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Kasse zahlt meist nur Amalgam

LVZ-Serie: Auf den Zahn gefühlt, Teil 4 Kasse zahlt meist nur Amalgam

Mehr als jeder dritte Erwachsene und schon jedes fünfte Kind haben mindestens einen gefüllten Zahn. Die Sachsen lassen sich im Jahr 3,5 Millionen Zähne füllen. Aus Verunsicherung wollen viele Kunststoff – zu Recht?

Mehr als jeder dritte Erwachsene und schon jedes fünfte Kind haben mindestens einen gefüllten Zahn. (Symbolfoto)

Quelle: dpa

Leipzig. Den ziehenden Schmerz, den ein Loch im Zahn verursacht, kennt Carola Krüger aus Dresden gut. Kaum ein Backenzahn, der bei ihr noch keine Füllung hat. Im Kindesalter habe das schon begonnen, sagt sie. Und damals gab es nur Amalgam. Heute, mit 51, möchte sie die silbrige Metallfüllung nicht mehr: aus ästhetischen und gesundheitlichen Gründen. „Ich will kein Schwermetall mehr im Mund haben. Deshalb habe ich mir nach und nach alte Amalgamfüllungen durch Kunststoff ersetzen lassen“, sagt sie. Kein Einzelfall. Etwa die Hälfte der Patienten wünsche heute eine zahnfarbene Füllung, sagt Zahnarzt Dr. Helko Knoch aus Dresden. Knoch ist gleichzeitig Mitglied des Prüfungsausschusses für Zahnärzte. Doch sind die Alternativen zu Amalgam wirklich besser?

Das Problem

Mehr als jeder dritte Erwachsene und schon jedes fünfte Kind haben mindestens einen gefüllten Zahn. Ursache ist Karies, die durch Bakterien verursacht wird. Hat der Zahnschmelz einen feinen Riss, können sie eindringen und das weiche Dentin angreifen. „Wir haben dann oft eine ampullenförmige Zerstörung des Zahnes“, sagt Knoch. „Oberflächlich sieht man nicht viel, doch nach dem Öffnen des Zahnes wird der volle Schaden sichtbar.“ Die Kariesbehandlung ist laut Zahnreport der Barmer GEK nach Kontrolle und Beratung die zweithäufigste Leistung sächsischer Zahnärzte. Während Kinder und Jugendliche immer weniger Karies haben, bleibt die Zahl der Erwachsenen etwa konstant. Die meisten Füllungen werden bei Frauen zwischen 40 bis 45 Jahren gelegt. Frauen gehen häufiger zum Zahnarzt.

Die Füllstoffe

Amalgam ist mit etwa 50 Prozent immer noch der am häufigsten verwendete Füllstoff. Doch es ist wegen seines Quecksilbergehaltes in Verruf geraten, obwohl der Quecksilberanteil geringer geworden ist. Die heutige Mischung besteht hauptsächlich aus Silber, Zinn und Kupfer und hat maximal 53 Prozent Quecksilber. Zahnärzte schätzen an Amalgam den sehr guten Randschluss und die lange Haltbarkeit – laut Knoch im Schnitt fünf bis acht Jahre. Die Verbraucherzentrale spricht von acht bis zehn Jahren. „Einige meiner Patienten haben sogar noch Amalgamfüllungen aus DDR-Zeiten im Mund“, sagt der Zahnarzt.

Der zweithäufigste Füllstoff ist Kunststoff, auch Komposit genannt. Er besteht aus feinst zerriebenen Glas- und Keramikteilchen, die mit Kunststoffen gebunden werden. Doch über Kunststoffe gibt es erst wenige Untersuchungen. Die Weltgesundheitsorganisation hat den Basis-Werkstoff Bisphenol A untersuchen lassen und hormonähnliche Wirkungen festgestellt. Krebsgefahr bestünde aber nicht, dazu ginge zu wenig des Stoffs in den Körper über, so der Krebsinformationsdienst.

„Eine vorschriftsmäßig gelegte Kunststofffüllung im Seitenzahn ist in der Haltbarkeit mit Amalgam vergleichbar“, sagt Knoch. Bei kleinen Defekten sei Kunststoff vorteilhafter als Amalgam, denn er hafte besser. Amalgam braucht eine größere Angriffsfläche. Es wird mehr Zahnsubstanz geopfert. Kunststoff ist nach dem Aushärten sofort belastbar, Amalgam nach zwei Stunden.

Als dritthäufigster Füllstoff wird Glasionomer-Zement verwendet. Er besteht aus Kalzium, Aluminium, Silikat, Glas und Säuren. Allerdings ist Zement spröde und wird meist nur für provisorische Füllungen verwendet. „Patienten, die sich dafür als Dauerlösung entscheiden, sollten ihre Füllungen regelmäßig kontrollieren lassen“, sagt Helko Knoch. Zur besseren Haltbarkeit wird Zahnzement auch mit Kunststoff gemischt und heißt dann Kompomer.

Die Behandlung

Karies ist je nach Stadium an hellen und dunklen Flecken oder Zerstörungen am Zahn erkennbar. Mit einem wassergekühlten Bohrer wird die betroffene Zahnsubstanz entfernt. Je näher der Defekt dem Zahnnerv ist, um so schmerzhafter wird die Behandlung. Dagegen gibt es die Anästhesie. „Jeder Patient hat Anspruch auf eine kostenlose Spritze“, sagt Dr. Knoch. „Die Behandlung mit Betäubung ist aber auch für uns Zahnärzte entspannter. Denn der Patient zieht nicht weg und hat weniger Angst“, sagt er. „Dadurch fließt weniger Speichel. Der Zahnarzt kann den Defekt gründlicher ausräumen.“

Ist die Karies ausgebohrt und das Loch nah am Nerv, kommt zuerst ein Medikament in die Höhle. „Es sorgt dafür, dass sich der Nerv schneller wieder beruhigt und etwas zurückzieht. Kalziumhydroxid hebt den pH-Wert in den basischen Bereich. Das behindert unter anderem die Keimvermehrung“, so Knoch. Danach legt der Arzt eine Unterfüllung mit einem zementartigen Werkstoff. Erst dann folgt die eigentliche Füllung. Sind die Defekte klein und nicht in Nervennähe, könne auf das Medikament und die Unterfüllung verzichtet werden. Eine Kunststofffüllung ist aufwendiger, denn sie wird in mehreren Schichten gelegt, die einzeln mit ultraviolettem Licht aushärten müssen. Denn Kunststoff schrumpft beim Härten. Die Füllung könnte sich dadurch von der Zahnsubstanz lösen und den Weg für Karies wieder freimachen. Je dünner die Schichten sind, umso besser ist die Haltbarkeit.

Ist der Zahn sehr stark zerstört, kommt die Füllungstherapie an ihre Grenzen. Dann sind Inlays eine Alternative. Sie werden nach Abdruck vom Zahntechniker passgenau aus Edelmetall, Keramik oder Kunststoff hergestellt und in den Zahn geklebt oder zementiert. Es gibt auch Verfahren, bei denen die Passform am Computer ermittelt und das Inlay dann auch per Computer gefräst wird. Inlays aus Edelmetall, zum Beispiel Gold, sind die hochwertigsten Zahnfüllungen.

Die Komplikationen

Amalgamfüllungen können mit anderen Metallen im Mund reagieren. Mögliche Folgen sind Mikroströme und ein ständiger metallischer Geschmack. Kritiker wie die Internationale Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin sagen, Spuren des Schwermetalls könnten mit dem Speichel und der Nahrung in den Körper gelangen. „Doch Studien erbringen keinen eindeutigen Beleg für die Schädlichkeit von Amalgam“, sagt Helko Knoch. Deshalb halten die Kassen an dem Material für den Seitenzahnbereich fest. Nur an den Frontzähnen darf auf Kassenkosten der teurere Kunststoff verwendet werden. Ausnahme: Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen oder nachgewiesenen Allergien gegen Amalgam zahlt die Kasse auch für Kunststoff in den Seitenzähnen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte allerdings rät vorsorglich auch Kindern, Schwangeren und Stillenden von einer Amalgam-Füllung ab. Doch sie müssen die Mehrkosten für Kunststoff selbst tragen. Auch wenn das Risiko für Schwermetallvergiftungen durch Zahnfüllungen nicht nachgewiesen ist, scheinen die Jahre für Amalgam gezählt zu sein. Eine internationale Regelung über Quecksilber – das Minamata-Abkommen – hat zum Ziel, Quecksilberabfälle zu verringern. „Zahnarztpraxen müssen bei Amalgam schon heute Umweltschutzauflagen erfüllen“, sagt Dr. Knoch. Gefordert sind zum Beispiel Amalgamabscheider, um kein Quecksilber ins Abwasser einzuleiten und getrennte Müllentsorgung.

Die Kosten

Eine Amalgamfüllung im Seitenzahn kostet je nach Aufwand und Größe zwischen 30 und 60 Euro und ist Kassenleistung. Den Betrag für Amalgam bekommt der Versicherte auch von der Kasse dazu, wenn er ein anderes Füllmaterial wählt. Er schließt dann mit dem Zahnarzt eine Mehrkostenvereinbarung ab. Der Eigenanteil pro Kunststofffüllung liegt bei 80 bis 100 Euro. Den Austausch intakter Amalgamplomben bezuschusst die Kasse nicht. Die zahlt nur, wenn die Füllung beschädigt ist.

Am teuersten sind Inlays aus einer gehärteten Goldlegierung. Sie kosten zwischen 400 und 600 Euro. Der Preis ist abhängig vom aktuellen Goldpreis, aber auch vom Zahnlabor. In Deutschland und in Handarbeit hergestellte Inlays liegen an der oberen Preisgrenze. Die Kasse übernimmt – wie auch bei Keramikinlays – nur die Kosten der vergleichbaren Amalgamfüllung.

Für Zahnfüllungen gibt es zwei Jahre Gewährleistung. Bricht sie in dieser Zeit ohne Verschulden des Patienten heraus, muss sie der Zahnarzt auf eigene Kosten ersetzen. Keine Gewährleistung gibt es für Füllungen am Zahnhals und für Milchzahnfüllungen bei Kindern.

LVZ

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