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HTWK-Professor untersucht Folgen der Finanzkrise in Leipzig, Dresden und Chemnitz

Forschungergebnisse HTWK-Professor untersucht Folgen der Finanzkrise in Leipzig, Dresden und Chemnitz

Von den drei sächsischen Großstädten ist Leipzig am besten durch die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 gekommen. Das geht aus der Untersuchung einer Forschungsgruppe unter Leitung von Rüdiger Wink (50) hervor. Der Professor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig.

Leipzig. Von den drei sächsischen Großstädten ist Leipzig am besten durch die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 gekommen. Das geht aus der Untersuchung einer Forschungsgruppe unter Leitung von Rüdiger Wink (50) hervor. Der Professor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig.

Warum beschäftigen Sie sich jetzt noch mit den Erfahrungen während und nach der Finanzkrise?

Der zeitliche Abstand schafft erst die Möglichkeit, Folgen wie den Rückgang der Erwerbstätigkeit in Chemnitz tatsächlich einordnen zu können. Zudem ging es mir eher um allgemeine Erkenntnisse, wie die Vermeidung und Bewältigung von Wirtschaftskrisen in den Städten und Kreisen unterstützt werden kann, da es trotz Geldpolitik, Kurzarbeit und Abwrackprämien zu sehr unterschiedlichen Effekten auf lokaler Ebene kam. Daher haben wir auch einen Untersuchungszeitraum seit 1990 betrachtet.

Wie haben sich Chemnitz, Dresden und Leipzig behauptet?

Sehr unterschiedlich, da die Bedingungen auch jeweils sehr unterschiedlich waren. Leipzig profitierte von der geringen Konzentration auf einzelne Branchen und dem starken Dienstleistungssektor, der weniger auf Exporte ausgerichtet war und daher nicht direkt von der Krise betroffen wurde. Zudem sind die Branchen in Leipzig vergleichsweise wenig miteinander verbunden, so dass sich die Unternehmen auch seltener gegenseitig mit den Krisenfolgen ansteckten.

Wo ist der Haken?

Kehrseite der wichtigen Rolle der Dienstleistungen ist das im Vergleich zu Dresden geringere Niveau der Arbeitsentgelte. Es lag im Jahr 2012 in Leipzig bei 30 122 Euro je Arbeitnehmer gegenüber 32 454 Euro in Dresden und 30 314 Euro in Chemnitz. Ähnlich wie innerhalb unserer Studie in Freiburg sind viele formal Hochqualifizierte, die Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft anstreben, bereit, Abstriche bei ihren Einkommen hinzunehmen, wenn sie in Leipzig bleiben oder nach Leipzig kommen können. Zudem gibt es im Vergleich zu Dresden und Chemnitz immer noch einen deutlich höheren Anteil an Schulabbrechern – 14,4 Prozent im Jahr 2014 gegenüber 8,6 Prozent in Dresden. Sie können von einem Anstieg der Jobangebote nicht profitieren.

Welche Folgen hat das?

Es besteht die Gefahr von Parallelentwicklungen. Einerseits eine positive Wirtschaftsentwicklung, andererseits eine wachsenden Gruppe an Bürgern in Leipzig und Umgebung, die keinen Zugang zu dieser positiven Entwicklung finden.

Was empfehlen Sie?

Es ist eine stärkere Verknüpfung von Forschung und Unternehmen erforderlich, um ein Wachstum in Dienstleistungsbereichen mit höherer Wertschöpfung und Einkommen zu ermöglichen. Das erhöht dann zwar das Krisenrisiko, schwächt aber die Folgen.

Wie kam Dresden durch die Finanzkrise?

Dresden steht stellvertretend für eine Stadt mit einer höheren industriellen Branchenkonzentration durch die Mikroelektronik, die Chance und Risiko zugleich darstellt. In Dresden wuchsen daher vor der Krise Beschäftigung und Einkommen, der Einbruch in der Krise war schärfer. Das Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen fiel in Dresden um 2,2 Prozent im Jahr 2008 und nochmals um vier Prozent im Jahr 2009, in Leipzig stieg es noch im Jahr 2008 um 0,3 Prozent und fiel im Jahr 2009 um 0,4 Prozent. Negative Beschäftigungsfolgen konnten aber durch die Verbundenheit der Branchen abgefedert werden. Arbeitskräfte, die ihren Job bei Qimonda verloren, wechselten zunächst zu Firmen in der Photovoltaik und dann zu anderen Unternehmen der Mikroelektronik.

Wie ist der Trend in Dresden?

Seit zehn Jahren zeigt sich ein Übergang zu einem höheren Dienstleistungsanteil. Dresden hat eigentlich ganz gute Voraussetzungen, durch die Fraunhofer-Institute und den Exzellenz-Status der Hochschule einen Übergang zu neuen forschungsstarken und attraktiven Branchen zu vollziehen und die Abhängigkeit von Infineon und Globalfoundries zu verringern.

Aber?

Dieses Modell lebt besonders stark davon, dass junge, noch kleine Unternehmen durch Investitionen, Hochqualifizierte und Nachfrage aus dem Ausland wachsen können – Weltoffenheit und positives Image für Auswärtige müssten daher besondere Schwerpunkte auch der Wirtschaftsförderung für Dresden sein.

Pegida schwächt also den Wirtschaftsstandort Dresden?

Pegida wirkt auf genau diejenigen abschreckend, von denen das Wachstum am Wirtschaftsstandort Dresden lebt.

Wie sieht es in Chemnitz aus?

In Chemnitz und auch in den umliegenden Städten und Kreisen Südwestsachsens hat man für die industrielle Entwicklung sehr vieles sehr richtig gemacht. Mit vielen relativ kleinen Unternehmen und unterschiedlichen Branchen ist man wie ein „industrieller Tausendfüßler“ in der Lage, in Krisensituationen seine Schwerpunkte auf immer andere Märkte zu verlagern, und unterstützte sich auch in der Krise gegenseitig. Die Beschäftigungsentwicklung in der Region ist daher auch nach der Wirtschaftskrise trotz der Schocks durch Betriebsschließungen noch gut.

Wie viele Jobs fielen dennoch weg?

In der Stadt Chemnitz sank die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2008 und 2012 um 3600, obwohl im gleichen Zeitraum die Zahl der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe in der Stadt Chemnitz noch um 400 stieg.

Woran hakt es in Chemnitz?

Sorgen bereitet die vergleichsweise negative Entwicklung im Dienstleistungsbereich und das im Vergleich zu Dresden und Leipzig schwächere Gründungsgeschehen. Viele Gründer sehen offenkundig die Märkte in Chemnitz und Südwestsachsen als zu klein und abgelegen an und ziehen es daher vor, in Leipzig oder Dresden oder gleich in Berlin zu gründen. Ob hier eine verbesserte Erreichbarkeit durch ICE-Strecke oder Autobahnausbau allein Abhilfe schaffen würde, ist zumindest fraglich. Wichtiger erscheint für eine positive Dynamik zunächst, dass es den kleinen industriellen Zulieferunternehmen aus der Region gelingt, in der Wertschöpfungskette der Großunternehmen aufzusteigen, beispielsweise durch engere Verknüpfung mit der Forschung.

Wie können Städte gegen Krisen ankämpfen?

In der Wissenschaft hat sich für den Umgang mit Krisen der Begriff „Resilienz“ zunehmend eingebürgert – Zielrichtung ist es, sich trotz Störungen und Krisenereignissen fortzuentwickeln, indem man aus den Krisenerfahrungen lernt und entsprechende Vorkehrungen trifft. Krisen und Veränderungen lassen sich ohnehin nicht vollständig ausschließen, wie die aktuellen Erfahrungen mit Terror oder veränderten Bevölkerungszahlen zeigen.

Was konkret können Städte tun?

So profan es klingen mag, aber die Gemeinsamkeit resilienter Städte besteht in einem hohen Qualifikationsniveau, einer aktiven Zivilgesellschaft, Stadtentwicklungen, die Parallelgesellschaften entgegenwirken und auf keinen Fall eine einseitige Fokussierung auf ein Branchencluster. Die in fast allen Städten beliebte Clusterpolitik, also Stärkung bestimmter Kernbereiche, hilft in Krisen nur, wenn mehrere Standbeine existieren, die sich nicht gegenseitig anstecken.

Von Ulrich Milde

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