schleusungen identische Handynummern gefunden.

Die vierköpfige Familie aus Afghanistan hatte nach Bekunden des Ehemannes für die Schleusung zwischen 45 000 und 50 000 Euro bezahlt, einen Teil davon bereits in der Heimat, den Großteil aber in der Türkei. Das Ehepaar ging davon aus, von dort bequem in einem Taxi in ein europäisches Land weiterreisen zu können. „Wenn ich gewusst hätte, wie die Reise verläuft, hätte ich das auch in 100 Jahren nicht gemacht“, erklärte der Mann.

Der Syrer, ein 30 Jahre alter Apotheker, hatte für seine Flucht von der Türkei aus etwa 1450 Dollar oder Euro bezahlt. An die Währung konnte er sich am Mittwoch nicht mehr erinnern. Er gab unter anderem zu Protokoll, dass die Mehrheit der Geflüchteten keinen Stopp des Lasters wollten, weil sie Angst vor einer Entdeckung hatten. Als ein Freund von ihm in Tschechien einen Notruf absetzte, hätten andere Insassen sie mit Schlägen bedroht - weil sie offenbar Angst vor einem Aufgreifen durch die Polizei hatten. In einigen Punkten widersprachen sich die Aussagen der beiden Zeugen. Insgesamt schilderten aber beide die Fahrt als Tortur.

Das Landgericht hat bis 21. März insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt. Der nächste Termin ist der 14. März.

Von LVZ

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