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LVV-Chefs im Interview: "Ein Dissens kann nicht immer weggebügelt werden"

LVV-Chefs im Interview: "Ein Dissens kann nicht immer weggebügelt werden"

Bei der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) ist frischer Wind eingezogen. An der Spitze der stadteigenen Holding steht seit dem 1. April der 51-jährige Norbert Menke.

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Volkmar Müller, Geschäftsführer der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV). (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Gemeinsam mit Finanz-Geschäftsführer Volkmar Müller hat er große Herausforderungen vor sich. Die LVZ sprach mit den beiden Managern darüber.

LVZ

: Sie haben Ihre ersten 100 Tage im Amt fast geschafft - wie ist Ihr Eindruck vom städtischen Firmenreich?

Norbert Menke

: Die Aufgabe ist mehr als spannend. Aber das war von vornherein klar. Nach 100 Tagen Innensicht zeigt sich: Wir müssen uns Freiräume erarbeiten, damit wir unsere Investitionsfähigkeit verbessern, um so den Anforderungen der Energiewende, der modernen Mobilität und der digitalen Transformation in unseren Geschäftsfeldern gerecht werden zu können.

Gibt es akuten Handlungsbedarf?

Menke: Natürlich beschäftigen uns die Prozesse ganz enorm, die die Kommunalen Wasserwerke Leipzig in London führen. Auch die Frage, was mit der Leipziger Verbundnetz Gas AG (VNG) wird, hat Priorität. In beiden Fällen erwarten wir Entscheidungen bis zum Jahresende.

Volkmar Müller: Außerdem stehen in diesem Herbst bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) erste Beschlüsse für den Ersatz der alten Tatra-Straßenbahnen an. Insgesamt geht es um die Anschaffung von 40 neuen Straßenbahnen in den nächsten Jahren, mit denen die 120 alten Tatra-Bahnen ersetzt werden sollen. Bei dieser Weichenstellung geht es um 120 Millionen Euro.

Die LVV hat doch schon enorm hohe Schulden. Sie wollen noch mehr anhäufen?

Müller: Wir haben den Schuldenstand deutlich auf unter 600 Millionen Euro reduziert. Nicht zuletzt auch durch den Verkauf von Tochtergesellschaften und das Verschieben verschiedener Investitionen. Wenn wir keine neuen Straßenbahnen kaufen, müssen wir die alten Tatra-Bahnen zu einer weiteren Hauptuntersuchung schicken, die auch Millionen kostet. Für die Neufahrzeuge sprechen natürlich auch eine höhere Energieeffizienz sowie geringere Instandhaltungs- und Betriebskosten. Letztlich aber investieren wir hier vorrangig in den Komfort der Leipziger Bürger, die in der Bahn, aber auch als Anwohner von den modernen Bahnen profitieren sollen. Und Komfort hat bekanntlich seinen Preis.

Was geschieht, wenn der Prozess der Wasserwerke in London verloren gehen sollte und die LVV fast 400 Millionen Euro an die Banken zahlen muss, weil die von Ex-Wasserwerke-Geschäftsführer Klaus Heininger abgeschlossenen Finanzwetten beglichen werden müssen?

Müller: Dann würde bei uns alles auf dem Prüfstand stehen.

Heißt das, Sie könnten gar nicht mehr investieren?

Müller: Die Stadt Leipzig würde uns in diesem Fall beispringen. Aber die Gesamtverschuldung der Stadt liegt auch schon bei rund 700 Millionen Euro. Große Investitionen wie die Tatra-Ablösung würden wir uns nicht mehr leisten können.

Dann werden die Tatra-Bahnen so lange gefahren, bis sie auseinander fallen?

Menke: Wir könnten nur noch ein Minimum an Investitionen in die Infrastruktur der Daseinsvorsorge tätigen. Viele Dinge müssten wir dann so lange nutzen, bis es nicht mehr geht. Deshalb tun wir alles, damit diese Situation nicht eintritt. Wir sind auch sehr zuversichtlich, dass wir in London nicht verlieren.

Sie sollen ja auch noch für andere Dinge neue Schulden anhäufen. Die Stadt möchte zum Beispiel, dass Sie den Kauf von weiteren Gesellschafteranteilen der Verbundnetz Gas AG finanzieren. Obwohl dort seit März der Oldenburger Versorger EWE Mehrheitsgesellschafter ist und damit die Wirksamkeit der bisher angestrebten kommunalen Sperrminorität von 25 Prozent fraglich ist.

Menke: Bei der VNG sind für uns und die Stadt Leipzig zwei Dinge wichtig. Zum einen, dass die Geschäfts- und Dividendenpolitik des Unternehmens unsere Kapitalkosten refinanziert. Zum anderen, wie viele hochqualifizierte Arbeitsplätze in Leipzig bleiben, wie viel Geld in unserer Region investiert wird und welche Gewerbesteuereinnahmen in die Leipziger Stadtkasse fließen. In den vergangenen Jahren waren das fast immer jährlich 10 bis 13 Millionen Euro. Damit dies so bleibt, verhandeln wir mit Hochdruck mit der EWE.

Die EWE soll schon zugesagt haben, dass die VNG in den nächsten fünf Jahren in Leipzig bleibt.

Menke: Wir haben mit dem Mehrheitsgesellschafter in harten Verhandlungen eine erste Aktionärsvereinbarung erzielt, die in der Tat ein Bekenntnis zum Standort Leipzig beinhaltet - aber nur für fünf Jahre, also bis 2019. Wir haben damit klare Signale gesetzt und eine konstruktive Atmosphäre für weitere Gespräche herbeigeführt. Unser Ziel bleibt es, weitere Vereinbarungen zu treffen, die unsere Interessen deutlich über fünf Jahre hinaus sichern. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich die EWE deutlich zur VNG bekennt: zu einer erfolgreichen Geschäftspolitik, zum Standort und zu einer langfristigen Zusammenarbeit mit den kommunalen Aktionären.

Sie könnten die Millionen für den Kauf weiterer VNG-Anteile auch anders verwenden. Die Mitarbeiter der Stadtwerke wollen seit langem mehr investieren, damit sie auch künftig hohe Gewinne an die Stadtkasse überweisen können.

Menke: Vor dem Hintergrund der KWL-Prozesse und der Investitionen im Nahverkehr wurde in den vergangenen Jahren bei den Stadtwerken etwas auf die Bremse getreten. Auch die Unsicherheiten in der Energiepolitik haben dazu beigetragen. Energiewende bedeutet aber den Umbau unseres Energiesystems. Deshalb werden die Investitionen dort auch wieder nach oben gehen. Zum Beispiel in dezentrale Energieerzeugungsanlagen, Windkraftanlagen in der Region oder mehr Intelligenz für unsere Energienetze.

Werden die Gaskunden in Leipzig weiter Gas bekommen, wenn Putin im Winter den Gashahn zudrehen sollte?

Menke: Selbst in den Hochzeiten des Kalten Krieges hat Russland seine Lieferverpflichtungen immer erfüllt. Außerdem hat Deutschland, zum Beispiel auch die VNG hier in der Region, die größten Gasspeicherkapazitäten in Europa und kann damit nahezu eine gesamte Heizperiode abdecken. Wichtig ist, dass die Gasspeicher im Herbst voll sind. Deutschland muss aber langfristig seine Abhängigkeit von Öl und Gas senken, zum Beispiel durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien oder Elektromobilität. Dadurch können wir auch die aus Deutschland abfließende Wertschöpfung reduzieren.

Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben ist der Finanzbedarf ebenfalls groß. Der jährliche Zuschuss von 45 Millionen Euro, den die LVV den LVB gewährt, reicht hinten und vorne nicht.

Müller: Das muss ja nicht heißen, dass er zu niedrig ist.

Schauen Sie sich doch die Infrastruktur der LVB an. Die wird seit Jahren auf Verschleiß gefahren, weil es an Geld fehlt.

Müller: Beim Bau des neuen Technischen Zentrums der LVB in Heiterblick hätten wir uns in der Tat eine normale Förderung durch den Freistaat Sachsen gewünscht - nämlich mit 50 Prozent der Investitionssumme. Am Ende haben wir von über 50 Millionen Euro Investitionssumme zehn Millionen bekommen. Deshalb mussten die LVB deutlich mehr Kredit aufnehmen, als wir ursprünglich gedacht haben. Bei den neuen Straßenbahnen sind wir zuversichtlich, dass sie mindestens zu 50 Prozent gefördert werden. Dann sieht die Welt schon anders aus. Wir verstehen auch das Interesse der LVB, dem Leipziger Kunden moderne Fahrzeuge anzubieten. Über höhere Fahrgasteinnahmen lassen sich diese Ausgaben jedoch nicht refinanzieren. Deshalb unterstützen wir die LVB, um den Finanzierungsrahmen von 45 Millionen Euro nicht verlassen zu müssen. Zum Beispiel indem wir durch effizientere Organisation von Service-Prozessen über die LVV-Gruppe hinweg Synergien heben.

Dann werden die Fahrpreise noch weiter steigen. Dabei liegt Leipzig mit seinen Nahverkehrstarifen schon im oberen Drittel der deutschen Städte.

Menke: Die Zuwachszahlen bei den Fahrgästen seit einigen Jahren legen den Schluss nahe, dass die verstärkten Bemühungen der LVB von den Fahrgästen honoriert werden. Die Zuwächse liegen weit über dem Bundesdurchschnitt.

Von Ihren Vorgängern haben Sie den Streit um die Stromkonzessionen für Leipzigs eingemeindete Ortsteile geerbt - wie ist der Stand und wie geht es weiter?

Menke: Ich glaube, die von der Stadt geplante Neuausschreibung der Konzessionen ermöglicht allen Beteiligten ein rechtssicheres und faires Verfahren. Alle bekommen noch einmal die Möglichkeit zu einem zweiten Anlauf. Unsere Stadtwerke stehen normalerweise in der Pole-Position, um sich hier durchzusetzen. Da stehen unsere Geschäftsführer unter Erfolgsdruck.

Die Stadtratsfraktionen haben vor der jüngsten Kommunalwahl freigiebig Wahlgeschenke verteilt. Unter anderem sind Ihre Mitarbeiter bis 2018 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Ist das eine schwere Hypothek für die LVV?

Müller: Wir bekommen dafür ja auch eine Gegenleistung. Die Arbeitnehmer haben ganz klar gesagt, dass sie konstruktiv an der Zusammenlegung von Einheiten und beim Erschließen von Synergien mitarbeiten. Einseitige Zusagen nur aus sozialpolitischen Erwägungen würden uns jetzt nicht gut anstehen. Wir haben ein konstruktives Miteinander, bei dem am Ende für alle Verbesserungen herauskommen. Auf diese Weise wurden bereits über 50 konkrete Synergie-Projekte auf den Weg gebracht.

Ein Befreiungsschlag könnten Verkäufe von einzelnen Unternehmen aus dem stadteigenen Firmenreich sein. Sehen Sie dort Spielraum?

Menke: Auch wir müssen immer wieder mal prüfen, ob alle Beteiligungen in unserem Portfolio erforderlich sind. Ausschließen kann man Verkäufe daher nicht grundsätzlich. Aber gegenwärtig stehen sie nicht auf der Tagesordnung.

Es heißt, Oberbürgermeister Burkhard Jung wolle die LVV-Beteiligung im polnischen Danzig verkaufen, wenn das wirtschaftlich sinnvoll ist. Sind Sie auch dafür?

Wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist, dann kann man auch über eine Veräußerung nachdenken. Im Moment sehen wir dies jedoch nicht.

Wie hoch müsste denn ein Kaufpreis sein, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein? Polen hat immerhin zehn Millionen Euro zum letzten LVV-Konzerngewinn beigesteuert.

Menke: Das stimmt. Daher muss man unser Engagement in Polen sehr differenziert betrachten: Es ist sehr nah an unserem Kerngeschäft und der polnische Markt bietet interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Dort werden immer mehr Projekte für erneuerbare Energie benötigt und rund um Danzig gibt es hervorragende Windkraftstandorte. Wer sich nicht "ausverkaufen" will, muss zudem alternative Anlagemöglichkeiten entwickeln.

Das werden die Mitarbeiter der Stadtwerke sehr gern hören.

Menke: Zu Recht. Unsere polnische Beteiligung ist ein hervorragend aufgestelltes Fernwärme-Unternehmen mit sehr guten Perspektiven und motivierten Mitarbeitern. Sie haben einen großen Anteil am Erfolg der letzten Jahre.

Die Entwicklung der Stadtwerke wurde auch von einem Zerwürfnis in der Geschäftsführung gebremst. Im September tritt dort eine neue Führungsriege an. Wird sie besser funktionieren?

Menke: Die neue Stadtwerke-Führung passt menschlich und fachlich gut zusammen. Wir erwarten wichtige Impulse, um unsere Position im Energiemarkt zu stärken. Ein Dissens in der Geschäftsführung in wesentlichen Sachfragen kann ein ganzes Unternehmen schwächen und sollte deshalb nicht immer weggebügelt werden. Deshalb war der Aufsichtsrat der Stadtwerke gefordert.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2014

Andreas Tappert

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