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„Die Einkaufszentren der Region sollten sich Sorgen machen“

Factory-Outlet-Center „Die Einkaufszentren der Region sollten sich Sorgen machen“

Das neue Factory-Outlet-Center (FOC) an der A9 in Brehna soll im kommenden Frühjahr eröffnet werden. Damit erhöht sich der  Druck auf  bestehende Handelseinrichtungen der Region, sagt Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement an der Uni Leipzig. Einzig die Leipziger Innenstadt muss die Konkurrenz nicht fürchten. Wir sprachen mit dem Handelsexperten.

Ein Factory-Outlet-Center (FOC) in Ochtrup. An der A9 in Brehna soll im kommenden Frühjahr eines eröffnet werden. (Archivbild)

Quelle: dpa

Leipzig. LVZ : In Brehna an der A9 eröffnet im Frühjahr kommenden Jahres ein Factory Outlet Center, kurz FOC. Müssen sich jetzt die Händler in Leipzig oder in anderen Innenstädten der Region warm anziehen?

Gerd Hessert: Das Outlet mit zahlreichen Designer-Marken aus den Bereichen Bekleidung, Lifestyle oder Sport wird Kunden aus einem Umkreis  von über 100 Kilometern anziehen. Beispiele aus Westdeutschland zeigen, dass Einzelhändler durch die Nähe zu solchen Outlets unter der starken Konkurrenz leiden. Es reizt eben viele, auf Schnäppchen-Jagd zu gehen. Ich rechne aber nicht mit einer Konkurrenz für Händler der Leipziger Innenstadt, auch wenn sich das Angebot zum Teil überschneidet und sich durchaus viele ins Auto setzen werden, um sich preiswerter in Brehna einkleiden zu wollen. Die Leipziger Innenstadt hat heute eine solche Anziehungskraft, dass sie auch mit einem FOC in der Nähe gut leben kann.

Aber generell geben Sie keine Entwarnung?

Insbesondere die kleinen und mittleren Städte der Region, die über weniger attraktive Geschäftsstraßen in der City verfügen, müssen damit rechnen, dass Kaufkraft abfließt. Aber noch mehr Sorgen sollten sich die Einkaufszentren in der Nähe des FOC machen. Ich denke da beispielsweise an Nova Eventis in Günthersdorf. Von dort hört man immer wieder von Umsatzproblemen.

Wo liegen die Gründe dafür?

Das Angebot in Günthersdorf – aber auch das einiger anderer Shoppingcenter der Region – unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in der Leipziger Innenstadt. Sollte es aber, denn die Innenstadt Leipzigs hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, die City zieht immer mehr Kunden aus der Region an. Auch weil neue Shoppingbereiche mitten in der Stadt entstanden sind. Die letzten Baulücken werden gerade geschlossen. Das Angebot ist vielfältig und differenziert. Das trifft übrigens ebenso auf Dresden oder Erfurt zu. Damit bekommen die schlecht aufgestellten Shoppingcenter im Umfeld attraktiver Städte zunehmend Probleme. Der Verkauf von Lebensmitteln als Anziehungspunkt wird in Zukunft dort nicht mehr reichen, um für Kunden attraktiv zu bleiben.

„Die Einkaufszentren der Region sollten sich Sorgen machen“ sagt Wirtschaftswissenschaftler Gerd Hessert über das neue Designer-Outlet in Brehna.

Quelle: Swen Reichhold/ Uni Leipzig

Warum entwickeln sich andere Städte der Region nicht ähnlich?

Das liegt schlicht an der Dominanz der Shoppingcenter auf der grünen Wiese oder in Stadtteilen. Die Nachwendezeit hat da Fakten geschaffen, die noch lange Zeit nachwirken werden. Unmittelbar nach der Wende konnte auf der grünen Wiese schnell und unkompliziert gebaut werden, während sich in den Städten wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse meist nichts bewegte. In Leipzig und Dresden war es anfangs nicht anders. Im Osten ohne Berlin sind nach der Wende 130 Shoppingcenter mit drei Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche entstanden. Davon allein in Sachsen 43 mit mehr als einer Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. Zum Vergleich: In der DDR betrug die Gesamt-Handelsfläche fünf Millionen Quadratmeter.

Aber nicht alle neuen Shoppingcentern sind auf der grünen Wiese entstanden?

Bis zum Jahr 2000 schon, so wurden in den 29 Mittel- und Großstädten in Ostdeutschland über 50000 Einwohner weniger als ein Viertel in der Innenstadt gebaut. Ab dem Jahr 2000 dreht es sich. Von den 21 neuen Centern sind immerhin 18 in der Innenstadt, die restlichen drei in Stadtteilen entstanden. Aber in vielen Städten wie Hoyerswerda, Görlitz, Chemnitz, Plauen, Zwickau oder auch Dessau in Sachsen-Anhalt ist die Dominanz der Einkaufszentren auf der grünen Wiese schlicht zu groß, als dass sich die Innenstädte mit attraktiven, vielfältigen A-Lagen entwickeln können. Zudem haben wir pro Einwohner in manchen Regionen zu viel Verkaufsfläche mit teilweise 2,7 bis 3,2 Quadratmetern, für Neues ist da kein Bedarf. Hinzu kommt ein erheblicher Bevölkerungsrückgang. Chemnitz hat seit der Wende etwa 60000 Einwohner verloren, Görlitz 20000, Hoyerswerda 34000. Das ist gravierend. Dem Einzelhandel fehlt diese Kaufkraft, es kommt zum Verdrängungswettbewerb zwischen den bestehenden Handelseinrichtungen. Hingegen verzeichnen Dresden und Leipzig deutliche Zuwächse – auch dank attraktiver Innenstädte.

Veränderung ist also nicht in Sicht?

Grundsätzlich beobachten wir deutschlandweit, dass die Innenstädte an Attraktivität gewinnen. An vielen Städten im Osten geht diese Entwicklung aber vorbei, weil sie im Umfeld mehr als genug Einkaufsmöglichkeiten haben, die A-Lage dagegen unbedeutend ist und quantitativer Entwicklungsspielraum für deren Weiterentwicklung fehlt. Allerdings müssen viele der Zentren auf der grünen Wiese um ihre Attraktivität fürchten, denn nur einige wenige haben in den letzten Jahren reinvestiert. Speziell im Umfeld von Leipzig und Halle könnte die Luft für einige Zentren jetzt dünn werden. Vielleicht finden sich dafür Nachnutzer wie Amazon oder Zalando.

Wie das?

Gut möglich, dass sie in der Region weitere Verteilzentren suchen. E-Commerce macht gegenüber dem stationären Handel immer mehr an Boden gut. Schon heute wird ein Fünftel der in Deutschland gehandelten Textilien oder Schuhe im Internet gekauft.

Aber Handelsverbände sprechen gerade einmal von fast neun Prozent?

Der Einzelhandelsumsatz in Deutschland belief sich im Vorjahr auf 456 Milliarden Euro. Für 39 Milliarden Euro wurden Waren im Internet gekauft. Das macht in der Tat nur knapp neun Prozent. Allerdings unterschlägt man gern den Verkauf von Lebensmitteln im Wert von 208 Milliarden Euro. Die umsatzstärkste Warengruppe im Einzelhandel wird noch in geringem Maße online gehandelt. Zieht man diese Zahl vom Einzelhandelsumsatz ab, wird deutlich, wie stark der Internethandel heute schon ist.

Wo geht die Reise hin?

Es gab zu jeder Zeit Veränderungen im Handel. Angst sollte niemand vor neuen Entwicklungen haben. Allerdings muss man dem Zeitgeist der Kunden entsprechen, um langfristig erfolgreich zu sein. Die Kommunen sind aber gut beraten, nicht die Gesamtsicht zu verlieren. Nehmen wir das Beispiel Neumünster in Schleswig-Holstein. Dort befürwortete die Verwaltung den Bau eines Factory-Outlet-Centers in Stadtnähe und zugleich den Bau eines Shoppingcenters in der Innenstadt. Starke Konkurrenz für das innerstädtische Warenhaus Karstadt. Es wird 2016 schließen. Ich sage das, weil noch nicht abzusehen ist, wie viele Designer-Outlets noch kommen werden. Im europaweiten Vergleich haben andere Länder wie England, Italien, Portugal oder Spanien eine viel höhere Dichte an derartigen Einkaufstempeln.

Interview: Andreas Dunte

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