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34. Bachmannpreis geht an Peter Wawerzinek für "Rabenliebe"

34. Bachmannpreis geht an Peter Wawerzinek für "Rabenliebe"

Hat er das jetzt wirklich gesagt? Hat Moderator Andreas Isenschmid das 3sat-Fernsehpublikum Sonntagmittag zu den „Klagen der deutschsprachigen Literatur“ willkommen geheißen? Es wäre ein Gruß aus dem Unbewussten, der sich nachvollziehen lässt nach drei Lese-Tagen, an denen die sieben Jury-Mitglieder viel mäkelten und analysierten, durchaus auch Handwerk attestierten, aber immer wieder die „laue Mittellage“ des Erzähltons beklagten, so dass schon ein Grabstein für die deutschsprachige Literatur am Horizont Gestalt annahm.

Klagenfurt/Wien. Es kam anders.

Der Donnerstag endet mit einem Star nach Klagenfurter Format: Dorothea Elmigers freche „Einladung an die Waghalsigen“ würdigt die Jury als „Zeitdiagnose“, als „eine Feier des Fragments in einer fragmentierten Welt“. Sie ist übrigens auch die von der Automatischen Literaturkritik im Weblog riesenmaschine.de ermittelte Siegerin nach Punkten.

Kopf gedrückt, Begründung aufgesagt

Der Freitag mündet in einen Skandal, der dann doch keiner ist. Josef Kleindiensts „ brutalem Text über eine brutale Handlung“ wird Voyeurismus und Pornografie vorgeworfen. Am Samstag schließlich lesen die Favoriten: Peter Wawerzinek und Verena Rossbacher.

Zum Schluss geht alles sehr schnell: Kopf gedrückt, Begründung aufgesagt, in jeweils zwei bis drei Abstimmungs-Runden werden die Sieger-Namen ermittelt – und überraschen zum Teil. Nach den Tagen der Kritik fallen jetzt nur noch Sätze der Begeisterung: über die 1985 in Wetzikon geborene Schweizerin Dorothee Elmiger (Kelag-Preis, 10.000 Euro), über die 1980 in Anklam geborene Judith Zander (3sat-Preis, 7500 Euro) und über den 1975 in Gera geborenen Aleks Scholz (Ernst-Willner-Preis, 7000 Euro).

Schreibend der eigenen Vergangenheit angenähert

Dass Rossbacher, „eine auf Hochtouren laufende Sprachmaschine“, es nicht einmal in die engere Wahl schafft, ist die größte Überraschung des Wettbewerbs. Möglicherweise hat ihre ins Affektierte spielende Performance dem Inhalt den Garaus gemacht. Jury Chef Burkhard Spinnen weiß, dass es den Texten nicht immer zuträglich ist, wenn sie von den Autoren selbst gelesen werden, „aber es geht nicht um die B-Note“, sagt er und verweist auf die Bedeutung der Live-Übertragungen, weil sie nachdrücklich an das Vorlesen von Mensch zu Mensch als einen kulturellen und sozialen Akt erinnern, der allmählich ins Vergessen zu geraten droht. Er sei froh über jede Erinnerung ans Vorlesen als die Begegnung von Sprecher, Text und Hörer.

Bis auf Aleks Scholz’ abgeschlossene Erzählung „Google Earth“ handelt es sich bei allen Siegertexten um Roman-Auszüge. Zwei von ihnen, Wawerzineks „Rabenliebe“ und Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ thematisieren traumatische Erfahrungen in der DDR. Während Zander eine Missbrauchsgeschichte rekonstruiert, nähert sich der 1954 geborene Wawerzinek schreibend der eigenen Vergangenheit als von den Eltern im Heim zurückgelassener Zweijähriger. „Mein Leben kennt keine andere Jahreszeit als den Winter“, schreibt er. Und sagt nach der Preisverleihung, er habe von der Jury „viel mehr Vorwürfe“ erwartet, weil er am Rand balanciere. „Aber man muss sich auch die Ränder suchen.“ Wobei er dies, wie Laudatorin Meike Feßmann lobt, in einer Prosa zu sagen vermag, die „große Literatur“ ist, „nicht makellos, nicht perfekt, sondern dem eigenen Lebensstoff in einem schmerzlichen Prozess abgerungen. Seine Sprache ist unsentimental, aber nicht ohne Pathos. Sie trägt die Spuren einer Lebensverletzung.“ Für seinen Roman „Rabenliebe“, der im August bei Galiani erscheint, sei Klagenfurt ein Geburtshelfer, sagt der Autor. „Ich weiß,dass ,Rabenliebe‘ es nicht leicht haben wird.“ Doch hat er ja auch den Publikumspreis. Kein Grund zur Klage.

Alle Beiträge, Videos sowie weitere Informationen über die Autoren und Juroren gibt es im Internet unter bachmannpreis.eu

Janina Fleischer

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