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Kultur A Head Full of Dreams: Coldplay rocken die Red Bull Arena
Nachrichten Kultur A Head Full of Dreams: Coldplay rocken die Red Bull Arena
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07:36 15.06.2017
Welthits und große Emotionen: Coldplay bei ihrem Konzert in der Red Bull Arena Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Man wusste es ja: Seit mindestens einer halben Bandkarriere, also gut zehn Jahren, mögen’s Coldplay quietschebunt. Auf der seit Frühjahr 2016 andauernden Welttour der vier Briten, die sie Mittwochabend nach Leipzig geführt hat, rümpfen also allenfalls einige professionelle Kritiker regelmäßig ihre Nasen darüber, dass hier alles leuchtet und glitzert wie im Rock-Disneyland. Die 48000 Stadionbesucher in der nahezu ausverkauften RedBull-Arena hingegen machen überhaupt nicht den Eindruck, als wunderten sie sich. Euphorisch bejubeln sie geradezu jeden einzelnen Lichtblitz.

Vor nahezu ausverkauften Rängen hat am Mittwochabend das Konzert von Coldplay begonnen. Vor dem Auftritt der Band um Frontman Chris Martin mussten sich die Besucher akribischen Sicherheitskontrollen unterziehen.

„Einen Kopf voller Träume“ versprechen Coldplay ihren Fans, so steht es auf der Eintrittskarte. Und den bekommen die Besucher denn auch, im besten Sinne und mehr als zwei Stunden lang. „Seid das größte, lauteste Publikum aller Zeiten, das ist alles, worum wir euch bitten“, begrüßt Chris Martin die Menge kurz vor Neun. Da sind das Eröffnungsstück „A Head Full of Dreams“ und ein mitreißendes „Yellow“ gerade erst verklungen. Aufs Herz klopft sich der überaus bewegliche Vorturner immerzu. Und den Wunsch nach einem Gemeinschaftsgefühl, den er da andeutet, darf man wörtlich nehmen. Bunt steht eben auch für: Vielfalt. Oder, wie es der Friseur in Charlie Chaplins epochalem Film „Der große Diktator“ von 1940 in seiner berührenden Rede formuliert: „Ihr alle – nicht ein einzelner Mann oder eine Gruppe – könnt dieses Leben zu einem wundervollen Abenteuer machen.“


„... make this life a wonderful adventure“, hallen Chaplins Worte vom Tonband wider. Und mag auch Martin der einzige Superpromi im Rund sein (während die verdienstvollen Bandkollegen Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman vermutlich gestern Vormittag hätten in der Grimmaischen Straßenmusik machen können, ohne groß aufzufallen) – Coldplay gelingt es, dass sich alle wichtig vorkommen dürfen. Alle 48 000: Jeder baut mit an diesem Abenteuerspielplatz.

Ein Timo aus Erfurt und ein Tom aus Hamburg sagen per Videoschalte Hallo, aufgenommen vor Konzertbeginn. Auch sonst erscheinen einzelne Zuschauer so oft auf den blumenförmigen Leinwänden wie die Bandmitglieder. Wie schon beim Leipziger Coldplay-Gastspiel vor fünf Jahren, das im Nachhinein als deutschlandweit bestes Konzert des Jahres 2012 ausgezeichnet wurde, haben alle Gäste am Einlass ferngesteuerte Blinkarmbänder erhalten, um wie Glühwürmchen die Lichtshow maßgeblich selbst zu gestalten.

Die Nähe zum Publikum suchen Coldplay überdies, indem sie ihr Spiel auf drei Areale verteilen. In voller Farbenpracht erstrahlt nur die für viele Gäste weit entfernte Hauptbühne. Zunächst leuchtet die Mischung aus Konfetti, Feuer und Licht dort vor allem zu den Liedern von den frühen Platten: zum zauberhaften „The Scientist" etwa, bald zum treibenden, psychedelisch angehauchten „Clocks“. Später zu neueren Hits wie „Hymn For The Weekend“, zu einem ergreifenden „Fix You“, das Martin im Liegen singend beginnt, und zu „Viva la Vida“.

„Ihr denkt, ihr seid hier, um euch uns anzuschauen“, spricht die 40-jährige Hauptfigur zwischendurch, „aber in Wahrheit haben wir in all den Jahren so viele von euch gesehen.“ Die Musiker sind kurz zuvor für ein paar ruhigere Sachen auf einen Steg gelatscht, der in die Menge hineinführt. Die Hach-Gwyneth-ist-wirklich-Schluss?-Lieder der „Ghost Stories"-Platte singt Martin dort. Und auch „Everglow“ vom aktuellen Album, das Stück, zu dem sich vergangene Woche in München ein 19-jähriger Zuschauer am Klavier spontan einen Platz in den Band-Annalen gesichert hat. In Leipzig greift Martin allerdings selbst in die Tasten. „Wir sind so gern bei euch in Deutschland“, sagt er und entschuldigt sich für einige britische Landsleute, „die mit niemandem auf der Welt mehr befreundet sein wollen“. Den Menschen in Syrien, Manchester, Irak widmet er das Lied.

Später, als Coldplay ihr – im Stadionrockgeschäft mittlerweile obligatorisches – akustisches Intermezzo auf einer dritten Bühne inmitten der hinteren Reihen aufführen, erhält noch eine Leipzigerin namens Caro ihre dreieinhalb Minuten Ruhm. Eine Videoleinwand überträgt Caros vorab per sozialer Medien eingereichten Wunsch, die Gruppe möge doch bitte „Us Against the World" spielen, weil sie das immer ihrer Tochter vorgesungen habe. Das passiert selbstredend sogleich.

Nur die großangekündigte Coldplay-App, die sich einige Besucher vor Konzertbeginn auf ihre Mobiltelefone geladen haben, kommt irgendwie nicht zum Einsatz, weil das neue Lied „Hypnotised“ von der für Ende des Monats angekündigten EP „Kaleidoscope“ nicht Teil des Programms ist. Stünde das Stück in der Setlist, steuerten entsprechend präparierte Handys angeblich eigene Töne bei und vereinten sich so mit der Musik aus den Lautsprechern zu einem magischen Klang.

Die Smartphone-Zauberei wäre noch eine Extra-Dosis Placebo fürs eh verbreitete basisdemokratische Konzertgefühl gewesen. Doch auch so bleibt der menschenfreundliche Impetus dieser nach wie vor sympathischen Band absolut glaubwürdig. Immerhin spielen da bei allem Erfolg seit mehr als 20 Jahren dieselben vier (inzwischen nicht mehr ganz so) jungen Männer und vermitteln selbst nach 14 Monaten in der Weltgeschichte in Leipzig nur Spielfreude. Als „Sexgott“, der früher ein fetter Student gewesen sei, stellt Martin den Gitarristen Buckland vor, Trommler Champion sei ein Schweizer Messer und spielte angeblich in der Fantasy-TV-Serie „Game of Thrones“ mit. Bassist Berryman schließlich habe sein Leben als erster ganz dieser Band gewidmet.

Zwar macht die große Kulisse den ganzen Firlefanz drumherum nach den ungeschriebenen Gesetzen des Pop wohl  erforderlich: schon wegen der seit Jahrzehnten herangezüchteten Erwartung des Publikums, nicht einfach ein Konzert, sondern ein „Event" zu erleben. Aber ebenso wahr ist, dass Coldplay im Laufe ihres Schaffens etliche traumschöne Melodien komponiert haben. Hymnen, die schon beim ersten Hören so naheliegend scheinen, dass man sich fragt, wo sie eigentlich vorher waren. Diese Lieder. Sie würden ihren Zauber auch ohne Multimedia-Spektakel entfalten.
Zum fulminanten Finale kennt der Jubel kaum Grenzen, als Martin eine Deutschlandflagge neben eine mit dem „Love-Button" legt, einer Kombination aus Herz und Friedenstaube. Zu „Some¬thing Just Like This", „Sky Full of Stars" und schließlich „Up & Up“ regnet es in Strömen – nur Glitzerschnipsel freilich.   Quietschebunt. So mögen’s Coldplay nun mal am liebsten.
 
Von Mathias Wöbking

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