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Kultur 120 Mal „ein schön new Lied“
Nachrichten Kultur 120 Mal „ein schön new Lied“
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00:18 11.06.2017
Im Zentrum von Leipzigs wichtigstem Musikfestival: Der beflaggte Thomaskirchhof. Quelle: dpa
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Leipzig

Er habe gerade erst mit Petrus telefoniert, versichert der geschäftsführende Bachfest-Intendant Alexander Steinhilber mit gespieltem Optimismus. „Und der hat mir versprochen, dass es am ersten Bachfest-Wochenende trocken bleibt.“ Ganz sicher scheint er sich seiner Sache dennoch nicht zu sein. Und aktuelle Wetterberichte nähren Zweifel. Folglich hat das heute beginnende Musikfest vorgebaut: Die Open-Air-Orgel, mit der Cameron Carpenter am 9. Juni ab 21 Uhr den Markt beschallt, ist diesmal so aufgebaut, dass der virtuose Grenzgänger auch bei Regen spielen kann, ohne sein einzigartiges Instrument zu gefährden. Im letzten Jahr war das noch anders, weswegen das Orgelspektakel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fiel.

Ungefährdet von möglichen Wetter-Unbilden startet der 19. Jahrgang, der sich unter dem Motto „Ein schön new Lied“ unter anderem mit dem Reformations-Jubiläum auseinandersetzt, um 17 Uhr in der Thomaskirche mit dem traditionellen Konzert der Thomaner. Unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz und begleitet von der Staatskapelle aus Halle singt der berühmte Knabenchor Bachs Choralkantaten „Wir gläuben all an einen Gott“ und „Ein feste Burg ist unser Gott“ sowie Mendelssohns Zweite, den „Lobgesang“.

Das Eröffnungsprogramm zeigt bereits, dass der Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys im Bachfest ab diesem Jahr ein größeres Gewicht beigemessen wird, um das Vakuum auszugleichen, das die Einstellung der Mendelssohn-Festtage des Gewandhauses hinterlassen hat. Wie es in Zukunft weitergehen soll mit Bach und Mendelssohn, ob mit einem gemeinsamen oder zwei unabhängigen Festivals, ist derzeit noch ungewiss. Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke: „Wir analysieren gerade, wie wir aus Bach und Mendelssohn in Leipzig etwas machen können, das mehr ist als die Summe beider Teile. Ziel ist es, aus den Marken Bach und Musikstadt Leipzig noch mehr zu machen. Aber wir brechen nichts übers Knie.“ Der Mendelssohn-Schwerpunkt im Bachfest 2017 sei „alles andere als eine Notlösung“, ergänzt Festival-Dramaturg Michael Maul: „Wie Bachs großes Oratorien so etwas sind wie der barocke Soundtrack zu Luthers Bibel-Übersetzung, schuf Mendelssohn ein romantisches Pendant dazu. Gut nachzuhören im ,Lobgesang’, aber auch in anderen Werken aus dem Festival-Programm: im ,Paulus’ oder Mendelssohns Motetten. Dass zum Reformations-Jubiläum auch die Reformations-Sinfonie auf dem Spielplan steht, versteht sich ja von selbst“. Und um zu bekräftigen, wie ernst es dem Bachfest ist, reckt Intendant Steinhilber einen Leporello in die Höhe: „Wir haben sogar ein extra ausgewiesenes Mendelssohn-Programm drucken lassen.“

Neben Reformation-Jubiläum und Mendelssohn ziehen sich noch einige andere rote Fäden durchs zehntätige Festival: Den 400. Geburtstag Claudio Monteverdis würdigen nicht nur Aufführungen seiner Hauptwerke „Orfeo“ und Marienvesper, den 400. Johann Rosenmüllers einige Konzerte und andere den 100. der Republik Finnland. Insgesamt stehen 120 Veranstaltungen auf dem Programm. Sie verteilen sich auf 25 Orte, darunter einige, an denen das Bachfest zum ersten Mal in Erscheinung trifft. Steinhilber: „Wir wollten bewusst heraus aus dem engeren Kreis der Leipziger Stadtmauern, und so sind wir erstmals in der Schaubühne Lindenfels zu Gast und im UT Connewitz.“

Damit kein potenzieller Gast im Angesicht dieser 120 Veranstaltungen zwischen Kirchen- und Club-Konzert, Gottesdienst und Open-Air-Spektakel, Wissenschaftlichem Vortrag und Opern-Aufführung die Orientierung verliert, hat das Bachfest eine eigene App entwickeln lassen. Sie steht kostenlos in den einschlägigen App-Stores zum Herunterladen bereit und bietet nicht nur das komplette Festival-Programm auf dem jeweils aktuellen Stand und die Möglichkeit Tickets zu kaufen, sondern erlaubt auch die Navigation zu den Aufführungs-Orten, versorgt Bach-Freunde mit aktuellen Nachrichten, informiert über Last-Minute-Angebote und vieles mehr.

Auch dieses Angebot soll dazu beitragen, „noch mehr Leipzigerinnen und Leipziger zu erreichen“, sagt Skadi Jennicke, „denn das Festival kann nur dann nach außen strahlen, wenn es fest in der Stadtgesellschaft verankert ist“. Und nach außen strahlt es in der Tat erheblich: Zwei Drittel der Bachfest-Besucher kommen aus ganz Deutschland, ein Drittel aus aller Welt, aus 41 Ländern gingen Ticket-Buchungen ein. Spitzenreiter sind die USA mit bisher 1300 Ticketkäufen, gefolgt von den Niederlanden (710).

Insgesamt lief der Vorverkauf so gut wie im letzten Jahr: 60 Prozent der Karten sind bereits weg, viele Höhepunkte ausverkauft – im Prinzip. Steinhilber: „Restkarten oder Rückläufer gibt es praktisch noch für jedes Konzert“. Und für das deutlich aufgewertete Festival-Programm auf dem Marktplatz ist ohnehin keine Karte nötig. Vielleicht spielt diesmal sogar das Wetter mit.

Von Peter Korfmacher

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