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Gießerei Keßler & Co. profiliert sich in der Nische

Erfolg mit Pumpen, Türgriffen und Treppenstufen Gießerei Keßler & Co. profiliert sich in der Nische

Billigimporte aus China machen der Stahlbranche das Leben schwer. Gießereien in Mitteldeutschland suchen deshalb ihr Glück in der Nische. Die Leipziger Firma Keßler & Co. hat ihre gefunden – und glänzt dabei mit ganz besonderen Türgriffen.

Mitarbeiter von Keßler & Co. stellen Gussformen aus Quarzsand her.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Der dramatische Preisverfall auf den Weltmärkten droht die deutsche Stahlindustrie zu erdrosseln. Vor allem die Billigprodukte aus China überschwemmen ganz Europa und drücken mächtig auf die Ertragsmargen der Betriebe. Deutsche Großkonzerne und kleinere Gießereien in Mitteldeutschland setzen auf neue Geschäftsfelder oder bauen auf ihre seit Jahren eingeschlagene Spezialisierung. Das hilft ihnen, sich im hart umkämpften Wettbewerb zu behaupten.

Wie schwierig die Lage derzeit ist, zeigt die Entwicklung des Stahlriesen Thyssen-Krupp. Er musste beispielsweise im ersten Halbjahr 2015/16 einen Gewinneinbruch von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verkraften. Und Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann beklagte zum Jahresende 2016, dass seit Herbst 2015 „der Tsunami an Dumping-Importen aus China“ in der Folge „zu ruinösen Preisniveaus von Flachstahl- und insbesondere Grobblechprodukten in Europa“ geführt habe.

Laut Branchendienst Steelbenchmaker kostet eine Tonne chinesischen heißgewalzten Bandstahls 351 Dollar, das europäische Äquivalent 480 Dollar. Diese Entwicklung hätte alle inländischen Hersteller massiv belastet, tiefrote Zahlen seien verbucht worden, sagte Fuhrmann kürzlich in einem Interview. Experten sind sich einig: Das Massenstahlgeschäft hat in Europa keine Zukunft, es findet in China oder Russland statt.

Spezialisierung hilft gegen Massenware aus China

Deshalb kommt Gießereien in Mitteldeutschland zugute, dass sie seit Längerem auf Produktvielfalt setzen. „Wir haben uns spezialisiert“, sagt Jörg Siedler (55), Chef der Leipziger Firma Keßler & Co. GmbH. Das Unternehmen, das sein Vater Richard 1995 zusammen mit Finanzpartner Joachim Keßler mit der Übernahme der alten Lehr- und Forschungsgießerei des ehemaligen Gisag-Kombinats in Leipzig gründeten, hat seither seinen Schwerpunkt auf die Einzel- und Kleinserienfertigung von Guss- und Maschinenteilen gelegt.

„Wir produzieren Gussteile in über 350 Werkstoffen, darunter viele Sonderlegierungen“, erklärt Siedler. Der studierte Außenwirtschaftler, der später seinen Facharbeiter als Gießereimechaniker machte und danach sich noch zum Gießerei-Fachingenieur qualifizierte, ist froh über die Ausrichtung des Betriebs, die sein Vater wesentlich prägte.

„Unser Nischenkonzept ist aufgegangen. Das, was wir herstellen, sind zum Großteil Neuheiten, Einzelanfertigungen.“ Das könnten die Chinesen nicht abkupfern. Hauptabnehmer der Leipziger sind etwa Pumpen- und Armaturenbauer, die etwa 60 Prozent der Produktion abnehmen. Aber auch Maschinenbauer (20 Prozent) gehören nach Siedlers Angaben zu den Kunden. Kunst- und Autogussstücke machen zehn Prozent des Umsatzes aus, der Rest entfalle auf Exoten.

Wasserpumpen und Opern-Türgriffe aus einem Guss

Gusseiserne Bänke, Poller, Wasserpumpen in Leipzigs Parks gehören ebenso zum Sortiment. Von sich reden machten die Leipziger auch mit Gusssäulen auf dem Bahnhof in Mainz, Kunstguss-Treppenstufen für das Jagd-Schloss Granitz auf der Insel Rügen. „Sogar die goldfarbenen Türgriffe im Leipziger Opernhaus stammen aus unserer Fertigung“, sagt Siedler stolz.

Auch die Großkonzerne haben längst erkannt, mit Massenproduktion allein nicht überleben zu können. Der österreichische Stahlgigant Voestalpine ist inzwischen Weltmarktführer bei Schienen und neben Thyssen-Krupp und Arcelor-Mittal führend im Automotive-Bereich. „Wir erzeugen nicht mehr Stahl, sondern wir erzeugen mehr aus Stahl“, betont Vorstandschef Wolfgang Eder und fügt hinzu: „Wir sind kein Stahlunternehmen mehr.“ Der Stahl mache mittlerweile nur noch ein Drittel des Umsatzes aus.

Ähnlich die Entwicklung bei Salzgitter. Die Nummer 2 in Deutschland will ihr Umsatz- und Wertschöpfungsportfolio von derzeit 60 Prozent Stahl und 40 Prozent Nicht-Stahl auf 50:50 verändern. Wachstumsträger sind hier inzwischen die Bereiche Technologie und Handel. Das Lagern von Stahl und die Fertigung von Getränkeabfüllanlagen sind längst lukrativer geworden als das reine Stahlgeschäft, das bei Salzgitter nur noch ein Drittel des Umsatzes erwirtschaftet.

Die Fertigungsspezialisierung hat sich in den mitteldeutschen Gießereien bewährt. „Wir machen uns gegenseitig keine Konkurrenz“, so Siedler, der seit 2000 in der Firma zu Gange ist. „Jede Gießerei beispielsweise im Raum Leipzig hat ein anderes Sortiment. Da kommen wir uns nicht in die Quere.“

Hohe Energiekosten belasten

Dennoch spricht der Geschäftsführer von einem Problem, das dem Unternehmen mächtig zu schaffen macht: die im internationalen Vergleich exorbitant hohen Stromkosten. „Allein die Erhöhung der Netzentgelte bedeutet für uns, in diesem Jahr über 31 000 Euro mehr dafür aufwenden zu müssen als 2016. Das ist eine starke Belastung“, schimpft Siedler.

Zumal sich die Energie ja schon in den vergangenen Jahren verteuert hat und gerade in einer Gießerei enorm zu Buche schlägt. „2004 mussten wir insgesamt reichlich 132 000 Euro für den Strom berappen, im vorigen Jahr waren es mehr als 390 000 Euro“, rechnet der Ingenieur vor. So einfach sei das nicht zu verkraften. Zumal im vorigen Jahr aufgrund rückläufiger Nachfrage der Umsatz um 1,2 Millionen Euro auf 7,1 Millionen Euro schrumpfte.

Bei einer stabilen Mitarbeiteranzahl von 70, die im vorigen Jahr eine Lohnerhöhung von knapp vier Prozent erhielten, schlagen die Umsatzeinbußen naturgemäß auf den Ertrag durch. Ganze 12 000 Euro sind es geworden, deutlich weniger als 2015 (172 000) oder gar 2014, als die Keßler-Gießerei noch 246 000 Euro verdiente. „Dennoch: Seit 2006 schreiben wir schwarze Zahlen – ohne Unterbrechung“, betont Siedler.

Deshalb ist sein erklärtes Ziel, in diesem Jahr wieder zuzulegen. Das geht seiner Ansicht nach nur über steigenden Absatz und anziehende Effizienz. „Mit Preiserhöhungen ist da nichts zu machen, die sind nicht durchsetzbar“, ist er sich sicher. Ein Trend, den die Branche seit Jahren zu spüren bekommt.

Von Ulrich Langer

Gerhard-Ellrodt-Straße 24, 04249 Leipzig 51.3006389 12.3189835
Gerhard-Ellrodt-Straße 24, 04249 Leipzig
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