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Probleme satt - der Mindestlohn und die Leipziger Gastronomie

Probleme satt - der Mindestlohn und die Leipziger Gastronomie

Seit reichlich einem Monat ist das Mindestlohngesetz in Kraft. Höhere Löhne, strengere Arbeitszeitregelungen und die Aufzeichnungspflicht für die Arbeitszeit aller Mitarbeiter - das sind seine Eckpfeiler.

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Eine Kellerin im Thüringer Hof bei der Arbeit.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wie wirken sich die neuen Bestimmungen in Leipziger Restaurants aus?

Für Holm Retsch vom Regionalverband Leipzig des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) sind es nicht einmal so sehr die 8,50 Euro Stundenlohn, die Probleme bereiten, sondern vor allem die Arbeitszeitregelungen. "Die sind für uns als Gastro-Branche weltfremd", klagt er. Und nennt ein Beispiel: "Ich kann nicht um 24 Uhr noch einmal einen neuen Kellner bestellen, weil die achteinhalb Stunden des Spätdienstes um sind", ärgert er sich. "Nur etwa 25 bis 30 Prozent der Restaurants zahlen Tariflöhne", sagt Retsch. Warum das so ist? "Manche wollen nicht, manche können nicht. Das Klientel der Gastwirte ist sehr stark durchmischt", betont der Dehoga-Mann. Auch beim Einkommen der Angestellten gebe es große Unterschiede: Während einige ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken müssten, verdienten andere durch gute Trinkgelder mehr als ihre Chefs.

Alexander Böhmichen, Inhaber des Café Cantona in der Windmühlenstraße, hat seinen Mitarbeitern schon vor 2015 mehr gezahlt als andere Kneiper. Für ihn bedeutet der Mindestlohn endlich mehr Fairness im Wettbewerb. Er hat zu Jahresbeginn die Preise etwas angehoben. "Die Gäste haben es hingenommen", berichtet er. Statt um 9 Uhr schließt er jetzt erst um 10 Uhr auf, sonntags ist bereits um 20 Uhr Schluss, die Küche macht 22 Uhr Feierabend. "Das sind Veränderungen, die wir jetzt ausprobieren. Ein bisschen sind sie auch saisonbedingt. Wenn der Freisitz wieder offen ist, werden wir das Ganze noch mal überdenken", kündigt der Wirt an. Schwierig ist für Böhmichen die neue, strengere Bestimmung zur Ruhezeit. Zehn Stunden müssen zum Beispiel zwischen dem Ende der Spät- und dem Beginn der Frühschicht liegen. "Das ist für einen kleinen Betrieb wie unseren mit 13 Festangestellten sehr schwierig zu organisieren. Ich müsste im Prinzip noch jemanden einstellen, der zur Verfügung steht, wenn ein anderer Mitarbeiter plötzlich ausfällt. Dem könnte ich aber gar nicht so viele Dienste geben, wie er für eine volle Stelle bräuchte." Größere Betriebe mit mehr Mitarbeitern hätten da mehr Spielraum, meint der Cantona-Chef. Und ein weiteres Problem sieht er: Für alle Beteiligten - Buchhalter, Steuerberater, Rechtsanwälte - sei das Gesetz neu. "Viele Details sind unklar, keiner weiß richtig Bescheid."

Reiner Augustin, geschäftsführender Inhaber des Spizz am Leipziger Markt, versteht nicht, warum es die Neuregelung überhaupt gibt. "Der Lohn einer Servicekraft setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Da ist der Stundenlohn, das sind etwa sechs Euro netto. Hinzu kommt ein Trinkgeld von drei bis fünf Euro pro Stunde, das nicht versteuert werden muss. Außerdem erhalten die Mitarbeiter Essen auf Rabatt und Getränke umsonst. Da kommt ein Netto-Stundenlohn von zehn Euro zusammen. So viel gibt es in anderen Branchen nicht", betont der 66-Jährige. Da Pauschalkräfte nach wie vor nur 450 Euro verdienen dürften, bekämen diese jetzt nicht mehr Geld, sondern arbeiteten nur weniger - wodurch sich die Einkünfte aus dem Trinkgeld verringerten. Zu Beginn des Jahres wurden im Spizz die Preise um etwa zehn Prozent angehoben - was allein dem Ausgleich der gestiegenen Lieferantenpreise diene, sagt Augustin. "Um den Mindestlohn aufzufangen, hätten wir eigentlich um 20 Prozent erhöhen müssen." An gutem Personal hat es dem Wirt nie gemangelt. Im Gegenteil: Es kämen sogar immer wieder Leute aus anderen Branchen, weil sie in einem Restaurant oder in einer Kneipe mehr verdienen könnten.

Für Ralf Lindner ist das Mindestlohngesetz starker Tobak. "Um etwa 50 000 bis 60 000 Euro werden unsere Lohnkosten in diesem Jahr steigen, das ist fast nicht zu lösen", rechnet der Geschäftsführer des Thüringer Hofes in der Burgstraße vor. Die Aufzeichnungspflicht erhöhe den Arbeitsaufwand erheblich. Sein Restaurant hat sich auf die Einführung des Mindestlohnes eingestellt, indem es drei freigewordene Stellen nicht mehr besetzt. "Personal entlassen wollen wir nicht. Einige Leute arbeiten schon seit vielen Jahren bei uns." Jetzt bekommen die Mitarbeiter Mindestlohn, dafür wurde die Umsatzbeteiligung gestrichen. Feiertags- und Nachtzuschläge werden aber weiter freiwillig gezahlt. Die Preise sind im Thüringer Hof zu Jahresbeginn erst einmal nicht gestiegen. "Das wird in den nächsten Monaten sicher noch kommen müssen", sagt Lindner. Die Gründe für die Nachwuchsprobleme der Branche sieht er weniger in den Verdienstmöglichkeiten als in den schlechten Arbeitszeiten. "Wir müssen ran, wenn andere frei haben. Dazu haben viele jungen Leute keine Lust."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.02.2015

Kleinod, Katrin

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