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Kultur 175 Jahre Hochschule für Musik und Theater Leipzig
Nachrichten Kultur 175 Jahre Hochschule für Musik und Theater Leipzig
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21:52 13.04.2018
Rektor Martin Kürschner. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Festakte, zumal solche, deren Programm fünf Grußworte nebst einer Begrüßung androht, bieten Anlass zur Sorge. Da kann Rektor Martin Kürschner noch so sehr beschwören, dass es in diesem Festakt zum 175. Geburtstag seiner Hochschule für Musik und Theater vor allem um die Studierenden gehe. Ihnen gelte alles Bemühen an diesem Institut, sie sollten im Zentrum dieses Freitagabends im großen Saal stehen.

Aber es hallen doch sehr viele Worte durch den voll besetzten Saal. Doch sind es schöne Worte, die Kürschner da findet in seinen Reflexionen über das Alter und die Tradition, die Moderne, die Vergangenheit und die Zukunft. Es sind, wenn sie sich vom Manuskript löst, schöne Worte, die Eva Maria Stange einfallen, Staatsministerin im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die bemerkt, dass die Leipziger Hochschule stets zu den führenden Künstlerschmieden zählte, und dass, hätte ihre Partei, die SPD, im Freistaat das Sagen, weniger dunkle Wolken über der ältesten deutschen Musikhochschule hingen.

Diese Wolken betreffen den Studierendenschlüssel, dem die HMT entgegensieht: Künftig sollen die notwendigerweise derzeit in großer Zahl ausgebildeten Musikpädagogen zu Lasten der Kunst gehen. Dagegen stemmt sich auch Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, von 1996 bis 2000 Studentin am Haus, dann 13 Jahre lang Lehrende, inmitten vieler schöner Worte mit der klaren Ansage: „Zu einer wachsenden Stadt gehört eine wachsende Hochschule“. Schön, dazu selbstironisch und überdies knapp sind auch die Worte von Eckart Hien, Vorsitzender des Hochschulrates, und, obschon ironiefrei und weniger knapp, die von Susanne Rode Breymanns, der Vorsitzenden der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen.

Aber erst die letzten Worte beweisen, dass Mendelssohn alles richtig gemacht hat, als er vor 175 Jahren dem sächsischen König das erste deutsche Konservatorium aus dem Kreuz leierte: Da treten Mandy Neukirchner, Lea Vosgerau und Johannes Worms vom HMT-Studierendenrat nacheinander vors Mikro und entwickeln mit sehr wenigen Worten Visionen und Utopien von Kunst und ihrer Wirkung und Aufgabe in der und für die Gesellschaft, und versichern, dass sie bereit sind zu kämpfen für diese Visionen und Utopien. Das tun sie so ernst, so leidenschaftlich, so gekonnt, dass die Staatsministerin ein wenig unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutscht.

Der größere Rest der gut zwei Feierstunden gehört tatsächlich der Kunst. Und auch die beweist, dass Mendelssohn alles richtig gemacht hat. Von ihm ausgehend, von seiner Ouvertüre zum „Paulus“, monumental, aber präzise und transparent vorgetragen vom Professor des Jahres Martin Schmeding und der Studentin Lisa Hummel, spannt das Programm den Bogen bis ins 21. Jahrhundert – zu Bernd Frankes suggestivem „Praya Dubia“, das das exzellente Hochschulorchester unter Matthias Foremny mit Lust und Präzision, sinnlichem Furor und Disziplin in den Saal haucht und wuchtet. Dazwischen bringen die Sänger (Clara Barbier, Jana Markovic, Christopher Renz, Diogo Mendes, begleitet von Mediha Kahn und Caspar Frantz am Klavier) mit Schumanns späten und ein wenig spröden Spanischen Liebesliedern ihrer Anstalt ein Ständchen, gratulieren Schauspielstudenten mit einer grandiosen chorischen Version von Brechts „Ozeanflug“. Da steuert die Abteilung für Alte Musik in Gestalt Mechthild Karkows, Professorin für Barockvioline, Charlotte Gerbitz (ebenfalls Barockvioline), Charlotte Foltz (Barockcello), Stephan Rath (Chitarrone) und Tobias Schade am Cembalo den virtuosen Prunk längst vergangener Zeiten bei.

Da beweist schließlich Jazz-Professor Michael Wollny mit dem fabelhaften Lorenz Heigenhuber am Bass und dem sensationellen Filigraniker Max Stadtfeld an den Drums, dass auch in Sachen Popularmusik die Leipziger Hochschule mit ihren Lehrenden und Studierenden aus über 60 Ländern noch immer das ist, was Mendelssohn seinerzeit vorschwebte: eine Speerspitze künstlerischer Zukunft, die aus dem Heute hineinragt ins Morgen. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auch ins Übermorgen.

Von Peter Korfmacher

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