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Kultur 2016 – das tödliche Jahr
Nachrichten Kultur 2016 – das tödliche Jahr
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21:06 29.12.2016
Trauer um einen geliebten Star: Bilder wie dieses von George Michaels Landsitz im englischen Goring gab es im ablaufenden Jahr 2016 viele. Quelle: AFP
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Hannover

David Bowie am Anfang, George Michael am Ende – das Jahr 2016 war ein ziemlich tödliches Jahr für die internationale Pop-Prominenz. Prince und Leonard Cohen sind gestorben, aber auch Eagles-Sänger Glen Frey, Beatles-Produzent George Martin, Trio-Schlagzeuger Peter Behrens, Status-Quo-Gitarrist Rick Parfitt, die Jazz-Sänger Roger Cicero und, ja, Manfred Krug, Knut Kiesewetter, Earth-Wind-&-Fire-Chef Maurice White, die Progrock-Bandkollegen Keith Emerson und Greg Lake, Frank Sinatra jr. Und, und, und. Weil der Tod weder Kalender kennt noch auf Jahresrückblicke Rücksicht nimmt, gehört gefühlt auch Motörhead-Legende Lemmy Kilmister dazu, obwohl er statistisch gerade noch ins Jahr 2015 gehört.

Bowie, Cohen, Michael ... 2016 war ein Jahr des künstlerischen Aderlasses, so viele Tote waren zu beklagen. Ihre Musik, immerhin, die lebt weiter. So wie die Erinnerungen, die jeder von uns mit ihr verbindet.

Die Fans hatten also viel zu trauern in den vergangenen zwölf Monaten. Das Wort „trauern“ ist eine mediale Standardvokabel in diesem Zusammenhang, obwohl kaum jemand es tatsächlich tut. Man nimmt zur Kenntnis, heutzutage meist per Pushnachricht auf einem Handydisplay, man spricht mit Menschen darüber und gleicht ab, was des Künstlers musikalisches Schaffen mit der eigenen Biografie zu tun hat – und der Lebenswandel der „zu früh verstorbenen“ Gleichaltrigen mit dem eigenen Gesundheitsbewusstsein. Oder man schaut öffentliche Beileidsbekundungen in sozialen Netzwerken an, in denen ebenso unbekannterweise wie herzlich-schmerzlich kondoliert wird, was das Zeug hält. Alles läuft relativ routiniert ab. Auch die flotte Versilberung einst völlig zu Recht verworfener Aufnahmen der nun toten Künstler. Das Geschäft blüht. Lebhaft.

Die Lieder haben Platz in der persönlichen Erinnerung

Bowie, Prince, Cohen, Michael. Vier Superstars, deren Ableben zumindest medial wichtiger ist als das von anderen Menschen. Deren Hinterlassenschaft aber völlig unberührt von ihrem Tod bleibt. Das, was sie zur Veränderung der Welt beizutragen hatten und was sie besonders für ihre Fans macht, haben sie längst abgeliefert. Heroes, Kiss, Suzanne, Faith. Zum Beispiel. Ihr Tod wird im Leben der meisten Menschen nicht das Geringste verändern. Die Lieder haben ihren Platz in der persönlichen Erinnerung, mal mehr, mal weniger. Wie unangefochten dieser Platz ist, mag jeder für sich überprüfen an Songs von Jim Morisson, Janis Joplin, Buddy Holly, Michael Jackson, Kurt Cobain, Amy Winehouse – oder Freddie Mercury, dessen Leben nach seinem Tod 1992 mit einem weltweit übertragenen Gedenkkonzert gefeiert wurde. George Michael sang damals „Somebody to Love“. David Bowie fiel auf die Knie und betete das Vaterunser.

Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten der Branche

Immerhin gemahnen Bowie, Michael, Prince und Cohen an vermeintlich bessere Zeiten der Branche, in denen gute Künstler noch gute Chancen hatten, ein Massenpublikum über viele Jahre zu begleiten, weil das wirtschaftliche Vertrauen in ihre künstlerischen Qualitäten weitaus längerfristig war als heute. Anders gesagt, sie hatten Zeit genug, den Fans irgendwie ans Herz zu wachsen und ihre eigene Entwicklung öffentlich nachvollziehbar zu machen. Für ein Publikum, das bereit war, diesen Weg mittels Plattenkauf und Konzertbesuch jahrelang mitzugehen. Damals noch ganz ohne die wohldosierte, inszeniert-kontrollierte Intimität von Facebook-Postings aus der Künstlergarderobe.

Der Rock’n’Roll ist etabliert

Und es zeigt auch, dass der Rock’n’Roll in die Jahre gekommen ist, ein Mehrgenerationenmodell, in dem man nicht mehr nur schnell lebt und jung stirbt, am besten mit 27 einen echten Rockstartod. Der Rock’n’Roll ist, kaum einer hatte das in den 1950er-Jahren auf dem Zettel, das geworden, was in seinem Selbstverständnis das größte No-go war: etabliert. Mit allem Pipapo, mit alten Musikern, alten Fans – und mit dem Tod. Leonard Cohen hat bewiesen, dass man mit 82 durchaus noch ernsthaft dazugehören kann. Und die Superstars Bowie, Prince und Michael mögen nicht ganz jung gewesen sein, ein Rockstarleben haben sie alle gelebt, da klatscht halt nicht jeder Ernährungsberater in die Hände, es gibt gesündere Berufe.

Die Musik bleibt – immer noch und immer weiter

Nehmen wir es also beim Klischee: Rockstars sterben. Ihre Musik nicht. Die Tatsache, dass Pink Floyd sich mittlerweile von Tribute-Bands aus England und Australien hochoffiziell vertreten lässt, zeigt, worum es eigentlich geht: um einen Hebel, Gefühle und Erinnerungen freizusetzen, die sowieso in uns drin sind. Denn da, tief drinnen, singt David Bowie sowieso weiter. Und er sieht ziemlich gut dabei aus.

Von RND/Uwe Janssen

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