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Fraunhofer Gesellschaft investiert 13 Millionen in Halle

Neues Leistungszentrum Fraunhofer Gesellschaft investiert 13 Millionen in Halle

Die Fraunhofer Gesellschaft baut ihre Aktivitäten in Mitteldeutschland deutlich aus. So ist in Halle für 13 Millionen Euro ein neues Leistungszentrum Chemie und Biosystemtechnik geplant, das eng mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig zusammenarbeiten soll.

Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft. (Archivfoto)

Quelle: Fraunhofer Gesellschaft

Leipzig. Die Fraunhofer Gesellschaft baut ihre Aktivitäten in Mitteldeutschland deutlich aus. So ist in Halle für 13 Millionen Euro ein neues Leistungszentrum Chemie und Biosystemtechnik geplant, das eng mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig zusammenarbeiten soll. Aufgebaut wird die neue Einrichtung unter Führung des Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS), das heute im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Halle eingeweiht wird. Auch in den Ausbau dieses Instituts will Fraunhofer investieren, und zwar neun Millionen Euro. Wir sprachen mit Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer Gesellschaft.

Frage: Das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM gibt es künftig nur noch am Standort Freiburg im Breisgau. Der hallesche Institutsteil ist seit diesem Jahr ein eigenständiges Institut, das sich mit der Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen beschäftigt. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem Schritt?

Reimund Neugebauer: Dieser Schritt ist die Konsequenz einer sehr erfolgreichen, mit hohem Wachstum verbundenen Entwicklung an beiden Standorten. Beide Institute sind jetzt operativ flexibler und können eigenständig auf dem Markt agieren. Im Ergebnis haben wir jetzt zwei Institute mit spezifischen Profilen, einem eigenen Kundenstamm und wohldefinierten Kernkompetenzen als Ansprechpartner für unsere Auftraggeber. Die Konzentration auf die Stärken, die jeweiligen Forschungsbereiche und Marktsegmente bringen inhaltliche Besonderheiten der Standorte klarer als zuvor zum Ausdruck.

Stehen dem Institut in Halle damit mehr Forschungsmittel zu Verfügung?

Reimund Neugebauer: Ein Ausbau des Standorts Heideallee des Fraunhofer IMWS in Halle, verbunden mit Investitionen in Höhe von neun Millionen Euro, ist bereits geplant. Auch andere Standorte, wie zum Beispiel Schkopau – das Fraunhofer-Pilotanlagenzentrum für Polymersynthese und Polymerverarbeitung PAZ – sollen erweitert werden. In Leuna ist eine Elektrolyseplattform geplant; sie soll vom IMWS zusammen mit dem Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP betrieben werden, um die Kompetenz in der Mikrostrukturdiagnostik bei Wasserstofftechnologien zu stärken.

Hatte das in Halle entwickelte kombinierte Mikro- und Nanoprägeverfahren Einfluss auf die Entscheidung, Halle zum eigenständigen Institut zu machen?

Reimund Neugebauer: Das Verfahren ist bereits zum Patent angemeldet und eröffnet zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten. Es ist aber nur eine von vielen aussichtsreichen Innovationen, die in Halle entwickelt wurden. Ausschlaggebend war die Gesamtentwicklung, nicht ein einzelnes Projekt.

Welchen Vorteil bietet das Verfahren?

Reimund Neugebauer: Bei dieser neuen Technologie lässt sich die Oberfläche von Kunststoffen bis in den Mikro- und Nanometerbereich hinein exakt strukturieren. Dazu werden Prägestempel in einer Heißprägeanlage genutzt, die den Polymeren die gewünschte Oberflächenstruktur geben. Durch die veränderte Oberfläche bekommen die Kunststoffe neue Eigenschaften, beispielsweise können Farben besser auf Folien aufgetragen oder die Lichtreflexion kann individuell angepasst werden.

Gibt es schon Unternehmen, die das nutzen?

Reimund Neugebauer: Das Verfahren ist für die Wirtschaft sehr interessant. Die Benetzbarkeit von Folien aus Polyethylen will beispielsweise die Firma Polifilm Extrusion GmbH verändern, damit Kleber und Druckfarben besser haften. Die Langzeitsicherung von Daten für 500 Jahre und mehr auf Silberhalogenid-Archivfilmen hat die FilmoTec GmbH aus Bitterfeld-Wolfen im Blick. Dies kann gelingen, wenn die Haftung zwischen Unterlage und fotografischer Emulsionsschicht weiter verbessert wird. Auch drei weitere Firmen aus dem mitteldeutschen Chemiedreieck entwickeln die Technik mit dem IMWS gemeinsam weiter.

Im Fraunhofer-Pilotanlagenzentrum PAZ in Schkopau vor den Toren Halles forscht man unter anderem an leichteren Autokarossen und wiederaufbereiteten LKW-Reifen. Das PAZ ist Teil des IWM, damit werden die Wege zum Mutterinstitut – jetzt in Freiburg – erheblich länger. Sehen Sie darin nicht Nachteile?

Reimund Neugebauer: Das Fraunhofer PAZ wird vom Fraunhofer IAP in Potsdam-Golm und dem bisherigen Institutsteil Halle des Fraunhofer IWM – jetzt IMWS – betrieben. Das IMWS wird die sehr erfolgreichen Arbeiten dort wie bisher fortsetzen, auch der Vorteil der räumlichen Nähe bleibt also erhalten.

Bei BMW in Leipzig und künftig auch bei VW in Dresden setzt man Elektroantriebe in Fahrzeugen ein. Welche Projekte verfolgt Fraunhofer auf diesem Gebiet?

Reimund Neugebauer: Im Rahmen der Fraunhofer-Systemforschung Elektromobilität II führen wir die im Jahr 2009 innerhalb des Konjunkturpakets der Bundesregierung begonnenen Forschungsaktivitäten fort und bauen die Arbeiten auf dem Gebiet der Elektromobilität weiter aus. Mehrere unserer Institute sind an der Entwicklung von Komponenten für Elektrofahrzeuge beteiligt. Unter anderem geht es um den Aufbau eines Batteriesystems, den effizienten Leichtbau von Karosseriestrukturen, das induktive Laden von Elektrofahrzeugen und das automatisierte Fahren.

Als Schwachpunkt der Elektromobilität gilt noch immer die Reichweite der Fahrzeuge. Was macht Fraunhofer, damit es hier zu Fortschritten kommt?

Reimund Neugebauer: Leistungsfähige Batterien sind der Schlüssel für mobile und stationär elektrisch betriebene Anwendungen. Speziell im höheren Energie- und Leistungsbereich bestehen hohe Anforderungen an Lebensdauer und Betriebssicherheit. Da liegen noch einige technische Herausforderungen, die wir auch bei Fraunhofer angehen, zum Beispiel in der Fraunhofer-Allianz Batterien, an der auch das IMWS in Halle beteiligt ist. 20 Fraunhofer-Institute bündeln hier ihre Kompetenzen, um das Thema in seiner gesamten Breite zu bearbeiten: von Materialentwicklung über Zellproduktion, Systementwicklung und Simulation bis hin zu Charakterisierung und Test des Gesamtsystems. Um zum Beispiel Lithiumionen-Batterien fahrzeugtauglich zu machen, ist die Optimierung entlang einer ganzen Kette von Einzelschritten notwendig. Diese Schritte decken unsere Institute fast vollständig ab.

Zur Einweihung des neuen Instituts in Halle soll über Bilanz und Zukunft der Forschung in Ost und West gesprochen werden – wo sehen Sie den Osten in zehn Jahren?

Reimund Neugebauer: Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass die westlichen und die östlichen Bundesländer sich in zehn Jahren weiter angeglichen haben werden. Fraunhofer-Institute führen zur wirtschaftlichen Entwicklung auf lokaler und regionaler Ebene, denn sie fördern Ansiedlung und Ausbau von Unternehmen. Fraunhofer trägt mit seinen Forschungsarbeiten dazu bei, wichtige Grundlagen für den Wirtschaftsstandort und die Herausforderungen der Zukunft zu schaffen. Wir wollen die regionalen Kompetenzen weiter ausbauen und die darin liegenden Potentiale nutzen. Dafür stellen wir heute die Weichen. Das neue Fraunhofer-Institut in Halle ist bereits das zweite in Sachsen-Anhalt. Nun sind es in Deutschland übrigens seit dem 1. Januar im 67. Jahr des Bestehens der Fraunhofer-Gesellschaft insgesamt 67 Institute und Einrichtungen.

Arbeiten die Fraunhofer-Institute länderübergreifend mit Sachsen zusammen?

Reimund Neugebauer: Wichtig ist selbstverständlich – neben der Stärkung der Institute auf Länderebene – auch die länderübergreifende Kooperation. Das IMWS in Halle ist dafür ein gutes Beispiel. So gibt es zahlreiche Verbindungen nach Sachsen, ins mitteldeutsche Chemiedreieck, aber auch nach Thüringen oder Brandenburg. Die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IZI in Leipzig wird für das IMWS auch beim Aufbau des regionalen Leistungszentrums eine noch wichtigere Rolle spielen.

Was genau hat Fraunhofer hier vor?

Reimund Neugebauer: Das ist eine neue Aktivität in der Region, die wir hier starten: Das Leistungszentrum Chemie und Biosystemtechnik. Insgesamt 13 Millionen Euro werden vom Land Sachsen-Anhalt, von Fraunhofer und von den beteiligten Industriepartnern investiert. Ziel ist es, verfahrenstechnische Prozessketten vom Rohstoff bis zum Produkt zu optimieren. Mit der Kooperation tragen wir dazu bei, dass Wissenschaft, Wirtschaft und Politik systematisch, länderübergreifend und über verschiedene Branchen der chemischen, biotechnologischen und biomedizinischen Forschung hinweg zusammenarbeiten, um zukunftsweisende Lösungen für die Chemieindustrie zu entwickeln.

Fraunhofer steht für angewandte Forschung. Wie sind Sie mit der hiesigen Wirtschaft vernetzt?

Reimund Neugebauer: Wir sind in der Region generell sehr gut vernetzt. Der Industrieverein Sachsen 1828 e.V. beispielsweise wurde im Jahr 2000 gegründet. Er hat 127 Mitgliedsunternehmen, die durch 261 Firmenvorstände und Geschäftsführer vertreten sind. Das Netzwerk umfasst 50 000 Arbeitsplätze, der Jahresumsatz liegt bei 15 Milliarden Euro. Oder auch das Netzwerk Automobilzulieferer Sachsen AMZ. Hier sind Volkswagen Sachsen GmbH, das BMW Werk Leipzig und die Porsche Leipzig GmbH mit dabei.

Wie haben sich die ostdeutschen Fraunhofer-Standorte in den vergangenen Jahren entwickelt?

Reimund Neugebauer: Bereits 1990/91 waren acht Institute in die Fraunhofer-Gesellschaft integriert, in Berlin, Chemnitz, Dresden, Jena, Magdeburg und Potsdam. Heute sind es in den neuen Bundesländern 14 Institute mit 5000 Mitarbeitenden - wenn man Berlin nicht dazu rechnet. Eine meiner ersten Amtshandlungen als Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft zeigt die Entwicklung recht schön: Am 2. Oktober 2012 eröffnete ich das Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP in Leuna in Anwesenheit der Bundeskanzlerin. Damals startete das europaweit einzigartige Bioraffinerie-Forschungszentrum mit dem Auftrag: Entwicklung von Verfahren zur Gewinnung chemischer Grundstoffe für die Industrie durch Biomasse.

Politiker aus dem Ausland geben sich bei Ihnen die Klinke in die Hand. Sie wollen wissen, wie Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland zusammenarbeiten.

Reimund Neugebauer: Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft funktioniert in Deutschland hervorragend. Das ist einer der Gründe für den Erfolg der deutschen und europäischen Wirtschaft im globalen Wettbewerb. An dieser guten Zusammenarbeit sind partiell praktisch alle hiesigen Wissenschaftsorganisationen beteiligt, aber Fraunhofer hat hierbei ein Alleinstellungsmerkmal: die angewandte Forschung, speziell die exzellente Forschung im Industrieauftrag. Die Kooperation hilft beiden Seiten, das ist unser Erfolgsrezept.

Kann Deutschland in der Forschung mit Ländern wie den USA oder Japan mithalten? Wo liegen die Risiken?

Reimund Neugebauer: Wir betreiben in Deutschland Forschung auf erstklassigem Niveau. Unsere Stärken sind Hardware, intelligente Maschinen, Mikroelektronik, Embedded Systems und der Automobilbau. Von den Grundlagen bis zur Anwendung können wir ein sehr breites Spektrum abdecken. Und wir können in vielen Bereichen mit den weltbesten Forschern mithalten. Das spiegelt sich auch in der technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands wider: Wir haben große Kapazitäten in den hochwertigen Technologien – das liegt an unserer traditionell auf den Automobilbau, den Maschinen- und Anlagenbau und die Chemiebranche ausgerichteten Industrie. Die Industrie befeuert die Forschung und umgekehrt. Im Einzelfall können aber auch wir vom Wissen exzellenter Partner außerhalb Europas profitieren. Die USA und einige asiatische Länder führen seit längerem in den Spitzentechnologien wie etwa Elektronik und Computertechnik oder Medizintechnik. Ich bin der Meinung, dass wir hier aufholen können. Deshalb wenden wir als Forschungsorganisation zielgerichtete Kooperationsinstrumente an, mit denen wir den Gewinn von Know-how in diesen Regionen in den Fokus rücken.

Von Andreas Dunte

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