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Wie die Polizei den Terrorverdächtigen al-Bakr mehrere Male entwischen ließ

700 Beamte im Einsatz Wie die Polizei den Terrorverdächtigen al-Bakr mehrere Male entwischen ließ

42 Stunden dauerte die Jagd auf Dschaber al-Bakr, bis er in Leipzig festgenommen wurde. Doch noch immer ist unklar, wie der 22-Jährige von Chemnitz nach Eilenburg und schließlich nach Leipzig gelangte. LVZ.de zeigt die Chronologie des Wochenendes.

Ende einer 42 Stunden währenden Flucht: In der Nacht zu Montag wird Dschaber al-Bakr in der Hartriegelstraße in Paunsdof festgenommen.
 

Quelle: Holger Baumgärtner

Leipzig/Chemnitz/Eilenburg.  Es ist 0.42 Uhr in der Nacht zu Montag, als die Jagd nach Dschaber al-Bakr zu Ende ist. Der 22-Jährige liegt zu diesem Zeitpunkt bereits gefesselt auf einem Sofa in der Paunsdorfer Hartriegelstraße. Die angerückten Polizisten müssen den Gesuchten nur noch mitnehmen. Mit der Verhaftung endet eine fast 42 Stunden dauernde Verfolgungsjagd, die Deutschland in Atem gehalten hat. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) nennt die Polizeiaktion am Montag auf einer Pressekonferenz einen „großartigen Erfolg“. Doch war es das wirklich?

„Das war bestimmt kein Ruhmesblatt“, äußerte sich hingegen der Vizevorsitzende des Bundestagsgremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, André Hahn (Linke) zu dem Fall. Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei sagte am Dienstag gegenüber LVZ.de, dass zumindest der Informationsaustausch zwischen den Behörden sehr gut funktioniert hätte.

Zweimal ist al-Bakr seinen Verfolgern während seiner Flucht offenbar entkommen – jeweils nur ganz knapp. Doch was passierte in diesen 42 Stunden? LVZ.de zeichnet den Weg des Syrers nach und zeigt, welche Fragen noch unklar sind.

Gescheiterte Polizeiaktion in Chemnitz

Es wird gerade hell im Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet, als Dschaber al-Bakr der Polizei am Samstag um kurz nach 7 Uhr morgens vermutlich das erste Mal entkommt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Behörden bereits mit Spezialeinsatzkräften und Observationsteam vor Ort. Der Plan: al-Bakr festnehmen, wenn er die Wohnung in dem Plattenbau verlässt. Laut Jörg Michaelis, Präsident des Landeskriminalamtes, bereiten die Polizisten gerade den Einsatz vor, als eine männliche Person aus dem Haus kommt. Mehrere Beamte eines Observationsteams bemerken die Person und fordern sie auf, stehen zu bleiben. Doch die Person flüchtet – und stoppt auch nicht nach einem Warnschuss der Polizisten. Eine Verfolgung misslingt. Laut LKA-Chef Michaelis auch, weil die Einsatzkräfte „immer noch ihre schwere Schutzausrüstung mit einem Gewicht von 30 Kilogramm“ tragen. Ob die entkommende Person wirklich al-Bakr war, ist laut Michaelis aber immer noch unklar. Später sperren die Beamten das komplette Wohnviertel ab, können den 22-Jährigen aber nicht finden.

Polizisten nach dem Einsatz am Samstag in Chemnitz.

Quelle: dpa

Kurz darauf wird die observierte Wohnung in der Straße Usti Nad Labem gestürmt, dort finden die Beamten eine Bombenwerkstatt: 1,5 Kilo des hoch gefährlichen Sprengstoffs Triacetontriperoxid (TATP) – der auch schon bei den Anschlägen in Paris und Belgien verwendet wurde – und Chemikalien.

Laut Oliver Malchow könne es bei einem solchen Polizeieinsatz immer auch Lücken geben könne. „In der Regel gibt es dort keine lückenlose Sicherheitskette, um zu überwachen“, so Malchow. Eine Planung zu so einem kurzfristigen Einsatz sei immer schwierig.

Flucht aus Chemnitz

Nach dem Polizeieinsatz verliert sich al-Bakrs Spur zunächst. Fest steht: Bei der Durchsuchung des Viertels wird der Terrorverdächtige nicht gefunden. Um 10.41 Uhr setzt die Polizei Sachsen den ersten Tweet zum Einsatz ab, im ganzen Fritz-Heckert-Gebiet suchen da schon bewaffnete Polizisten nach dem 22-Jährigen. Rund vier Stunden später wird die Öffentlichkeitsfahndung inklusive Foto gestartet – doch zunächst nur in deutscher und englischer Sprache.

Wie al-Bakr Chemnitz schließlich verlassen kann, hat die Polizei öffentlich bisher nicht bekannt gegeben und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Erste Möglichkeit: al-Bakr verlässt die Stadt mit dem Zug. Eine Stunde brauchen die Regionalbahnen bis Leipzig, mit Umstieg in Zwickau sind es 2,5 Stunden bis in die Messestadt. Kaum vorstellbar, dass die Polizei nicht sofort den Bahnhof in Chemnitz und die abfahrenden Züge kontrollierte. Zumal für Bahnhöfe und Flughäfen am Wochenende bereits eine erhöhte Terrorwarnstufe galt. Zudem wird der Chemnitzer Bahnhof am Nachmittag für mehrere Stunden gesperrt, mit einem Roboter untersucht die Polizei verdächtiges Gepäck.

Am Samtag wurde zwischenzeitlich auch der Bahnhof in Chemnitz gesperrt.

Quelle: dpa

Zweite Möglichkeit: Al-Bakr verlässt die Stadt per Auto. Ob er selber eins besessen hat oder nutzen konnte, ist bisher nicht bekannt. Ebenso wenig, ob ihn eine weitere Person gefahren haben könnte. Per Wagen hätte er den Beamten allerdings am leichtesten entwischen können und die Stadt verlassen können.

Dritte Möglichkeit: Per Fernbus. Mehrere Male täglich verlässt ein Fernbus Chemnitz in Richtung Leipzig. Doch auch dafür gilt: Kaum vorstellbar, dass die Polizei die Fernbus-Passagiere nicht kontrollierte.

Oliver Malchow von der GdP verteidigte gegenüber LVZ.de das Vorgehen der Polizei. „Zeit ist in solchen Fällen ein wichtiger Faktor. Man kann nicht sofort überall sein.“ Er sagt aber auch: Die zeitnahe Überwachung öffentlicher Verkehrsmittel ist in solchen Fällen Standard.

Am Bahnhof nimmt die Polizei später zwei mutmaßliche Kontaktpersonen al-Bakrs fest. Später stellt sich heraus: Sie kennen ihn nicht. Die Polizei lässt sie wieder frei.

Eine andere Person, der Syrer Khalil A., wird ebenfalls am Samstag wegen der Unterstützung al-Bakrs festgenommen – in seiner Chemnitzer Wohnung bastelte der Terrorverdächtige an dem Sprengstoffgürtel. Khalil A. kann dem 22-Jährigen zumindest also nicht mehr helfen. Al-Bakr taucht erst am Abend wieder auf: über 70 Kilometer Luftlinie von Chemnitz entfernt.

Nächtlicher Besuch in Eilenburg

Um 22.20 Uhr klingelt al-Bakr an einem Mehrfamilienhaus in der Eilenburger Bergstraße 72. Dass er Zuflucht in der sächsischen Kleinstadt sucht, ist kein Zufall. Dort lebte er im Jahr 2015 für einige Monate als anerkannter Flüchtling mit Aufenthaltsstaus, zuletzt in einer der Wohnungen in der Bergstraße.

In diesem Haus in Eilenburg wohnte al-Bakr 2015 für kurze Zeit. Am Samstag kehrte er dorthin zurück. Die Polizei kam anscheinend erst kurz nach ihm zu dem Objekt.

Quelle: Ilka Fischer

Kurz zuvor hatten sich am Samstag Polizisten per Telefon bei einem der Hausbewohner gemeldet und empfohlen, nicht aufzumachen, wenn es klingelt. Überwacht wird das Haus aber offensichtlich nicht. Al-Bakr klingelt bei einer der Mieterinnen, die redet mit ihm nur über die Gegensprechanlage, macht die Tür aber nicht auf. „Sie müssen“, so erinnert sie sich, „mindestens zu zweit gewesen sein, denn wir haben es wispern gehört.“

Hatte al-Bakr zu dem Zeitpunkt also einen Helfer bei sich? Jemand, der ihn vielleicht mit dem Auto nach Eilenburg gefahren hat? So hätte er den Polizisten in Chemnitz entkommen können. Doch warum hat ihn die unbekannte Person dann nicht auch versteckt? Viele Anlaufpunkte hatte der Gesuchte anscheinend nicht, sonst hätte er kaum seine alte Wohnung aufgesucht, in der er schon seit über einem Jahr nicht mehr lebte. Dorthin zurück kann er aber nicht – mittlerweile waren die Schlösser ausgewechselt. Von dort verschwand er kurz darauf wieder.

Als wenig später die Polizei in der Eilenburger Bergstraße auftaucht, ist al-Bakr bereits wieder abgetaucht und vermutlich auf dem Weg nach Leipzig.

Festnahme in Leipzig

In der Nacht zu Sonntag taucht al-Bakr dann am Leipziger Hauptbahnhof wieder auf. Laut Bild-Zeitung meldet er sich zuvor in einem Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge und sucht nach einem Schlafplatz. Am Bahnhof trifft er sich mit Landsmännern. Warum der 22-Jährige nicht von Polizisten am Bahnhof erkannt wird, ist unklar.

Al-Bakr kommt vorerst bei den Syrern aus Leipzig unter, schläft die Nacht zu Sonntag bei einem der Männer aus der Messestadt, kommt später in der Hartriegelstraße unter. Erst am Sonntag um 21 Uhr veröffentlichen die Behörden schließlich einen Fahndungsaufruf in arabischer Sprache. Den lesen später auch die Syrer aus Leipzig-Paunsdorf. Sie fesseln al-Bakr und übergeben ihn später der Polizei.

Am Montag sagen Innenminister Ulbig und LKA-Präsident Michaelis auf der Pressekonferenz, dass insgesamt 700 Beamte an der Verfolgung des Terrorverdächtigen beteiligt waren. Trotzdem verpassen sie vermutlich zwei gute Gelegenheiten, den 22-Jährigen festzunehmen.

Von Lucas Grothe

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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