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12.000 Besucher beim Frühjahrsrundgang in der Leipziger Spinnerei

Schönheit als Politikum 12.000 Besucher beim Frühjahrsrundgang in der Leipziger Spinnerei

Das Wetter hat gerade noch die Kurve Richtung Frühling gekriegt. Perfekte Bedingungen also, den Spinnereirundgang als Familienausflug anzulegen. Eine gewisse Partystimmung war unvermeidlich.

Besucher beim Spinnereirundgang am Samstagnachmittag.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das Wetter hat gerade noch die Kurve Richtung Frühling gekriegt. Perfekte Bedingungen also, den Spinnereirundgang als Familienausflug anzulegen. Eine gewisse Partystimmung war unvermeidlich. Zur obligatorischen Bratwurst konnte man sogar frischen Spargel genießen und Musik von Klezmer bis singender Säge hören. Sogar ein vorletzter Blick ins Bimbo Town war möglich.Geschäftsführer Bertram Schultze, der diesmal selbst mit Künstlerporträts vertreten ist, hatte wieder einmal Grund zur Zufriedenheit. Die Besucherzahlen lagen wieder weit im fünfstelligen Bereich, gut 12.000 schätzt er. Man erlebte eine Zusammenstellung von Kunst, die etwas mehr Kontraste bot als mancher vorherige Rundgang.

Ein gewisser Überhang an Malerei war aber auch diesmal nicht zu übersehen. Und diese zeigte sich überwiegend traditionsbewusst. Zum Beispiel mit Hans Aichinger, der in der Maerzgalerie erneut mit psychologielastiger Feinmalerei in theatraler Inszenierung präsentiert wird. Oder mit Rosa Loy, auch eine alte Bekannte der lokalen Szene. In der Galerie Kleindienst sieht man ihre neuen und ewig mädchenhaften Bilder nebst einem langen Wandfries im Nebenraum.

Zum Frühjahrsrundgang strömten am Wochenende zahlreiche Leipziger auf das Gelände der Baumwollspinnerei.

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Noch nicht ganz so berühmt sind Jörg Ernert und Tino Geiß, die bei The Grass is Greener vorgestellt werden. Auch wenn sich die Ausstellung „Tempo“ nennt, geht es mehr um statische Interieurs oder Verliese in Anlehnung an Piranesi. Fast WGT-tauglich sind die Bilder von Sten Gutglück und Alexander König bei Josef Filipp, was aber keine Absicht ist. Man kann auch Knochenanhäufungen oder dunkle Metaphern mögen, ohne gleich Gothic-Fan zu sein. Verdächtig nett, fast schon idyllisch, ist die neue Malerei von Katharina Immekus bei B2. Reife Früchte und rauschende Springbrunnen in naturalistischer Darstellung lassen die Vermutung aufkommen, dass da ein Widerhaken versteckt sein muss. Moritz Schleime im Laden für Nichts aber verbirgt seine Haltung nicht. Rotzig, doch farbenfroh, trifft der Stinkefinger direkt ins Auge des Betrachters.

Außerdem bieten auch die zwei ausländischen Galerien des Geländes Gemälde an. Die Pariser Galerie Dukan zeigt kurioserweise die Leipzigerin Mirian Vlaming mit Bildern, die an ethnologische Forschungen anknüpfen. Die Tafeln von Hidenori Mitsue bei Boeske & Hofland sind ähnlich farbgewaltig wie die von Leif Trenkler, nebenan zu sehen bei Jochen Hempel. Der Kölner schafft psychedelisch anmutende Traumwelten.

So stark erneut der Auftritt der Maler ist, typisch Leipzig ist man versucht zu sagen, so kräftig sind auch die kontrastierenden Positionen. Zum Beispiel Stephanie Stein in der Galerie ASPN. Eine rote Linie, ein abgewinkeltes Metallrohr, eine an die Wand gelehnte Kurve. Das war´s. Es gehört schon Mut dazu, solch eine minimalistische Installation zu zeigen, wenn rundum mit Sinneseindrücken nur so geklotzt wird.

Ein anderer Gegenentwurf ist die raumgreifende Arbeit „Barosphere 1“ von Maix Mayer in der Galerie Eigen+Art. In Videos, Tonspuren und Installationen beschäftigt er sich mit italienischer Geschichte. Die Ausstellung gehört aber zu jenen, die man auf die Liste für einen zweiten Besuch setzen muss, denn die fast einstündige Projektion beim Besucherandrang des Rundgangs mit der nötigen Konzentration zu verfolgen, ist schwierig.

Einzige Ausstellung mit Plastik im engeren Sinne ist „Ein schönes Insekt“ des Nürnbergers Christian Rößner im Archiv Massiv. Großen Holzskulpturen stehen kleine aus Metall gegenüber, ein Bestiarium skurriler Mensch-Tier-Symbiosen bildend.

In den Stipendiatenprogrammen LIA und A Room that ... fand man wie immer eine vielfältige Mischung von diversen Herangehensweisen, mehr oder auch weniger ausgereift. Etwas überraschend war die Aufgeräumtheit der Pilotenküche, des dritten Residenzortes, wo sonst zumeist fröhlich improvisiertes Durcheinander herrscht. Etwas anarchisch, zumindest in Bezug auf den Weg über steile Treppen, ist die temporäre Galerie mit dem poetischen Namen 208 B, die es nur für die zwei Rundgangstage gab. Was man dort fand, war aber durchaus professionell gemacht, darunter effektvoll ausgeleuchtete Objekte, in kristallklare Masse eingelegt. Als etabliert kann nach einem Jahr hingegen schon Thaler Originalgrafik, diesmal mit Drucken Matthias Weischers auftretend, gelten.

Die beiden großen Ausstellungsorte des Geländes erfüllen vorbildlich ihre Rolle, politische Akzente zu setzen. Ganz subtil passiert das durch die differenzierten Menschenbilder in der Werkschauhalle im Vorfeld des Katholikentages. In Halle 14 sagt schon der Titel „Capitalist Melancholia“, dass es nicht (nur) um den schönen Schein geht. Inmitten des massenhaften Flanierens, Präsentierens und auch Konsumierens im Rundggangsgedränge wird für eine Auseinandersetzung mit dem Wachstumszwang geworben. Aber: Gleich im Eingangsbereich kann man eine Sentenz von Stefan Brüggemann lesen: To be political it has to look nice. Insofern haben die Kollegen der Galerien rundherum gar nichts falsch gemacht.

Von Jens Kassner

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