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Kultur Brett – Großer Rock, bockige Liebeslieder
Nachrichten Kultur Brett – Großer Rock, bockige Liebeslieder
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10:05 06.03.2018
Nomen est omen: Brett machen harten Rock, der aus der Masse hervorsticht (v.l Stefan Schulten, Felix „Stacki“ Stackfleht, Laurenz Gust und Max Reckleben). Ihre Liebeslieder sind keineswegs Balladen. Quelle: Chimperator
Hamburg

Wenn Max Reckleben von der Liebe singt, dann klingen die Songtitel nicht nach Schubidu. Wenn es etwa um den Liebenden als Beschützer geht, heißt das zugehörige Lied „Medizinmann“. Die Liebe in ihrer draufgängerischen Wollust firmiert als „Dein Prophet“, die schwierige Liebe und der geduldig Liebende steht unter „Olymp“. Die Einsamkeit nach ihrem Verlust heißt eisig „Himalaya“, und die Rachegelüste des Verlassenen tragen den irgendwie ungemütlichen Titel „Das mit dem Hund tut mir leid“. Der Hund im Song ist übrigens vergiftet worden. Mit Austern. Hunden geht es mehrfach schlecht auf dem Album „Wutkitsch“.

Produzent Franz Plasa rief Brett aus Verlegenheit ins Studio

Irgendwie sei das Debüt der Band Brett das persönliche Jahrbuch 2017 von ihm geworden, sinniert der Sänger und Songwriter Reckleben. „Ich habe jemand sehr Liebes verloren“, sagt er. Und darum drehen sich viele Songs. Diese Liebeslieder sind auch definitiv keine Balladen, vielmehr bockige Rocker. Die anderen Stücke, in denen Brett sich an den Zeitläuften reiben, krachen sowieso. Ein schönes, starkes Rockalbum.

Brett sind die Twentysomethings Reckleben, Felix „Stacki“ Stackfleht (Gitarre), Laurenz Gust (Bass) und Stefan Schulten (Schlagzeug). Felix und Max machen schon seit zwölf Jahren zusammen Musik. „Als uns im Harz die Decke auf den Kopf fiel, zogen wir zum Studium nach Hamburg“, erinnert sich Max. Dort stießen die anderen dazu. Zu einem Showcase vor zweieinhalb Jahren wurde über drei Ecken auch Franz Plasa eingeladen, Produzent von Rio Reiser und Selig. „Er ging gleich wieder. Als wir ihn dann anriefen und fragten, wie es ihm gefallen habe, war er verlegen und hat uns in sein Studio eingeladen.“ Das Glück nimmt manchmal winzige Umwege.

Die Sound-Urahnen von Brett spielten in den Sechzigerjahren

Plasa hat ihnen den Namen mehr oder weniger zugewiesen, „nachdem wir uns mit der Suche endlos geplagt hatten. Plötzlich waren wir also Brett“, erinnert sich Reckleben. Und genau so klingt die Musik des Debüts, dem zwei EP vorangingen. Ein zeitgemäß groovendes Hardrockding mit ein bisschen Punk und ein bisschen Queen-Bombast, dessen am deutlichsten heraushörbare Sound-Urahnen in den Sechzigerjahren unterwegs waren – die bluesgeprägten vier von Led Zeppelin und der Gitarren verbrennende Jimi Hendrix.

„Damit sind wir sozialisiert worden“, sagt Reckleben, dessen sirenenartiger, affirmativer Schreigesang perfekt ins Klangbild passt. „Daneben ist so pathetischer Kram drauf, den mancher vielleicht Kitsch nennt“, ergänzt er flapsig. Und meint damit wohl die vielen gebogenen psychedelischen Klänge, die an die „Sergeant Pepper“-Ära erinnern. Einmal stoppt der Rock für eine glitzernde Gitarrenpassage, und die klingt dann wie aus einem Traum von Pink Floyd, wie das tiefblaue Auge eines giftig violetten Sturms.

Mit der fertigen Musik gingen sie ins Studio, wo die Gesangsmelodien und – durchaus zeitaufwendig – Recklebens kluge, emotionale, bildhafte Texte entstanden. Auf Plasas Ermutigung hin probierten sie es in der Muttersprache. „Alle hatten erst Angst, ,Kollisionen von Millionen’ nach der Aufnahme noch mal anzuhören, aber dann gab es überhaupt keine Diskussion mehr. Das hatte eine völlig andere Relevanz. Deutsch hat im Mix eine ganz andere Durchsetzungsfähigkeit, weil es so hart und fies klingt.“

Wut ist durchaus zu spüren

Der Kitsch auf „Wutkitsch“ ist keiner, aber Wut ist schon zu spüren. Die zerrissene Gegenwart steigt herauf, in der alles fest Geglaubte auseinanderstrebt, alles überwunden Geglaubte sein hässliches Haupt neu erhebt. In der ersten Single „Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist)“ verfehlt irgendwo in der Welt eine Drohne ihr Ziel und tötet – natürlich – einen Hund, während sich die gleichgültigen Hipster in den Hamburger Cafés entscheiden müssen „zwischen Latte und Mate-Tee“.

In „Wüste“ geht’s um den Drang zu Konformität. „Wir leben im Mekka der Information, könnte über alles Bescheid wissen, könnten so verschieden sein“, weiß Reckleben. „Am Ende aber wollen alle genauso aussehen, das Gleiche haben. Auch in der Musik. Es gibt Tausende von Sounds, aber statt Diversität zu leben, bewegt sich die Szene um einen winzig kleinen Fixpunkt.“

„Bono“ ist eine Metapher für heuchlerische westliche Generosität

Dann ist da „Bono“, der Song mit dem tiefblauen Auge mittendrin. Den Begriff „politisch“ kann Reckleben nicht leiden, „das ist in Deutschland immer gleich rechts oder links. Wenn ,politisch‘ aber heißt, eine Meinung zu haben, dann ist ,Bono‘ der politischste Song unseres Albums. ,Bono‘ ist für mich eine Metapher für diese heuchlerische westeuropäische Generosität, dieses: Wir retten die Welt.“ Wobei der stets zu guten Taten aufgelegte U2-Sänger im Text nicht namentlich genannt wird.

Damit sind Brett bei Chimperator gelandet, einem Label, das bisher für Hip-Hop (Cro), Cloud-Rap (LGoony & Crack Ignaz) und New Soul (Teesy) stand. „Wir sind da ziemliche Exoten. Die wollten ihr Portfolio ein wenig auffächern“, lacht Reckleben und gibt dem aus den Charts und dem Radio weitgehend verschwundenen Rock erst mal einen mit. „Die Gitarre ist uncool geworden, sie hat ein Identitätsproblem. Da werden seit 40 Jahren keine Grenzen mehr verschoben.“, sagt er. „Ich glaube aber, dass sie wieder kommt.“

Und an dieser Rückkehr wollen Brett teilhaben. Während „Wutkitsch“ auf dem Weg ist, gab es schon ein erstes Treffen der Vier für neue Songs. Das zweite Album kommt bestimmt. Und nur Hunde werden das traurig finden.

Von Matthias Halbig / RND

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