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Achtung, Romantik! - Ev Schreibers "Der Kaufmann von Venedig" in Webers Hof

Achtung, Romantik! - Ev Schreibers "Der Kaufmann von Venedig" in Webers Hof

Ja, was denn nun: Komödie oder Tragödie? William Shakespeare macht es einem mit seinem "Kaufmann von Venedig" nicht leicht. In dem Lustspiel um eine turbulente Brautwerbung mischt nämlich auch ein jüdischer Geldverleiher mit, dessen stures Beharren auf Recht und Gesetz am Ende auf ihn selbst zurückfällt.

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Welches Kästchen bringt Bassanio (rechts, Julia Schmidt) seiner Portia (links, Celine Hägermann) näher? Peppino (Mitte, Esther Sternad) muss etwas nachhelfen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Er wird zur tragischen Figur. Beim Theater Fact ist er das seit Freitagabend auch, aber sein Shylock passt nicht zur ansonsten auf Klamauk gebürsteten Inszenierung.

Seit dem Holocaust hat sich eine mitfühlende Darstellung der Shylock-Figur etabliert. Die jüngste Verfilmung des Stoffs mit Al Pacino in der Rolle des gelackmeierten Geldverleihers beginnt mit einer Montage von Szenen, die den Antisemitismus zu Beginn des 16. Jahrhunderts zeigen: Fanatische Wanderprediger halten Hetzreden gegen die Juden, Talmud-Drucke landen im Feuer, Semiten werden bespuckt und geschlagen. Allzu verständlich, dass Shylock die Gnade, die alle am Schluss von ihm erwarten, nicht gewähren will. "Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?", heißt es in seinem berühmten Verteidigungsmonolog.

Der Shylock des Theaters Fact (Cyrus Rahbar) legt an dieser Stelle noch eine Schippe drauf: "Wenn ihr uns vergast, sterben wir nicht?", fragt er mit vielsagendem Blick ins Publikum. Abgesehen davon, dass diese Frage angesichts seines historisch gekleideten Sprechers schon schräg wirkt, besitzt Shylocks Tragik hier auch etwas Aufgesetztes. Denn in den Minuten vor und nach dem Wink mit dem Holocaust-Zaunpfahl hat Regisseurin Ev Schreiber für das Publikum viel gefälligen Klamauk zu bieten.

Der sich vor allem durch seine aufdringliche musikalische Untermalung auszeichnet. Kaum hat Portia (Celine Hägermann) ihrem Bassanio (Judith Schmidt) zum ersten Mal in die Augen geschaut, muss ihre offensichtliche Zuneigung schon mit einer schwärmerischen Saxofonmelodie und - Achtung, Romantik! - einer extra Portion Rotlicht betont werden. Traut Schreiber hier den Fähigkeiten ihrer Darsteller nicht? Abgesehen von Shylock und vielleicht noch von Magdalena (Esther Sternad) sind in ihrer Shakespeare-Adaption alle Figuren stark überzeichnet. Der homosexuelle Kaufmann Antonio (Sascha Kiesewetter) beispielsweise trägt ein silbrig schillerndes Jackett - wie es das Klischee vom geschmackvollen Schwulen verlangt.

An der Leistung der Schauspieler hingegen gibt es nichts zu meckern. Sehr überzeugend mimt Celine Hägermann die verliebte Portia und hat in der Szene vor Gericht auch den steifen Dr. Balthasar drauf. Esther Sternad sahnt in ihrer Rolle des quirligen Peppino beim Publikum zu Recht spontanen Applaus ab. Schade nur, dass die Regisseurin mit dem Potenzial ihrer fünf Darsteller nicht mehr anzufangen wusste. Auch sie setzt lieber auf die viel gescholtene Sommertheater-Gefälligkeit.

"Dies war ein Bubenstück von allerhöchster Qualität", resümiert Peppino, als nach rund 90 Minuten Spielzeit endlich jeder Topf seinen passenden Deckel gefunden hat. Wenn er sich da mal nicht gründlich täuscht.

"Der Kaufmann von Venedig", weitere Aufführungen bis zum 1. September täglich außer montags um 21 Uhr in Webers Hof (Hainstraße 3), Eintritt 8-17 Euro, www.theater-fact.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2013

Verena Lutter

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