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3 Leben, Küche, Bad – der neue Roman von Madeleine Prahs

Buchpremiere „Die Letzten“ 3 Leben, Küche, Bad – der neue Roman von Madeleine Prahs

In ihrem neuen Roman „Die Letzten“ erzählt Madeleine Prahs die Geschichten eines Hauses. Sie handeln von Erwartungen an das Leben und den Tod und davon, wie man eine drohende Sanierung ignoriert. Vor allem aber von drei Bewohnern, die vielleicht nicht alle Ziegel auf dem Dach haben – aber dafür jede Menge gute Gründe.

Häuser können Geschichten erzählen. Doch selten tun sie es so wie Madeleine Prahs in ihrem neuen Roman „Die Letzten“.

Quelle: dpa

Leipzig. Die Letzten sind zu dritt. Sie wohnen im Erdgeschoss recht, zweiten Stock Mitte und unterm Dach. Sie sind arbeitslos, krank, aufsässig: Karl Kramer (55), Elisabeth Buttkies (72) und Jersey (28). In ihren Briefkästen liegen Modernisierungsankündigung, Abmahnung und Drohbriefe von Thomas Grube, Besitzer des Hauses in der Hebelstraße Nummer 13, was ja nun wirklich keine Glückszahl ist. „Die Letzten“ ist der zweite Roman der in Leipzig lebenden Schriftstellerin Madeleine Prahs, eine Geschichte von Menschen und Fassaden,

Ihr Debüt vor drei Jahren hieß „Nachbarn“, darin folgte die Autorin ihren sechs Protagonisten durch Jahre, Städte und Beziehungen. In ihrem neuen Buch beobachtet sie drei Hauptpersonen in ihren Wohnungen, dem ihnen vertrautesten Teil von Heimat. Und den sollen sie nun verlassen. Ihre Gefühle haben schon länger keinen festen Wohnsitz mehr.

Die Letzten sind nicht ganz allein. Herbert gehört dazu, Karls bester Freund und Stammtischbruder. Als in der „Blauen Perle“ Italienischer Abend ist mit Karaoke, Puffbrause und viel Kajal um müde Augen, Wirt Zacko will nämlich „Schwung“ in die Bude bringen, da steigt er plötzlich auf die Bühne: „,Santa Maria’, sang Herbert, ,Insel, die aus Träumen geboren’, seine Stimme war brüchig und heiser, immer wieder brach er ab, und es schien, als ob jeder im Raum intuitiv wüsste, dass dieser Ritter von der traurigen Gestalt da vorne nicht einem Mädchen nachtrauerte, das ihm vor noch nicht allzu langer Zeit das Herz gebrochen hatte, sondern, dass es um mehr ging, dass die Sache ernster war, auch wenn sie nicht wussten, was das war.“

Wünsche bewaffnen

Besoffen und verwundet – diese Melodie zieht sich durch die Kapitel, die abwechselnd einem der Bewohner gewidmet sind. Manchmal spricht das Haus selbst, wendet sich als allwissender Erzähler an die Leser. Es greift als höhere Gewalt ins Geschehen ein, wobei es deutlich Partei ergreift.

Der Ernst der Verzweiflung lauert unter Sätzen, die zwischen kafkaesken und clownesken Momenten balancieren. Prahs’ Sprache passt in Social-Media-Stil-Schablonen wie „Notiz an mich selbst: Mit Spießern lässt sich kein Feld bestellen.“ oder in die Bildhaftigkeit comedialer Wörterfluten und Vergleiche („das ist wie Ballack und Löw, da wird nichts wieder“). Währen tiefer schürfende Passagen durch Verknappung wirken. Diese Fahrt zwischen Komik und Verletzlichkeit macht den Reiz des Romans aus, der mal anrührend ist, mal unerschrocken unterhaltsam..

Dafür sorgen vor allem die Figuren. Gewitzt sind sie und aus Erfahrung grob. Selbst Sympathieerklärungen klingen bei ihnen wie Ohrfeigen. Im Dachgeschoss Jersey, Studentin in Teilzeit, Tagträumerin. Sie bewahrt ihre Kindheit im Keller auf, raucht eigene Ernte und hat an guten Tagen einen Liter Lambrusco im Kühleschrank, halbtrocken. Sie hat mit ihrem Teilzeit-Freund eine Zeit lang bei IKEA gewohnt, zwischen Memoryschaummatratze, Küchentisch und Polstergruppe. Natürlich illegal. „Wir müssen nur unsere Wünsche bewaffnen“, hat sie mal gesagt. Wenn nichts mehr hilft, so weiß sie, hilft etwas „High Shine Lipgloss Shimmer Pink“.

Madeleine Prahs

Madeleine Prahs: Die Letzten. Roman. dtv; 304 Seiten, 21 Euro

Quelle: dtv

Am anderen Ende, im Erdgeschoss, hofft Karl Kramer, dass Erika zu ihm zurückkehrt. Der arbeitslose Logistiker ist zwar durch und durch Realist, gleichzeitig aber in den Märchen seiner Mutter hängengeblieben. „Lange hatte in ihm eine Mischung aus Hass, Scham, Angst, aber vor allem Wut gegärt, Wut auf das, was andere gemeinhin als ,Welt’ bezeichneten. Dann kam die Müdigkeit. Die Dinge wurden ihm fremd, und oft hatte er jetzt das Gefühl, aus sich selbst herausgezogen worden zu sein.“

Im zweiten Stock Elisabeth Buttkies, ein „ramponiertes Schneckenhaus“ und Witwe. Manchmal trägt sie, um zu sich zu kommen, eine Latexmaske mit Taubenschnabel. Bis auf die Hochzeitsreise nach Italien 1963 hat sie die Stadt noch nie verlassen. Diese Welt auch noch nicht, worauf sie sich aber ohne Bedauern vorbereitet. Die Buttkies hat Lymphknotenkrebs.

Gemeinsamer Feind

Da sie die orale Chemotherapie mit Lenalidomid und Lorazepam, „Hanni und Nanni“, wie sie es nennt, durchzieht, bringen die Nebenwirkungen die Deutschlehrerin a.D. in den Zustand kreativer Sprachverwirrung. Dann sagt sie Handlampe statt Armleuchter, Chorspatzen statt Rohrspatzen und dass man alte Hecken nicht versetzen soll. Sie hat gelernt: „Je größer die Auffahrt, desto tiefer der Abgrund.“ Das trifft auf Thomas Grube zu, den Hausbesitzer mit Sanierungsgier. Als gemeinsamer Feind schweißt er die letzten Bewohner zusammen im Kampf gegen die Verdrängung. Das Schwarze Loch, das sich für jeden Einzelnen auftut, hat auch Platz für drei.

Nicht alle Beteiligten des Romans überleben die Scharmützel, in die noch eine Katze, eine Perücke, ein Anwalt, ein Ermittler und ein Nebenbuhler verwickelt sind, in denen Farbbeutel fliegen, Dachziegel und Träume. Zwar werden sie drei künftigen Ex-Bewohner nicht mehr die Kontrahenten vom Anfang sein, nicht mehr stumm den Schicksalsschlägen lauschen, die im fast leergewohnten Haus nachhallen. Dennoch bleibt jeder seinen Zweifeln treu und von seinem Leben mehr als ein Karton im Treppenhaus mit einem Zettel dran: „Zu verschenken.“ Die Letzten lassen das Licht an.

Buchpremiere: 22. September, 20 Uhr, Horns Erben, Arndtstraße 33, Karten (6,60–9 Euro): bei Culton, auf horns-erben.de oder an der Abendkasse

Madeleine Prahs: Die Letzten. Roman. dtv; 304 Seiten, 21 Euro

Von Janina Fleischer

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