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Kultur Academixern ist nur scheinbar „Alles Wurschd“
Nachrichten Kultur Academixern ist nur scheinbar „Alles Wurschd“
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00:21 28.09.2017
Wandlungsfähige, starke Darsteller: Elisabeth Hart, Jens Eulenberger, Carolin Fischer und Ralf Bärwolff (v. l.). Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Korf ist aus. Nicht mal 100 Gramm vom begehrten Sitzfleisch des Landtagsabgeordneten, der angeblich in der „Fleischboutique Meating Point“ durch den Wolf gedreht wurde, sind übrig. Wobei das alles ja gar nicht stimmt. Fake News und verdrehte Wahrheiten spielen eine gewichtige Rolle im Stück „Alles Wurschd“, das ausgerechnet am Wahlabend zum Zeitpunkt der ersten Hochrechnung Premiere bei den Academixern feierte.

Voll ist es trotzdem im Kabarett-Keller, in dem zunächst die reine Unterhaltung regiert – bis sich herauspellt, dass im dicken Deckmantel der Komödie die Innentaschen voll sind von dem, worüber die Republik gerade diskutiert; seit Sonntagabend mehr denn je. Handlungsort ist eine Fleischerei in Grimma, der die Vernichtung durch den Bau einer gigantischen Fleisch-Einkaufsmeile droht. Betreiberin Solli Janka ahnt nicht, dass der Landtagsabgeordnete Günther Korf, mit dem sie techtelmechtelt, als Marionette am Faden des Investors hampelt. Als Korf auf dessen Anraten für eine Weile verschwindet, wuchern die Gerüchte und ermittelt die Polizei. Das soziale Netz orakelt und behauptet.

Die Personage ist ein grober Querschnitt durch die Gesellschaft. Sollis Opa denkt rechts, Frau Sturm denkt differenziert, der indische Angestellte um die Ecke und Azubi Torti eher gar nicht. Haupt-Autor Thilo Seibel und Regisseur Hans Holzbecher haben die Figuren überzeichnet, ohne ins Blödeln zu rutschen. Die Komik zündet und das in den Rollen wandlungsfähige Ensemble spielt – ebenso Musiker Jörg Leistner – durch die Bank fantastisch. Carolin Fischer glänzt vor allem als leicht manipulierbares und Internet-süchtiges Dummerchen („Gibt’s mal fünf Minuten kein Netz, hat man alle Freunde verloren“). Es macht pures Vergnügen, Jens Eulenberger in den Metamorphosen zwischen Inder, Kommissar, Kunde und Geschäftsmann zuzusehen, und Ralf Bärwolff zeigt nicht zum ersten Mal darstellerisch wie komödiantisch seine Klasse. Klug auch, dass die spielerisch und körpersprachlich starke Elisabeth Hart in ihren Parts die Einzige ist, die nicht hochspult.

Holzbechers Handschrift passt zum Textbuch. Geboten wird Kabarett-Theater, wie man es vom Düsseldorfer Kommödchen kennt (wo der Kölner ebenfalls inszeniert). In stimmigem Tempo dreht sich das Karussell der verschiedenen Interessen. Und immer, wenn es einen Tick zu klamaukig zu werden droht, erinnern ein bis zwei klare Sätze an den ernsthaften Unterboden – dass es hier um Doppelmoral, Korruption, kapitalistische Kälte geht, und um Rassismus. Opa Horst ist strammer AfD-Sympathisant, dem der Inder Tanchi ein Dorn im rechten Auge ist – bis er erfährt, dass Tanchis Kuh den verhassten Pinscher des Nachbarn unter einem Haufen begraben hat.

Es sind feine Spitzen wie die Bemerkung Bärwolffs, dass es spätestens seit heute – der Wahl – endlich um Inhalte in der Politik gehen sollte. Es ist die zynische Bemerkung aus dem Mund Fischers, Libyen sei ein sicheres Herkunftsland. Es ist der Satz, den Hart spricht: „Frauen sind von Gleichberechtigung so weit entfernt wie die AfD vom Grundgesetz.“

Mit diesen gar nicht verhuschten, sondern akzentuierten Bemerkungen stehen die Mixer für und gegen etwas – bemerkenswert und nicht selbstverständlich im allabendlichen Kampf um ein möglichst breites Publikum. Freche Pointen wie die gegen Pegida und die Gauland-Partei sind gerade hier und jetzt angebracht. Es ist nämlich doch nicht alles wurscht.

Nächste Vorstellungen 6. Oktober (20 Uhr), 7. Oktober (16 & 20 Uhr) sowie 8. Oktober (18 Uhr). Karten über 0341 21787878 und www.academixer.com.

Von Mark Daniel

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