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Kultur 35 Gesichter einer Stadt: Neues Leipzig-Buch
Nachrichten Kultur 35 Gesichter einer Stadt: Neues Leipzig-Buch
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16:52 03.01.2015
Von Mathias Wöbking
Lene Hoffmann, Volly Tanner: Stadtgespräche aus Leipzig. Sachbuch. Gmeiner-Verlag 2014; 192 Seiten, 14,99 Euro Quelle: Gmeiner Verlag

Der Satz bezieht sich vordergründig auf die Tatsache, dass der Dichter Markus Böhme im Leipziger Westen nicht nur die Metal-Kneipe Helheim betreibt, sondern beispielsweise auch die Bandcommunity Leipzig und deren Bandhaus mitorganisiert.

Darüber hinaus erklärt eine solche Verkettung aber vielleicht auch, warum diese "Stadtgespräche aus Leipzig", die Lene Hoffmann und Volly Tanner geführt und der Gmeiner-Verlag aus Bayern nun zwischen Buchdeckel gepresst haben, einen solchen Charme versprühen: In der Halbmillionenstadt Leipzig wird doch wohl jeder Leser mit dem einen oder anderen der 35 porträtierten Menschen zu tun gehabt haben, mit denen man Straßen und Plätze teilt. Und wenn nicht, dann zumindest einen der Leipziger Lieblingsorte ins Herz geschlossen haben, zu denen sich das Autorengespann mit den Stadt-Mitbewohnern aufgemacht hat.

Es sind prominente Leipziger darunter. In einem überaus gelungenen Interview etwa erklärt Thomanerchor-Spross und Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel nicht nur, dass er gern am Bachdenkmal verweilt, weil der Komponist "sozusagen mein musikalischer Lehrmeister war". Sondern auch, dass es "kein Zufall" gewesen sei, dass im Herbst 1989 ausgerechnet in Leipzig "die Luft gebrannt" habe.

Noch mehr aber prägen Menschen von nebenan eine Stadt - und sie sind es auch, die in erster Linie das Buch bevölkern. Zum Beispiel Gabi Edler, eine Straßenbahnfahrerin im Ruhestand, die seit zwölf Jahren Leipziger Straßenkindern zu neuen Chancen verhilft. Oder Hans Kohlmann, der in Schleußig eine Krimi-Buchhandlung führt. Die Studentin Maria Schmidt probiert sich in der Theatergruppe "FormLos" aus. Und die Rentnerin Annelis Tienelt träumt von einem Industriemuseum im Westen der Stadt.

Hoffmann und Tanner stellen Leipziger vor, die sich in Anzug und Krawatte zur Arbeit aufmachen wie Messechef Martin Buhl-Wagner. Und sie porträtieren etwa den Historiker und Bürgerrechtler Rainer Müller mit seinem Rauschebart, für den Boykott noch immer "eine tägliche Lebensform" darstellt. Der Stadtteil "Lindenau ist anders als Leipzig", findet er. Woran was dran sein muss: Das Palmengartenwehr stillt sogar die Sehnsucht der Kulturmanagerin Gesa Pankonin nach dem Meer.

Überhaupt liefert die Sammlung einige überraschende Erkenntnisse. So hat der an der Leipziger Uni lehrende Schweizer Forscher Beat Siebenhaar herausgefunden, dass die Leipziger (anders als die Schweizer) ihre Mundart in der Öffentlichkeit vermeiden und allenfalls in den eigenen vier Wänden frei nach Schnauze sächsisch sprechen. Und wer hätte gedacht, dass Comic-Zeichner Schwarwel mit seinen 46 Jahren bereits zweifacher Großvater ist?

Urleipziger wie der Maler Aris Kalaizis, der "mittlerweile sogar recht gerne" hier lebt, treffen auf Zugereiste, zu denen übrigens auch der gebürtige Hallenser Volly Tanner und Lene Hoffmann gehören. Sie heißt eigentlich Sophie Sumburane (unter diesem Namen veröffentlicht sie Kriminalromane) und wuchs in Potsdam auf. Küf Kaufmann wiederum wurde in der Sowjetunion groß und zog 1991 mit Frau, Tochter und Oma nach Leipzig, weil es seinen Sohn zum Studium hierher verschlug. Kaufmann senior leitet mittlerweile das Ariowitsch-Haus, sein Tätigkeitsfeld zwischen Theater, Kabarett, Kunst und Fernsehen ist aber so vielfältig, dass er selbst die Beschreibung für zeitlos gültig erklärt, die seine Tochter einst im Alter von fünf gab: "Papa trinkt Kaffee und schimpft."

Tagesmutti Peggy Römer legt nicht nur zum Wave-Gotik-Treffen schwarzen Kajal auf, und Peter Matzke aus dem städtischen Kulturreferat erzählt, wie es kam, dass diese Grufti-Vollversammlung im Jahr 1998 aus Versehen in Leipzig den Handel mit Kunstborten beflügelte: Die offiziellen Eintrittsbändchen waren dergestalt gestrickt. Unter den Porträtierten finden sich auch fünf, die nicht mehr leben - und zwar wohltuenderweise nicht die üblichen Verdächtigen von Bach bis Goethe. Vielmehr ist etwa zu lernen, dass Lene Voigt zwar sächsisch dichtete, aber selbst gar nicht sprach.

Von "Gestrandeten und Angespülten, Dichtern und Lichtern, Malern und Zahlern, Querulanten, Danebenstehern und Zwischen-den-Stühlen-Sitzern" ist einmal in dem Buch die Rede. Dank ihnen geht das Ansinnen des Verlags, der bereits ähnliche Bände über München, Hamburg, Frankfurt am Main und andere Städte herausgegeben hat, auf: Mehr noch als die Architektur und Sehenswürdigkeiten sind es schließlich die Menschen, die der Halbmillionenstadt namens Leipzig ein liebens- und lebenswertes Gesicht geben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.01.2015
Mathias Wöbking

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