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Was geschah in Gröditz? Fußballer pöbeln - Flüchtlinge wehren sich

Polizei ermittelt Was geschah in Gröditz? Fußballer pöbeln - Flüchtlinge wehren sich

In Gröditz sollen am Wochenende zwei Fußballer von Flüchtlingen gejagt und verprügelt worden sein. Das teilte zumindest der Verein mit. Doch Zeugenaussagen und auch die Polizei relativieren die Angaben. Denn die alkoholisierten Sportler hatten zuvor über lange Zeit vor einer Asylunterkunft herumgepöbelt.

An diesem Ort nahe der Flüchtlingsunterkunft soll sich der Überfall zugetragen haben.
 

Quelle: Matthias Pöls

Gröditz. Wenn das wahr ist, dann ist Gröditz nicht mehr nur ein Ortsname. Der Begriff würde zum Schlagwort. Im beschaulichen Gröditz sollen am Wochenende zwei Fußballer von 20 Flüchtlingen mit Metallstangen gejagt und krankenhausreif geprügelt worden sein. Der SV Frauenhain, dem die Kicker angehören, hat dies am frühen Montagmorgen gepostet. Die Mitteilung verbreitet sich rasant im Netz. Die ersten Reaktionen sind heftig. Sie passen mitten hinein in die aufgeheizte Stimmung in Deutschland. Nur irgendwie passen sie nicht in die 7600-Einwohner-Stadt im Landkreis Meißen.

An der Hauptstraße reiht sich Einzelhaus an Einzelhaus - alle saniert. Auf jener Straße soll es passiert sein. Direkt nebenan ist die Unterkunft für Flüchtlinge. Die Menschen, die in dem grauen, fünfstöckigen Block wohnen, haben eigene Wohnungen. Bereits 2012 ist diese Unterkunft beschlossen worden, sagt Bürgermeister Jochen Reinicke. „Dezentrale Unterbringung“ lautet die Devise in der Gemeinde. Damals gab es massive Proteste. Die NPD zog ins Feld – umsonst. Seitdem soll es ruhig gewesen sein, trotz des späteren einsetzenden Flüchtlingsstroms.

Bis zur Nacht zum Sonntag: Am Sonnabend hat der SV Frauenhain ein Hallenturnier veranstaltet. Die Kreisklasse-Kicker belegten den dritten Platz. Anschließend gingen die zwei Fußballer offenbar noch einen Trinken. Die Polizei teilte am Montag mit, dass die Beiden „erheblich alkoholisiert“ gewesen sind. Ein Grund für die Zweifel. Gegenüber der „Bild-Zeitung“ sagten die beiden, dass sie auf dem Heimweg noch Zigaretten holen wollten. Es ist weit nach Mitternacht. Ein Automat steht ganz in der Nähe der Unterkunft. Plötzlich seien sie angepöbelt, angegriffen und mit Eisenstangen verprügelt worden. „Keine Ahnung, warum“, sagen sie.

Fußballer beleidigen Flüchtlinge über eineinhalb Stunden lang

Ganz so ist es nicht gewesen. Die beiden haben offenbar vor dem grauen Block am Stadtrand gestanden und gepöbelt. „1,5 Stunden ging das so“, sagt eine Mitarbeiterin der Diakonie am Dienstag, die sich um die Belange der Bewohner kümmert. „Das haben mir zwei Frauen berichtet.“ Was gerufen wurde, hätten sie nicht verstanden. Ähnliches erfährt die Polizei durch die Aussagen von weiteren Zeugen und Anwohnern. Demnach haben bereits am frühen Abend die 25 und 27 Jahre alten Kicker gepöbelt, gemeinsam mit einem Dritten.

Fakt ist: „Die beiden Fußballer sind schwer verletzt“, sagt der Polizeisprecher. Ob nun mit Metallstangen und mit einer 20-köpfigen Gruppe, dass werde nun geprüft. Doch ein Angriff erfolgte. Einer der beiden Opfer musste sogar vorübergehend im Krankenhaus bleiben. „Inzwischen sind Beide wieder zu Hause“, sagt Vereinssprecher Frank Staratschek am Dienstag. „Einer hat drei gebrochene Finger, der andere ein dickes Ohr.“ Zudem haben beide jede Menge Prellungen und blaue Flecken. Weitere Auskünfte will er nicht geben.

Verein mahnt zur Besonnenheit

Auf der Facebook-Seite mahnt der Verein immer wieder zu Besonnenheit. Unter dem Post sammeln sich knapp 2000 „Gefällt mir“ - eine Form der Anteilnahme. Rund 900 Mal ist die Nachricht geteilt worden. Die Kommentare kommen aus der gesamten Bundesrepublik – etwa aus Rostock, Saalfeld oder Koblenz. Sie reichen von „Das ist der Islam...“ und „Gott möge diesen Kreaturen, die das gemacht haben, gnädig sein“ bis zu „Gute Besserung“ und „Keiner hier kennt die ganze Geschichte. Polizeiuntersuchung abwarten und sich dann ausdrücken.“.

„Die Presse berichtet ja nicht darüber, da verbreitet sich das eben über Facebook“, sagte eine Gröditzerin. Doch es sei gut, dass der Verein die Hasskommentare lösche. „Wenn das stimmt, was da passiert sein soll, ist das schon heftig“, findet die Mitarbeiterin einer Tankstelle. 100 Meter entfernt davon liegt die Unterkunft. Komisch sei es aber schon, dass gleich 20 Mann losgezogen sein sollen. Bestätigt ist das noch nicht. Aber vielleicht hatten die Asylbewerber auch Angst, dass da noch 20 Mann in den Büschen lauern.

„In der Unterkunft leben derzeit 185 Flüchtlinge“, erklärt Bürgermeister Reinicke. Die Hälfte seien Familien, die andere Hälfte alleinstehende Männer. Er sagt, mit einer kleinen Gruppe gebe es Probleme: es seien Nordafrikaner. Auf diese bezieht sich wohl auch die Kritik der Bäckerin und der Tankstellen-Mitarbeiterin. Beide sagen, dass ein Teil der Flüchtlinge klaut. „Auch wenn die meisten nett sind“, so die Verkäuferin im Bäcker an der Hauptstraße. Ein Teil der Flüchtlinge verhält sich offenbar nicht korrekt. Auch das gehört zur Wahrheitsfindung.

Dennoch wird in Gröditz das Geschehen offenbar differenziert betrachtet. Niemand sagt auf der Straße: „Die gehören hier nicht her.“ Eine Aussage, die an anderen Orten ständig fällt. In Städten, die dafür inzwischen auch ihren Ruf weg haben – vor allem in Sachsen. Der Polizeisprecher sagt, dass die Ermittlungen in alle Richtungen gehen. Die beiden Verletzten haben Anzeige erstattet. Die Beamten sind auf die Suche nach der Wahrheit. Die wird wohl – wie so oft – eher dazwischen liegen.

Von Matthias Pöls

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