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Hühnerzucht statt DGB - Lucassen nimmt Abschied

Hühnerzucht statt DGB - Lucassen nimmt Abschied

So lange sollte Hanjo Lucassen gar nicht in Sachsen bleiben. „Für sechs Monate abgeordnet von Düsseldorf nach Dresden“, lautete der Status des gebürtigen Westfalen im Dezember 1990. Daraus wurden 19 Jahre an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Sachsen.

Dresden. Am kommenden Samstag wird der inzwischen 65-Jährige in den Ruhestand verabschiedet.

„Was damals auf uns zukam, haben wir alle nicht geahnt“, erinnert sich Lucassen. Die Einheitseuphorie sei im Frühjahr 1991 verflogen, als die ersten großen Betriebe dicht machten und Zehntausende auf der Straße standen. Spätestens da war klar, dass es mit einer sechsmonatigen Abordnung nicht getan sein würde. „Die Leute kamen zu uns und wollten wissen, was sie gegen ihre Kündigung tun können.“

Wenn er heute manchen Unternehmer abfällig über Betriebsräte oder Gewerkschaften reden hört, arbeitet es in Lucassen. Er wolle dann am liebsten sagen, „dass es die Firma nur deshalb gibt, weil vor Jahren Kumpels für den Erhalt gestreikt haben“. Lucassen stand bei Ausständen und Demonstrationen oft in der ersten Reihe.

Er ist überzeugt vom Anteil der Gewerkschaften am Aufschwung des Freistaats: „Ohne uns wäre Sachsen nicht mehr Automobilland.“ Man habe Investoren geholt, Neuanfänge in Gang gesetzt oder eben Betriebsstilllegungen verhindert, notfalls mit Arbeitskampf. „Auch wenn es für die Sachsen neu war, Werkstore mit Ketten zuzuschließen, damit keine Streikbrecher durchkamen.“

Gab es 1991 - zumindest auf dem Papier - mehr als 1,3 Millionen sächsische Gewerkschafter, so sind es jetzt nur noch 285 000. Dass sich der Rückgang seit ein paar Jahren abgeschwächt hat und nur noch bei zwei bis drei Prozent liegt, hält Lucassen schon für einen Erfolg. Tatsächlich hält das Verhältnis von Gewerkschaftern und Erwerbstätigen den Vergleich mit den alten Bundesländern stand.

Zur Politik pflegte Lucassen vor allem in den ersten Jahren nach der Wende einen intensiven Kontakt. Bis Mitte der 1990er Jahre gab es auch einen engen Draht zu Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Wirtschaftsminister Kajo Schommer (beide CDU). Lucassen galt nie als Betonkopf. Der Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft, Bodo Finger, nennt ihn einen „Freund des offenen und direkten Wortes“. Trotz mancher Uneinigkeit in Fachfragen sei die Zusammenarbeit „immer fair und lösungsorientiert“ gewesen.

Auch die Linke, mit Abstand größte Oppositionspartei in Sachsen, fühlt sich von Lucassen gut behandelt. Ihr Parlamentarischer Geschäftsführer im Landtag, Klaus Tischendorf, fügt freilich hinzu, dass Lucassen aus seiner Sicht manchmal zu sehr die Interessen der SPD statt die der Gewerkschaften im Blick gehabt habe.

Aus seinem Parteibuch hat Lucassen nie einen Hehl gemacht. Von 1999 bis 2004 saß er für die SPD, die in Sachsen seit Jahren Wahlergebnisse von nur zehn Prozent einfährt ý sogar im Landtag. Gute Erinnerungen hat er daran nicht. „In der Opposition macht man einfach zu viel für den Papierkorb.“ Vom DGB kannte er das anders. Was ihm damals negativ auffiel: „Im Landtag saßen auch viele Gewerkschaftshasser.“

Gegen Ende seiner Karriere als Abgeordneter machte Lucassen Schlagzeilen mit dem Vorstoß, eine „Sächsische Arbeiterpartei“ gründen zu wollen ý in Reaktion auf die Montagsdemonstrationen gegen die Einführung von „Hartz IV“. Lucassen beließ es damals bei der Drohung, nachdem seine SPD im Landtagswahlprogramm dem Thema Arbeit, Ausbildung und soziale Gerechtigkeit dann doch mehr Bedeutung beimaß als zunächst gewollt. Inzwischen kokettiert Lucassen mit der Ansicht, dass der Verzicht auf die neue Partei ein Fehler gewesen sei: „Heute ärgere ich mich, dass ich sie nicht gegründet habe.“

Künftig wolle er sich verstärkt der von seinem Großvater geerbten Leidenschaft zur Hühnerzucht hingeben, sagt Lucassen. Seinen Lebensmittelpunkt hat er schon vor Jahren nach Radebeul verlegt. Von da aus werde er weiter regelmäßig aufbrechen ý wenn auch „weniger zu Gewerkschaftskongressen als zu Rassegeflügelschauen“.

Tino Moritz, dpa

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