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Sachsens Arbeitsagenturchef Hansen: „Wir haben Erfolg“

Rückgang der Arbeitslosigkeit Sachsens Arbeitsagenturchef Hansen: „Wir haben Erfolg“

2016 sind über 20.000 zusätzlich Jobs in Sachsen entstanden. Doch die Besetzung freier Stellen wird immer schwieriger. Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur, sagt im Interview, wie er gegensteuern will.

Agentur für Arbeit (Archivbild)=
 

Quelle: dpa

Leipzig. In diesem Jahr sind über 20000 zusätzlich Jobs in Sachsen entstanden. Doch die Besetzung freier Stellen wird immer schwieriger. Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur, sagt im Interview, wie er gegensteuern will.

Sachsen hat die geringste Arbeitslosigkeit seit Jahren. Wird sie auch 2017 sinken?

Sie wird sich auch im kommenden Jahr reduzieren, um etwa vier Prozent. Wir erwarten also wie 2016 ein neues Jahr der Rekorde auf dem sächsischen Arbeitsmarkt. Mit einer aktuellen Arbeitslosenquote von 6,8 Prozent haben wir bereits Bremen und Nordrhein-Westfalen hinter uns gelassen. Was wirklich ein Erfolg ist, bedenkt man, dass Sachsen im Februar 1998 eine Quote von 20,3 Prozent und 444 .700 Arbeitslosen hatte. Heute sind es noch 143.300.

Was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass viele ältere Arbeitslose in Rente gehen?

Ja, zu etwa 50 Prozent ist das die Folge der demografischen Entwicklung. Zugleich wächst aber auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sehr deutlich: Innerhalb des letzten Jahres sind über 20.000 zusätzliche Jobs entstanden – sozialversicherungspflichtig. Und die Firmen suchen weiter, aktuell sind über 32.000 offene Stellen gemeldet.

Regional verläuft die Entwicklung unterschiedlich. Orte wie Görlitz oder Löbau haben weniger Chancen als Leipzig oder Dresden, wo sich immer mehr Firmen ansiedeln.

Leipzig ist beim Beschäftigungsaufbau nicht nur in Sachsen Spitze, sondern auch bundesweit die Nummer eins. Von 2010 bis 2015 verzeichneten wir einen Anstieg um 17,2 Prozent auf 248 952 sozialversicherte Beschäftigte. Berlin und München folgen auf den Plätzen zwei und drei. Dresden liegt mit plus zehn Prozent auf Rang 16, also ebenfalls weit vorn. Diese Städte profitieren auch künftig von weiterem Zuzug.

Während in einigen ländlichen Regionen die Lichter ausgehen?

Ich sehe für diese Regionen nicht so schwarz – und nicht nur weil ich mir das als gebürtiger Sachse schön rede. Das Schrumpfen der Bevölkerung birgt auch Chancen für neue Geschäftsmodelle – ob in der Betreuung, der Versorgung oder im Transport. Und wer weiß, vielleicht kehrt sich der Abwanderungsprozess irgendwann wieder um. Weil die Mieten in den Ballungsräumen steigen oder weil die Jugend das Leben auf dem Land doch nicht so uninteressant findet.

Viele Betriebe haben heute schon große Nachwuchsprobleme. Was sagen Sie denen?

Fachkräfte werden händeringend gesucht. Doch das gelingt schon rechnerisch mit der einheimischen Bevölkerung kaum. Ohne Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen Regionen wird es nicht gehen. Fachkräfte aus der ganzen Welt sollten in Sachsen willkommen sein.

Von einer Willkommenskultur ist in Sachsen momentan nicht viel zu spüren.

Ja, manchmal kann man schon erschrecken, welches Ausmaß die Sorge vor Überfremdung angenommen hat. Ich werde darauf auch von Kollegen aus anderen Bundesländern angesprochen. Es gibt aber auch das andere Sachsen, das weltoffene. Das ist weit größer. Auf das müssen wir bauen, wollen wir im Kampf um Arbeitskräfte vorn dabei sein. Verloren ist noch nichts.

Sie haben schon mehrere Arbeitsagenturen geleitet, die in Pirna beispielsweise und zuletzt das Jobcenter in Berlin-Neukölln. Was sind die größten Unterschiede?

Auf den ersten Blick sicherlich der Ausländeranteil unter den Arbeitssuchenden. Der ist um ein Vielfaches höher als in Sachsen. Aber die Probleme, so meine Erfahrung, sind überall gleich. Die Menschen versuchen ihr Leben zu meistern, suchen Arbeit, egal ob Einheimischer oder Zugewanderter.

Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur

Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur

Quelle: BA

Der ehemalige Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, sieht das anders, spricht von Abgrenzung bestimmter Gruppen und vom Ausnutzen der Sozialsysteme.

Ich habe mit ihm viel diskutiert. Meine Ansicht, zu der ich immer noch stehe, ist die: Materielle Armut ist das Problem, nicht die verschiedenen kulturellen Wurzeln des Menschen. Eine aktuelle IAB-Befragung von Flüchtlingen bestätigt mich. Die Werte der Geflüchteten sind in der Regel die gleichen wie die der deutschen Bevölkerung. Für mich übrigens auch ein Grund, warum viele geflüchtet sind.

Wie groß ist die Fachkräftelücke in Sachsen?

In den nächsten Jahren fehlen uns über 200. 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter, weil immer mehr in Rente gehen und nur wenige junge nachrücken. Das ist enorm. Deshalb müssen wir dreierlei tun. Erstens offen sein für Ausländer. Für Flüchtlinge genauso wie für Holländer, Spanier oder Griechen, die bei uns arbeiten wollen. Wir brauchen eine gesteuerte Zuwanderung. Zweitens müssen wir uns um die Rückkehrer bemühen, insbesondere um die Pendler. Wir veranstalten als Agentur beispielsweise Heimkehrerbörsen. Auch in meiner Heimat in der Lausitz.

Mit Erfolg?

Ja, viele sind genervt von der ständigen Fahrerei und den hohen Pendlerkosten. Zugleich müssen wir mehr tun, damit Fachkräfte hier bleiben. Deshalb kümmern wir uns beispielsweise um die Absolventen von Hochschulen und Universitäten, zeigen ihnen Perspektiven in Sachsen auf. Was sicher leichter wäre, hätten wir mehr Konzernzentralen. Und drittens investieren wir in die Qualifikation von Arbeitslosen, machen sie fit für den Arbeitsmarkt.

Der Bundesrechnungshof hat die Vermittlung der Jobcenter kritisiert. Was läuft in Sachsen falsch?

Es ist gut, dass sich der Rechnungshof auch die Arbeit der Jobcenter kritisch anschaut. Im genannten Fall hat er sich allerdings nur acht von 400 bundesweiten Jobcentern angesehen. Sachsen wendet die Instrumente wie gefordert an. Gerade bei der Umsetzung von Bildungsmaßnahmen stehen wir an der Spitze. In den Agenturen haben 70 Prozent der Maßnahmen Erfolg, in den Jobcentern 40 Prozent.

Kritisiert wird, dass die Förderprogramme oft nur zufällig Erfolg hätten...

...und dass die Ergebnisse der Maßnahmen nicht ausreichend dokumentiert seien. Die Kritik ist wie gesagt berechtigt: Es muss genau vermerkt sein, wofür Geld fließt. Aber mehr als das ist mir wichtig, dass Menschen aus der Arbeitslosigkeit in Arbeit kommen. Das sollte das primäre Ziel sein. Und da haben wird Erfolg. Von Zufall kann keine Rede sein.

Die Zahl der Landzeitarbeitslosen hat sich verringert, aber ihr Anteil an den Arbeitslosen ist größer als je zuvor?

Das ist richtig. Je länger jemand aus dem Berufsleben raus ist, je schwerer gelingt der Wiedereinstieg. Da kommen oft erschwerende Gründe hinzu. Keine aktuelle Qualifikation, gesundheitliche Einschränkungen, Probleme im persönlichen Umfeld, manchmal auch Suchtprobleme oder Überschuldung. Aber der Wiedereinstig ist möglich. Denn jeder Mensch der will und kann, wird gefördert, damit er wieder in Arbeit kommt.

Wenn nicht, gibt es ja noch den öffentlich geförderten Arbeitsmarkt – oder?

Der zweite Arbeitsmarkt, wie wir ihn nennen, ist wichtig, damit Menschen, die lange aus dem Arbeitsprozess sind, wieder die Grundtugenden erlernen können, wie Pünktlichkeit und Disziplin. Deshalb verteidige ich die öffentlich geförderte Beschäftigung, wenn das Maß stimmt. Denn zu viel davon konserviert Arbeitslosigkeit. Jeder dieser geförderten Jobs muss zu einem Integrationsfortschritt führen – den Menschen einen Schritt weiter bringen. Oberstes Ziel bleibt immer die Vermittlung in Arbeit. Wir geben niemanden auf, auch wenn einzelne Menschen sich eine Vermittlung in Arbeit nicht mehr vorstellen können. Hier gilt für mich Fördern und Fordern.

In der Nachwendezeit ging es nicht ohne ABM?

Weil die Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt fehlten. Aber heute sind die Stellen da, hingegen werden die Fachkräfte weniger. Dort setzen wir an. Deshalb fließen sechs bis acht Prozent der Arbeitsmarktmittel in die öffentlich geförderte Beschäftigung. Der überwiegende Teil geht in Qualifikation von Arbeitslosen – dieses Jahr etwa 100 Millionen Euro. Ferner zahlen wir Lohnzuschüsse an Arbeitgeber, beispielsweise wenn sie einen langzeitarbeitslosen Menschen einstellen. Auch im kommenden Jahr werden wir wieder ausreichen Geld haben um zu qualifizieren oder zu subventionieren.

Müssten die Mittel nicht weniger werden, die Arbeitslosigkeit sinkt doch?

Die Intensität auf dem Arbeitsmarkt ist weiter groß, auch bei absolut sinkenden Zahlen. Zudem wird es schwerer, Langzeitarbeitslose zu vermitteln. Deshalb freuen wir uns über mehr Mittel unter anderem vom Land Sachsen für begleitende Maßnahmen.

Was versteht man darunter?

Wer über Jahre keinen Betrieb von innen gesehen hat, hat Angst vor dem ersten Schritt. Viele haben Panik, wenn wir zu ihnen sagen, wir haben einen Arbeitgeber für dich. Da rede ich von Menschen, die fünf bis acht Jahre ohne festen Job waren. Wir nehmen diese Langzeitarbeitslosen im Sinne des Wortes an die Hand und begleiten sie auf ihrem Weg zurück ins Berufsleben. Helfen ihnen, über die Probezeit zu kommen.

Und wie sind die Erfolgsaussichten?

Sie liegen bei 30 Prozent. Das hört sich auf den ersten Blick vielleicht wenig an. Angesichts der Probleme dieser Menschen ist das aber ein sehr gutes Ergebnis. Übrigens führt das auch bei uns in der Agentur zu Umstrukturierungen. Auf der einen Seite bauen wir die digitalen Angebote für unsere Kunden aus. Und wir konzentrieren uns auf der anderen Seite stärker auf die Betreuung, also auf die Arbeit mit Menschen. Und das vor dem Hintergrund, dass wir bei sinkenden Arbeitslosenzahlen natürlich weiter eigenes Personal abbauen.

Wie viele Beschäftigte hat die Agentur in Sachsen noch?

Knapp 6000. Rund 600 haben wir schon abgebaut, nicht durch Entlassungen. Die meisten sind aus Altersgründen ausgeschieden. Und wir werden in den nächsten Jahren weiteres Personal abbauen und zugleich neues ausbilden. Die Arbeitsagentur und die Jobcenter sind kein Auslaufmodell. Sie werden angesichts der geschilderten Probleme weiter benötigt. Deshalb kann ich nur werben: Wer es sich zutraut, soll zu uns kommen – wir bieten Ausbildung oder duales Studium an.

Sie suchen den gut ausgebildeten Nachwuchs?

Wir kennen die Probleme auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Deshalb geben wir auch Leistungsschwächeren eine Chance, ebenso Zugewanderten. Da wollen wir auch Vorbild sein.

Wie stellen Sie sich den Angestellten der Zukunft vor?

Schon vor 30 Jahren hat ein Mensch mit Helfersyndrom bei uns eher eine Chance bekommen als ohne. Und das ist auch heute so.

Interview: Andreas Dunte

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