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Alle Farben des Paradiesvogels

Gewandhaus Leipzig: Dennis Russell Davies und die Labèque-Schwestern im Großen Concert Alle Farben des Paradiesvogels

Dennis Russel Davies dirigierte im Leipziger Gewandhaus die Großen Concerte dieser Woche. Auf dem Programm: Werke von Leonard Bernstein Philip Glass und Igor Strawinsky. An den Flügeln: Katia und Marielle Labèque.

Der Komponist und sein Dirigent: Philip Glass (l) mit Dennis Russell Davies.

Quelle: dpa

Leipzig. Es hätte auch ein anständiger Impressionist aus diesem ungestümen Genie werden können. Offenbar hatte der 27-jährige Igor Strawinsky seinen Debussy und Ravel mit Haut und Haaren verinnerlicht, als er 1909/10 in Paris sein Ballett „Der Feuervogel“ komponierte. Doch es sollte anders kommen: Über „Petruschka“, „Sacre“, den Neoklassizismus und die Zwölftönigkeit entwickelte Strawinsky sich zum Chamäleon der Moderne. Jedes Werk ein eigener Kosmos – und doch ein jedes sofort als das seine erkennbar.

Diese Zukunft spannt bereits von innen die vielfarbig schillernde Märchen-Oberfläche dieser Ballettmusik, die Dennis Russel Davies in den Großen Concerten dieser Woche auf dem Pult liegen hat. Und er dirigiert das Gewandhausorchester so, dass sich ihre Konturen bereits erahnen lassen. Obschon ihm mehr an der Farb-Mischung gelegen ist als am Kontrast, mehr an der Einzellinie als an ihrer Schichtung, mehr am Fluss als am hin und wieder auch schon um Emanzipation bemühten Rhythmus. Dennoch zurrt Dennis Russel Davies den „Feuervogel“, den er dankenswerterweise nicht als eine der Suiten dirigiert, sondern in Gestalt der vollständigen Ballett-Musik, souverän zwischen den Zeiten fest: In diesem impressionistischem Zaubervogel pocht bereits das Herz der Moderne.

Dabei lässt der US-Dirigent sich Zeit, viel Zeit. Manchmal zu viel Zeit. Aber die Schönheiten, die er das klanglich bestens aufgelegte Gewandhausorchester während dieser vielen Zeit und an der ziemlich langen Leine produzieren lässt, lassen sie als überschätzte Dimension erscheinen. Dennis Russel Davies kostet die Effekte dieser Wunderpartitur aus. Aber sie geraten ihm nicht zum Selbstzweck, der „Feuervogel“ nicht zum Showstück, sie bleiben eingebunden in ein organisches Ganzes. Da changieren herrliche Streicher Streicherflächen in allen Farben des Paradiesvogels, tiriliert die Soloflöte dem sanften Licht der Oboe entgegen, greifen Horn und Englisch Horn ohne Umwege ans Gemüt. Da krachen aber auch trocken bis brutal die Tutti-Schläge – und zwar gleichzeitig.

Ansonsten ist das Zusammenspiel bei Strawinsky anständig. Es war aber auch schon besser beim Gewandhausorchester. Nicht, dass die Randunschärfen dramatisch wären. Aber man sollte sie am Ohr behalten am Augustusplatz. Zumal sie Werken wie Philip Glass’ Konzert für zwei Klaviere und Orchester, dessen deutsche Erstaufführung Davies im Gewandhaus dirigiert, durchaus den Garaus machen kann.

Auch hier lässt er, sich meist sich aufs Taktieren beschränkend, dem Gewandhausorchester dynamisch viel Spielraum, was viele der Musiker als Ermunterung zur solistischen Ertüchtigung verstehen. Mit dem Ergebnis, dass das Orchester fast immer zu laut ist. Und da es überdies nicht sonderlich präzise spielt, bleibt vom subtilen Zauber der sich immer wieder neu erfindenden Wiederholung auf weiten Strecken nur ein zwar suggestiver, aber auch recht pauschaler Mulm.

Der überdies oft die pianistischen Bemühungen von Katia und Marielle Labèque überdeckt, die in staunenswerter Weise befähigt sind, der Produktion aus Glass’ gewaltiger Komponier-Fabrik Sinn und Leben einzuhauchen. Man hört es im langsamen letzten Satz, man hört es, mehr noch, in der bis zum Rausch sich türmenden Glass-Zugabe (der erste der Four Movements for Two Pianos).

Begonnen hat dieses zweite Große Concert der jungen Saison mit Bernsteins Candide-Ouvertüre. Ein Showstück, ohne Wenn und ohne Aber, das zwar durchaus ein wenig Subtilität vertrüge, aber auch Dennis Russell Davies’ recht robusten Zugriff gut verträgt. Zumal das Gewandhausorchester virtuos und gut gelaunt mitzieht.

Ein schönes Großes Concert mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts, das eigentlich geeignet sein müsste, den Leipzigern ihre unbegründete Angst vor Modernem zu nehmen. Der warme bis begeisterte Applaus lässt hoffen.

Den „Feuervogel“ gibt’s morgen, Samstag, 16 Uhr, noch einmal im von Dennis Russell Davies dirigierten Familienkonzert. Restkarten (16 Euro) an der Tageskasse.

Von Peter Korfmacher

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