Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Große Preisunterschiede bei den „Dritten“

LVZ-Serie: Auf den Zahn gefühlt, Teil 8 Große Preisunterschiede bei den „Dritten“

Nur sieben Prozent der 65- bis 74-Jährigen kommen laut Deutscher Mundgesundheitsstudie noch ohne Zahnersatz aus. Allerdings brauchen immer weniger Senioren eine Vollprothese. Denn sie erhalten ihre Zähne länger.

Symbolbild

Quelle: dpa

Leipzig. Dorothea Fischer ist eine aktive und gepflegte Mittsiebzigerin. Dass sie Zahnersatz braucht, findet die Chemnitzerin zwar nicht ungewöhnlich für ihr Alter. Doch dass es ausgerechnet eine herausnehmbare Prothese sein musste, stört sie noch heute. Auch Eberhard Jehler aus Chemnitz hat eine solche Prothese. Obwohl beiden im Oberkiefer etwa gleich viele Zähne fehlen, musste Fischer über 4000 Euro privat dazuzahlen, Jehler dagegen nur 850 Euro. Wie ist das möglich?

Das Problem

Nur sieben Prozent der 65- bis 74-Jährigen kommen laut Deutscher Mundgesundheitsstudie noch ohne Zahnersatz aus. Allerdings brauchen immer weniger Senioren eine Vollprothese. Denn sie erhalten ihre Zähne länger. War im Jahr 1997 jeder vierte Senior zwischen 65 bis 74 zahnlos, ist es heute nur jeder achte. „Mit mehr eigenen Zähnen lässt sich ein funktional besserer Zahnersatz fertigen“, sagt Andreas Becher, Zahnarzt und Gutachter aus Chemnitz.

Die Prothesenarten

Eine Vollprothese ist nötig, wenn gar keine Zähne mehr vorhanden sind. „Im Oberkiefer liegt die Prothese am Zahnfleisch und Gaumen auf und hält durch Saugwirkung“, sagt Becher. „Im Unterkiefer ist der Halt meist schwieriger.“ Eine herausnehmbare Vollprothese sei die unkomfortabelste, aber preiswerteste Ersatzlösung. Mehr Halt hat eine Vollprothese, wenn sie auf Implantate gestützt werden kann. Dazu ist aber ein chirurgischer Eingriff nötig. Doch weil Implantate sehr teuer und Privatleistung sind, können sich diese Lösung nur wenige Sachsen leisten, wie der aktuelle Zahnreport der Barmer GEK belegt. Danach ist hierzulande nur jede zehnte Prothese implantatgestützt. In Bayern ist es jede fünfte.

Wenn noch eigene Zähne vorhanden sind, aber schon zu viele für eine Brücke fehlen, setzt der Zahnarzt eine Teilprothese ein. Sie kann auf verschiedene Weise befestigt werden. „Bei der einfachsten und preiswertesten Form geschieht das mit Klammern an den Grenzzähnen der Lücke und mit Bügeln, entweder am Gaumen oder an der Innenseite des Unterkiefers entlang“, erklärt Andreas Becher. Nachteile: Die Klammern sind sichtbar. Mitunter müssten die Zähne dafür beschliffen werden. Zudem können die Klammern durch das ständige Herausnehmen die Grenzzähne beschädigen. Auch die Bügel stören.

Becher empfiehlt daher lieber Teilprothesen, die auf einem festen Fundament im Mund verankert sind. „Die meisten Patienten entscheiden sich dann für eine sogenannte Teleskopprothese. Seltener ist die Geschiebeprothese.“

Die Behandlung

Mindestens fünf Sitzungen beim Zahnarzt sind nötig, bis die Prothese fertig ist. Andreas Becher: „Am Anfang steht eine umfassende Diagnostik. Zähne und Zahnfleisch müssen gesund oder saniert sein. „Hat der Patient bereits Beschwerden im Kausystem oder steht eine umfangreiche Prothesenversorgung an, ist eine Funktionsanalyse unverzichtbar“, so Becher. Siesei reine Privatleistung und koste rund 750 Euro. Die Verbraucherzentrale warnt allerdings, dass die Funktionsanalyse nicht in jedem Fall nötig sei, aber häufig angeboten werde.

Nach der Genehmigung des Heil- und Kostenplans durch die Krankenkasse werden Abdrücke genommen, wenn nötig mit einem individuell gefertigten Abdrucklöffel. „In derselben Sitzung werden die Zähne für die Kronen oder Teleskope beschliffen und mit einem Provisorium versorgt. Die erste Anprobe dient der Anpassung des Metallgrundgerüstes.“

Danach werden die Zähne aufgestellt, sie halten mit Wachs. Wenn alles sitzt, stellt der Techniker die Prothese fertig. Es folgen eine Sitzung zum Einpassen und mehrere für Nachkontrollen.

Das Material

Herausnehmbare Prothesen bestehen laut der Stiftung Warentest überwiegend aus Metall und Kunststoff. Ein dünnes Metallgerüst trage die Zähne und das künstliche Zahnfleisch, ein spezieller Kunststoff. Auch die Zähne seien meist aus Kunststoff, selten aus teurer Keramik. Sowohl Trägergestell als auch Teleskopkronen sind aus Metall. Die einfachste Variante, die auch bei Eberhard Jehler zum Einsatz kam, ist Metallguss – eine Mischung aus Chrom, Kobalt und Molybdän. Dorothea Fischer dagegen entschied sich für eine Goldlegierung.

Die Kosten

Wie viel der Patient selbst für seinen Zahnersatz zahlen muss, hängt aber nicht nur vom Material ab, sondern auch von der Zahl der noch vorhandenen Zähne und ihrer Verteilung im Mund. Die Krankenkasse zahlt für die herausnehmbare Prothese einen Festzuschuss, der etwa50 Prozent der Regelversorgung beträgt und vom Befund abhängt: So gibt es für eine Teilprothese im Seitenzahnbereich rund 334 Euro pro Kiefer. Fehlen bis auf den ersten kleinen Backenzahn oder bis auf den Eckzahn pro Seite alle Backenzähne, zahlt die Kasse zusätzlich 244 Euro pro Kiefer für eine Teleskopverankerung. Bei nur noch drei Zähnen im Oberkiefer beträgt der Festzuschuss 329 Euro, im Unterkiefer 331 Euro. Für die Vollprothese gibt es im Oberkiefer 308 Euro dazu, im Unterkiefer 328 Euro. „Der Unterkiefer ist schwieriger zu versorgen“, erklärt Andreas Becher. Denn die Prothese sei unten größeren Belastungen ausgesetzt. Auch die Zunge brauche genügend Raum.

Weitere Festzuschüsse gibt es zum Beispiel für die Versorgung mit Kronen(139 Euro pro Stück) und für deren Verblendung im sichtbaren Bereich (32 Euro je Zahn). Dorothea Fischer bekam für ihre Teilprothese im Oberkiefer einen Festzuschuss in Höhe von 434 Euro – 30 Prozent mehr als der übliche Betrag, weil sie ein vollständig geführtes Bonusheft vorweisen konnte. Außerdem Festzuschüsse fürs Überkronen von sechs und fürs Verblenden von fünf Zähnen. Mehr gab es nicht, weil ihr der Eckzahn fehlte. „Der hat die stärksten Wurzeln und ist als Führungszahn für den Zahnersatz sehr wichtig“, sagt der Zahnarzt. Sei er nicht mehr vorhanden, würden mehr Teleskope gebraucht. Die Teleskope sind dann komplett selbst zu bezahlen.

Insgesamt bekam Dorothea Fischer 1800 Euro von der Krankenkasse, mehr als 4000 Euro zahlte sie selbst, auch weil sie sich für eine Goldlegierung bei den Teleskopkronen entschied. Eberhard Jehler hatte seine Eckzähne noch. Er bekam deshalb zu den 334 Euro für eine Metallgussprothese noch weitere 244 Euro von der Kasse. Zudem wählte er die einfachste Regelversorgung: Seine Oberkiefer-Teilprothese sowie die Teleskope sind aus Nichtedelmetall und beide Prothesenflügel mit einem Bügel am Gaumen verbunden. Dafür musste er nur rund 850 Euro privat zahlen. Da er kein vollständiges Bonusheft vorweisen konnte, bekam er nur den niedrigsten Festzuschuss.

Eine schleimhautgetragene Vollprothese kostet nach Auskunft von Zahnarzt Andreas Becher rund 4000 Euro Eigen-anteil, eine Geschiebeprothese bis zu4000 Euro. Für eine implantatgestützte Prothesenverankerung muss der Patient mit Kosten von mindestens 1000 bis1500 Euro pro Implantat rechnen. Auch der labortechnische Aufwand ist deutlich höher und teurer.

Die Komplikationen

Fast alle Patienten mit herausnehmbarem Zahnersatz klagen anfangs über schmerzhafte Druckstellen. Eberhard Jehler störte zudem der Metallgeschmack des Bügels im Mund, der ihn auch beim Sprechen behindere. Doch jetzt habe er sich daran gewöhnt, sagt er.

Dorothea Fischer hatte Schwierigkeiten beim Herausnehmen ihrer Oberkieferprothese. Sie saß sehr fest. „Ich war mehrmals pro Woche beim Zahnarzt und bin fast verzweifelt. Er hat die Teleskope mehrmals korrigiert. Jetzt komme ich damit viel besser zurecht“, sagt sie.

Zahnarzt Becher dazu: „Es ist wichtig, dass die Patienten ihre Prothese viel tragen und sofort wieder zum Zahnarzt kommen, wenn Schmerzen oder Schwierigkeiten auftreten. Der Zahnersatz wird so lange nachbearbeitet, bis er keine Probleme mehr macht.“ Das sei auf jeden Fall besser, als ihn nicht oder nur zum Ausgehen einzusetzen. Anfangs solle man die Dritten auch nachts tragen. Becher: „Umso eher gewöhnt man sich daran.“

Stephanie Wesely

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaft
  • Jetzt einschalten!

    Begeistern Sie Ihre Kunden mit Ihren eigenen Angeboten & Informationen auf großen Bildschirmen – spielend einfach mit der LVZ Mediabox. mehr

  • Unsere Empfehlung

    Kein Display? Kein Problem! Von 22 bis 55 Zoll - mit unseren Mediabox-Komplettsystemen bieten wir Ihnen immer die individuell passende Lösung an. mehr

  • Top Preis

    Sie besitzen bereits einen Display? Mit der LVZ Mediabox steuern Sie ihre individuelle Sendeschleife bequem über das Internet. mehr

  • Sie bestimmen das Programm

    Individuell und aktuell: Ihre Informationen, Angebote und Aktionen sowie News der LVZ und von N24 auf der LVZ Mediabox mehr