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Bundesagentur rechnet 2017 mit mehr Arbeitslosen

Interview Bundesagentur rechnet 2017 mit mehr Arbeitslosen

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland dürfte in diesem Jahr sinken, im nächsten Jahr dann aber steigen. Das erklärt Raimund Becker vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit bei einem Besuch in Leipzig. Grund für Entwicklung ist vor allem die Flüchtlingskrise. Denn die werde 2017 zeitversetzt auf die Statistik durchschlagen.

Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, beim Besuch der Leipziger Volkszeitung.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Raimund Becker, der als Vorstand der Bundesagentur für Arbeit das operative Geschäft verantwortet, hält es für richtig, jetzt in Flüchtlinge zu investieren. Sie seien die Fachkräfte nicht von morgen, aber von übermorgen, sagte er bei einem Besuch in unserer Redaktion.

Der Arbeitsmarkt entwickelt seit längerem ganz ordentlich. Was erwarten Sie für das Gesamtjahr?

Wir rechnen insgesamt mit einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit, im Jahresdurchschnitt um 20 000. Und das trotz der eine Million Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind. Aber der Abgang von Menschen aus der Arbeit in die Rente ist größer als der Zuwachs durch Flüchtlinge in die Arbeitslosigkeit. Zudem läuft die Konjunktur gut.

Wie sieht es Ostdeutschland aus?

Auch hier haben wir ein positive Entwicklung am Arbeitsmarkt. Neben den demografischen Faktoren liegt das auch an der wachsenden Wirtschaft. Wir haben im Osten, etwa in Leipzig, Dresden und Jena, Regionen, wo die Arbeitslosigkeit auch deshalb sinkt, weil sich die Wirtschaft überaus positiv entwickelt

Das heißt, Demografie und Konjunktur erledigen Ihren Job?

Leider nicht. Die Demografie hat andere Konsequenzen. Die Frage wird sein, wie wir die Menschen, die nicht so leicht zu vermitteln sein, in die Arbeitswelt einbauen können. Die Aufgabe wird für uns schwieriger. Viele Menschen entsprechen nicht den Anforderungen der Arbeitgeber. Wir haben sehr viele freie Stellen, auch in Sachsen, aber zu wenig Menschen, die den geforderten Qualifikationen entsprechen.

Das heißt?

Unsere Aufgabe ist, diese Menschen zu ermutigen, sich mit unserer Hilfe zu qualifizieren. Es nicht immer leicht, Menschen, die etwa seit zehn Jahren in Hilfsarbeiterjobs tätig sind, zur Weiterbildung zu begeistern. Das ist eine große Anstrengung. All das bedeutet: Wir habe weniger Menschen, die wir schnell vermitteln können und dafür viele Menschen, in die wir investieren müssen, um sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen.

Hält der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt im nächsten Jahr an?

Ich erwarte eine etwas höhere Arbeitslosigkeit als in diesem Jahr.

Warum?

Weil dann die Flüchtlinge statistisch in Erscheinung treten. Das wird die Arbeitslosigkeit monatlich in Schritten zwischen 10 000 und 15 000 erhöhen. Das ist aber nicht schlimm, denn es heißt, dass das Asylverfahren beendet ist. Wir können also mit den Menschen arbeiten. Das ist eine große Herausforderung. 80 Prozent von ihnen sind nicht so qualifiziert wie wir es brauchen. Sie müssen kulturell und sprachlich ankommen, unser Bildungssystem und unsere Arbeitswelt verstehen.

Das dauert?

Ganz klar. Das wird fünf, sechs Jahre dauern. Der Sprachkurs dauert bis zu anderthalb Jahre, dann kommt eine neunmonatige Einstiegsqualifizierung, anschließend eine dreijährige Ausbildung. Ich halte die Investition für richtig. Nur wenn wir es jetzt machen, haben die Flüchtlinge in einigen Jahren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. 70 Prozent der Asylbewerber sind jünger als 35. Es macht also Sinn, in sie zu investieren, denn viele werden bleiben. Das sind dann die Fachkräfte nicht von morgen, aber von übermorgen. Es ist vernünftiger, jetzt zu investieren, denn andernfalls wären die gesellschaftlichen Folgekosten um ein Vielfaches höher.

Wie ist momentan der arbeitsmarktpolitische Stand der Flüchtlinge?

Wir haben insgesamt 370 000 Menschen in Betreuung. Davon sind 141 000 arbeitslos gemeldet, 135 000 in Sprach- und Integrationskursen.

Wo sehen Sie erste Jobchancen für Flüchtlinge?

Das können Hilfsarbeiterjobs sein. Die Integration mündet am ehesten in formal nicht hoch qualifizierte Jobs ein. In den vergangenen fünf Jahren sind in den Sektoren Hotel und Gaststätten, Lager und Logistik, Reinigung sowie Zeitarbeit bundesweit eine Million Jobs entstanden. Der überwiegende Teil der Menschen, die dort um Zuge kamen, waren Migranten. Allein im vorigen Jahr sind 30 000 Flüchtlinge genau in diesen Branchen gelandet.

Ab wann kümmern Sie sich um die Flüchtlinge?

Wir starten unsere Betreuung in den Landeserstaufnahme-Einrichtungen. Wir sind das Land, das am frühesten präventiv beginnt. Die Österreicher legen erst los, wenn der Flüchtling anerkannt wurde.

Bleiben dafür Ihre anderen Kunden, etwa Langzeitarbeitslose, auf der Strecke?

Überhaupt nicht. Gemessen an unserem Personal entfällt auf die Zusatzarbeit mit den Flüchtlingen ein Anteil von unter fünf Prozent. Nicht zu vergessen ist, dass wir deshalb unsere Mitarbeiterzahl aufgestockt haben. Seit zwei Monaten liegt die Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland unter einer Million. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist also stärker gesunken als die Gesamtarbeitslosigkeit. Ähnlich sieht es bei den Schwerbehinderten aus. Das sind Belege dafür, dass wir intensiv für die Menschen arbeiten, die unserer Hilfe bedürfen. Ich denke, wir haben das gut ausbalanciert zwischen unserem Kerngeschäft und dem Flüchtlingsmanagement.

Lösen dann nach und nach die ausgebildeten Flüchtlinge unser Fachkräfteproblem?

Deutschlandweit haben wir keinen Fachkräftemangel, aber in manchen Regionen und Berufen schon Fachkräfteengpässe, etwa in der Altenpflege. Die Flüchtlinge werden das Fachkräfteproblem allein nicht lösen.

Was unternehmen Sie zur Lösung des Problems?

Wir haben eine ganze Palette an Unterstützungsmöglichkeiten. Am Wichtigsten ist, in den Schulen bei den jungen Menschen ein Bewusstsein zu erzeugen über ihre Fähigkeiten und Talente einerseits sowie über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Da wird der Samen gelegt, der später aufgehen soll.

Von Ulrich Milde und Frank Johannsen

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