Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
46.000 Zuschauer und Herbert Grönemeyer trotzen in Leipzig dem Regen

46.000 Zuschauer und Herbert Grönemeyer trotzen in Leipzig dem Regen

Mit Laola-Wellen und „Ahoi“-Rufen haben die Leipziger am Donnerstagabend Herbert Grönemeyer im ausverkauften Zentralstadion empfangen. Er bedankte sich herzlich und mitreißend.

Voriger Artikel
„Ikonen der Zeitgeschichte“: Schau zeigt in Leipzig die Macht der Bilder
Nächster Artikel
Willkommen in Leipzigs “guter Stube”: LVZ und Leipziger Messe laden zu den Classic Open 2011

Herbert Grönemeyer begeisterte am Donnerstagabend zehntausende Fans in der Leipziger Red Bull Arena.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Genau genommen versammeln sich die 46.000 Menschen vor der Bühne, die 150 dahinter und die zwölf Musiker darauf eine Nacht zu spät für dieses Lied. Doch es hilft nichts: Was muss, muss. Nicht nur hat Herbert Grönemeyer so vor drei Jahren eine Kompilation seines beachtlichen Schaffens getauft. Auch in dieser lauen Sommernacht, trotz Regens, kurz vor halb zwölf, muss es. Selbst wenn Wolken die Sicht stören: Der Mond ist noch fast voll, das Stadion ist es ganz – ausverkauft, was Grönemeyer auf seiner Tour zurzeit nicht immer gelingt. Also jaulen er und die textsichere Menge zum Schluss die alte, mitreißende Rock-Nummer vom „Vollmond“: „Du bist voll, ich bin es auch.“ Passt schon.

Knapp drei Stunden zuvor ist man sich kurz nicht sicher gewesen, ob sich Grönemeyer vielleicht nicht nur um eine halbe Stunde verspätet hat, um denen den Konzertanfang zu gönnen, die noch im Stau gestanden haben. Sondern um eine ganze Woche. Gegen halb neun hat ein Nebelhorn dem Star des Abends das Signal gegeben, mit seinen knallroten Turnschuhen das Boot samt Steg zu entern, das ihm der niederländische Star-Fotograf und Regisseur Anton Corbijn als Bühne entworfen hat. Nach dem hymnischen Titellied des aktuellen Albums „Schiffsverkehr“ wummert zwischen Industrial und Goth-Rock düster „Kreuz meinen Weg“. Wenn, dann entlädt sich das Gewitter, das seit dem frühen Abend in der Luft liegt, mit dieser unbeabsichtigten Reminiszenz an das pfingstliche Wave-Gotik-Treffen. „Ist Dein Urvertrauen stark, verlässlich bis ins Mark?“, raunt Grönemeyer. Die Reihen toben. Aber der Himmel hält noch dicht. Eine Arche ist vorerst nicht von Nöten.

Rote Positionslichter verstärken die maritime Aura, die Leinwände könnte man für Segel halten, der Rumpf verrät, unter welcher Flagge der Kutter segelt: „HRBRT“. Es ist eine Botschaft an all die Kabarettisten und Journalisten, die sich gern lustig darüber machen, dass in Grönemeyers Gesang die Vokale weitgehend fehlen. Anders als Altersgenossen wie Westernhagen, Maffay oder Kunze versteht der 55-Jährige etwas von Selbstironie. Das dürfte einen Anteil daran haben, dass er vom Leutnant Werner, den er vor 30 Jahren in „Das Boot“ spielte, längst zum Pop-Kapitän befördert worden ist.

Der Hrbrt, das steht schnell fest, ist jetzt und hier sehr wohl genau richtig. Das illustriert die nächste Nummer, das beschwingte „Fernweh“, wozu Grönemeyer typisch unbeholfen, nun ja, tanzt: also mit den Knien wippt und zum Takt mit dem Zeigefinger fuchtelt. „Fernweh mit einem Hauch Melancholie“ – so nachdenklich romantisch mag man es hierzulande. Selbst wenn, wie er meint, „die Leipziger dieses Gefühl ja nicht kennen in ihrer schönen Weltstadt“.

Als er in der ersten der vielen schönen Klavier-Balladen, in „Halt mich“, das Personalpronomen tauscht und „es ist schon, dass es euch gibt“ singt, strahlt er eine Herzlichkeit aus, die ebenfalls ein bisschen erklärt, warum ihn hier alle so lieb haben. Natürlich hat der Mann darüber hinaus ein beeindruckendes Werk aus mehr als 30 Jahren vorzuweisen, und aus dem schöpft er ordentlich. „Musik, nur wenn sie laut ist“, „Stück vom Himmel“, zum immergültigen Evergreen „Bochum“ fangen die Stadion-Kameras etliche VfL-Schals ein. Anders als in anderen Städten ändert Grönemeyer aber die Zeile des Vereins, der mit seinem Sturm jeden Gegner nass macht, nicht in jene Mannschaft um, die dem Zentralstadion neuerdings den Namen  gibt.

Zu „Männer“ kommen die paar Regentropfen und eine frische Brise gerade recht. Denn nicht nur Grönemeyer versucht sich im Hüftschwung. Die Zeilen von „Was soll das?“ hallen zigtausendfach wider. Von den neuen Sachen geraten „Deine Zeit“, in dem er über seine demenzkranke Mutter singt, und „Auf dem Feld“ zu bewegenden Momenten. „Merkwürdig und zynisch“ sei der Afghanistan-Krieg, sagt er, „ein absolut absurdes Theater – gehört sofort beendet“.

Dass mancher Text auch dann unverständlich bleibt, wenn er nicht durch die breiige Stadion-Akustik ans Ohr dringt, sondern samt aller Vokale notiert wird – was soll’s. Ein Satz wie „Das Leben ist nicht fair“ (aus „Der Weg“) spricht ohnehin jedem aus dem Herzen. Sowieso gilt: „Kopf hoch, tanzen“, findet Hrbrt. Zu „Alkohol“ fällt die Ü-40-Garde irgendwie ins Teenie-Zeitalter zurück, bei „Mensch“, dem traurigen Lied, das Grönemeyer 2002 endgültig in eine Ikone verwandelt hat, winkt die Masse kollektiv und das beinahe synchron. Nachdem die Musik verklungen ist, grölen die Leute so lange weiter, bis die Band die dazugehörigen Akkorde von Neuem beginnt. „Das ist Samba di Leipzig“, findet der, der fürs Singen hier eigentlich bezahlt wird.

Pünktlich zur ersten Zugabe, ausgerechnet bei „Land unter“ also, öffnet das Stück vom Himmel überm Stadion richtig die Schleusen. Für den WM-Song „Zeit, dass sich was dreht“ übt Grönemeyer mit dem Publikum eine Art Kanon ein. Er ist pitschnass und freut sich sehr, wie fein das klappt. „Danke, danke, danke“ – „Wie wunderschön“ – „Klasse, was soll ich dazu sagen“ – „Wir werden hier auf der Bühne von einer warmen Welle getragen“ – „Manchmal will ich einfach aufhören und das genießen“. Genießen, wie alle zusammen „von den „Flugzeugen im Bauch“ singen beispielsweise.

Grönemeyer ist ein Chef, der loben kann. Die beste Band und die beste Crew nenne er sein Eigen. Kein Wunder, dass Norman Sinn, ein Freund Cluesos aus dem Erfurter Zughafen, die Zuschauer im Vorprogramm dankbar „Herbert Ahoi“ rufen lassen hat. In mehr Zugaben als in den meisten bisherigen Konzerten feiert die Menge die Nacht, sogar der selten gehörte „Mambo“ gehört dazu. Bei „So wie ich“ versucht sich Grönemeyer erneut in dem Pronomen-Trick: „Keiner liebt euch so wie ich“, gesteht er. Jetzt können das sogar Zyniker glauben.

Eines hingegen ist glatt gelogen: „Vollmond, ich bin so allein“, singen Herbert und, nun, noch ein paar andere kurz vor halb zwölf. Was braucht es in diesem Moment mehr als ein paar Konsonanten, um glücklch zu sein?

Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Die Ausstellung "DDR-Comic Mosaik - Dig, Dag, Digedag" ist ab sofort dauerhaft im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr