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10. 000 Fans feiern Scooter in der ausverkauften Arena Leipzig

Proll’n’Roll 10. 000 Fans feiern Scooter in der ausverkauften Arena Leipzig

Es gibt wenige Acts, bei denen es so unverhohlen um das Überwinden von Inhalten geht. Scooter pfeifen auf Botschaften. Hier zählt das reine Selbstvergessen und die Fragen drehen sich nicht um lästige Sinnhaftigkeit, sondern darum, wieviel der Fisch kostet. Der Konzertbericht aus der ausverkauften Arena.

Hier zählt die Frage, wie viel der Fisch kostet: Scooter in der Arena.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der erste Rekordverdacht wird schon am Eingang gehegt. Selten säumt vor einem Konzert so viel Müll das Areal. Dahinter Menschen mit Strohhalmhüten, sehr praktisch für die Dauerbetankung, die sich trunken und grölend in den Muckibuden-gestählten Armen liegen, als es plötzlich drinnen rumpelt und kracht. Punkt 21 Uhr legen Scooter los – nix wie rein in die Arena Leipzig, in der 10 .000 Partyversessene in den Kosmos der Wochenend-Glückseligkeit geballert werden.

Es gibt wenige Acts, bei denen es so unverhohlen um das Überwinden von Inhalten geht. Scooter pfeifen auf Botschaften, die über den Appell zum Abfeiern hinausgehen – hier zählen Ausrasten und Besinnungslosigkeit im Beat des Zappel-Techno, das reine Selbstvergessen zum Pumpen und Fiepen, und die Fragen drehen sich nicht um lästige Sinnhaftigkeit, sondern darum, wieviel der Fisch kostet. Zeremonienmeister H. P. Baxxter singt weniger, als dass er Parolen verbreitet. „Jigga Jigga!“, „Hyper Hyper!“, „Oi“, „Here we go!“, „Hands up in the Air!“, „Come on!“ und so weiter.

Ein Phänomen, dieser Typ. Vielleicht muss man nur lange genug seinen Stiefel durchziehen, Widerstände überstehen und Martinshörner der Geschmackspolizei überhören – irgendwann hat man es hinter sich und wird sogar von denen als Kult bezeichnet, die sich das eigentlich nur aus Gründen sozialpathologischer Untersuchungen reinziehen. Ein paar Jahre lang gilt man als peinlich, bis Standhaftigkeit oder Nostalgie die alten (Vor-)Urteile verbrämen. Das gilt für die Beliebtheit von Dederon wie die Popularität von Heino und Howard Carpendale. Okay, bei Phil Collins dauert es noch ein bisschen, Baxxter aber scheint es geschafft zu haben. Das Pimpen des Vornamens steht symbolisch für das Erfolgsrezept von Scooter. Äitsch-Pee klingt halt lässiger als Hans-Peter.

Es gibt wenige Acts, bei denen es so unverhohlen um das Überwinden von Inhalten geht. Scooter pfeifen auf Botschaften. Hier zählt das reine Selbstvergessen und die Fragen drehen sich nicht um lästige Sinnhaftigkeit, sondern darum, wieviel der Fisch kostet. Die Fotos aus der ausverkauften Arena.

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Scooter, das ist der Sangria unter den Rotweinen. Scooter ist der Opel Manta unter den Coupés. Da ist Anfahren mit quietschenden Reifen, der linke Ellbogen hat Sonnenbrand. Scooter liefern den Rhythmus zu Junggesellenausständen und zu diesem herrlichen archaischen Kirmes-Szenario, nach dem sie sich benannt haben: Autoscooter rumpeln unter Geflacker der Lichtorgeln gegen Nachbarfahrzeuge, während die Fahrchip-Einsammler hinten auf der Stoßstange mitfahren. Sie tragen Schnäuzer und ihre Gürtel Karabinerhaken, an denen Fuchsschwänze baumeln.

Klar, Scooter-Fans im aktuellen Jahrtausend sehen anders aus. Manche tragen leuchtende Utensilien durch die Gegend, einige können vor Kraft kaum laufen, andere wegen der Promille. Womit wir beim nächsten Rekordverdacht wären: Bei keinem anderen Konzert sind während der Show die Bierstände dermaßen überfüllt wie bei Scooter. Spricht nicht unbedingt für die Musik, wenn man sie so nennen will. Es blubbert halt, es rummst, das ist Proll’n’Roll.

Der topfitte fast 52-Jährige Baxxter marschiert durch die Weiten der Musiklandschaft, aus der Phil Speiser und Michael Simon ein paar Dauerblüher rupfen, um Samples, Vibes und Gepitchtes drumzuwickeln. Extrakte von Sailor, Status Quo, Earth and Fire oder Peter Maffay geistern durch das Dance-Gepumpe, eingespielte Helium-Stimmen zitieren die Musikgeschichte. Dazu blinken Bilder oder Wörter wie „Ficken“ auf der Videowand oder der Text zum sicheren Mitsingen: „Döp, Döp, Döp“. Tänzerinnen tragen Kopfschmuck oder fast gar nichts, heben Gewichte, Breakdancer sorgen für Akrobatik. Das Publikum in blinkenden Accessoires oder phosphoreszierenden Warnwesten tanzt und johlt. Äitsch-Pee lässt zum Schluss Funken aus einer nicht angeschlossenen Gitarre sprühen. Der Abend mündet im „Hyper, Hyper“-Ventilieren. So rekordverdächtig beknackt und endlich so selbstironisch, dass es lustig ist.
 
Von Mark Daniel

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